Politik

Regierung will jährlich 100.000 Haushalte an Fernwärme anschließen

Fernwärme kommt aus Kraftwerken über Wasserleitungen ins Haus. Nun soll sie zentraler Baustein des „klimaneutralen Umbaus der Wärmeversorgung“ werden. Doch die Fördermittel für Wärmenetze laufen schon in ein paar Jahren aus.
12.06.2023 12:33
Aktualisiert: 12.06.2023 12:33
Lesezeit: 3 min
Regierung will jährlich 100.000 Haushalte an Fernwärme anschließen
Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, spricht neben Carla Hinrichs, Sprecherin der Letzten Generation, während einer Podiumsdiskussion beim 38. Deutschen Evangelischen Kirchentag. Der 38. Deutsche Evangelische Kirchentag findet vom 07. Juni bis 11. (Foto: dpa) Foto: Daniel Karmann

Für klimafreundlicheres Heizen sollen in den kommenden Jahren jährlich Tausende Haushalte in Deutschland Zugang zur Fernwärme bekommen. „Das Ziel ist erstmal, 100 000 Haushalte pro Jahr zusätzlich anzuschließen“, sagte Bauministerin Klara Geywitz am Montag im n-tv-„Frühstart“. In ländlichen Gebieten sei auch Nahwärme etwa über Biomasse vom örtlichen Bauern eine interessante Option.

Fernwärme: Sorgenloses Heizen?

Wer an ein solches Netz angeschlossen sei, müsse sich dann auch keine Gedanken über eine Wärmepumpe oder andere Alternativen machen, betonte Geywitz. „Wenn man im Fernwärmegebiet ist, muss man sich eigentlich um seine individuelle Heizung keinen Kopf machen, sondern kann sich an die Fernwärme anschließen.“

Das umstrittene, im Kabinett bereits beschlossene Gesetz zum Heizungstausch sieht eine solche Regelung bereits vor. Demnach soll auch eine besondere Übergangsfrist gelten, wenn die alte Öl- oder Gasheizung kaputt geht, die Erschließung mit Fernwärme von der Kommune aber bereits zugesagt ist. Eigentümer müssen sich dann verpflichten, den Anschluss an ein Wärmenetz bis allerspätestens Ende 2034 sicherzustellen – und dürfen so lange zum Beispiel noch eine Gasheizung nutzen.

Fernwärme ist Wärme, die nicht im Wohnhaus erzeugt wird, sondern aus einem Kraft- oder Heizwerk in der Umgebung kommt. Meistens wird dort Wasser erhitzt, das dann durch isolierte Rohre in die Häuser geleitet wird. Etwa jede siebte Wohnung in Deutschland wird mit Fernwärme beheizt, 2020 lag die Trassenlänge bei mehr als 31 000 Kilometern. Die Energie stammt aktuell noch zu rund 70 Prozent aus klimaschädlichen, fossilen Energieträgern, also vor allem Kohle und Gas. Bis 2030 sollen die Wärmenetze aber zu mindestens 50 Prozent aus Erneuerbaren Energien oder Abwärme gespeist werden, bis 2045 müssen sie komplett treibhausgasneutral sein.

Habeck fordert „deutliches Aufbruchssignal“

Bei einem Treffen mit Kommunen und Branchenvertretern wollen Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Geywitz (SPD) ein „deutliches Aufbruchssignal“ für den klimaneutralen Um- und Ausbau der Fernwärmeversorgung setzen.

Der Stadtwerkeverband VKU sieht allerdings noch Hürden für einen Ausbau. Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing fordert unter anderem eine längere, milliardenschwere staatliche Förderung. „Ich erwarte vom Fernwärmegipfel einen wesentlichen Impuls und konkrete Vorschläge.“ Die Fernwärme solle und werde einen wesentlichen Beitrag dazu leisten müssen, insgesamt die Wärmewende hinzubekommen. Es dürfe keine Fokussierung nur auf die Wärmepumpe geben. „Sie wird, das wissen auch alle, bei realistischer Betrachtung nur eine Lösung sein.“

Die Bundesregierung plant parallel zur umstrittenen Reform des Gebäudeenergiegesetzes – des sogenannte Heizungsgesetzes – eine Reform der kommunalen Wärmeplanung. Laut Gesetzentwurf sollen Länder und Kommunen in den kommenden Jahren konkrete Pläne vorlegen, wie sie ihre Heizinfrastruktur klimaneutral umbauen wollen. Dies soll Bürgern eine wichtige Orientierung geben, indem sie erfahren, ob ihr Haus bald an ein Fern- oder Nahwärmenetz angeschlossen wird – oder sie ihre Heizung absehbar auf eine Wärmepumpe oder andere Optionen umrüsten sollten.

„Es muss eine Verzahnung des Gebäudeenergiegesetzes mit der kommunalen Wärmeplanung geben“, sagte Liebing. „Am Ende wird über den Ausbau der Fernwärme vor Ort entschieden – durch die Versorger und durch die Kommunen, die Klarheit für die Kunden und für die Netzbetreiber schaffen müssen. Wo sehen sie Potenzial für Fernwärme, wo weniger? Wo geht es eher über elektrische Lösungen? Oder wo geht es vielleicht auch durch die Umstellung von Gas- auf Wasserstoffnetz?“

Förderung für Wärmenetze läuft 2026 aus

Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) sehe ein Potenzial der Verdopplung bis Verdreifachung in der Fernwärme, sagte Liebing. „Aber das braucht Zeit, und es sind kapitalintensive Projekte. Deswegen wird es auch um Finanzierungsfragen gehen“. Die Bundesförderung für Wärmenetze laufe 2026 aus. Eine langfristige Förderung sei notwendig. Bisher seien bis 2026 insgesamt drei Milliarden Euro im Topf. „Diese drei Milliarden Euro brauchen wir aber bis in die Mitte der 30er Jahre jährlich an staatlicher Förderung.“

Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, forderte in der „Rheinischen Post“ (Montag) ebenfalls eine Verzahnung der kommunalen Wärmeplanung mit dem Gebäudeenergiegesetz. „Gleichzeitig müsste über die Länder geregelt werden, dass bei der Etablierung eines Nah- oder Fernwärmenetzes im Regelfall auch ein Anschluss- und Benutzungszwang besteht, um die Wirtschaftlichkeit der Systeme zu sichern“, sagte Landsberg.

Die Deutsche Umwelthilfe forderte verbindliche Ziele für die Umstellung der Fernwärme weg von Kohle und Gas. Der Anteil von 50 Prozent erneuerbarer Wärme beziehungsweise unvermeidbarer Abwärme müsse für alle Wärmenetze bis 2030 verpflichtend werden. Sonst berge ein Ausbau „die Gefahr massiver Fehlinvestitionen“.

Der Vize-Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer, Achim Dercks, sagte der dpa: „Viele Betriebe sehen in der Fernwärme eine Chance für die klimafreundliche Versorgung ihrer Gebäude oder ganzer Gewerbegebiete.“ Darum sei es richtig, den Aus- und Umbau der leitungsgebundenen Wärmeversorgung stärker in den Fokus zu nehmen. „Wie uns die Rückmeldungen aus den Unternehmen vor Ort zeigen, hängt die Akzeptanz dafür aber an wichtigen Voraussetzungen: Im Zentrum stehen dabei wettbewerbsfähige und langfristig kalkulierbare Preise.“

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sieht Fernwärme als „zentralen Baustein für eine erfolgreiche Wärmewende“. Das gelte nicht nur für Städte, sondern biete auch Potenziale im ländlichen Raum, sagte Kerstin Andreae, die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, der „Rheinischen Post“ (Montag). Aus Sicht der Energiewirtschaft sei ein stabiler, planungssicherer und auskömmlicher Förderrahmen notwendig.

Die Verbraucherzentralen fordern mehr Transparenz auf dem Fernwärmemarkt. Wärmenetze seien ein Markt, „wo die Anbieter praktisch unregulierte Monopole haben“, sagte Verbandschefin Ramona Pop den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Neue deutsch emiratische Investitionen stärken Dubais Standortrolle

Die Zeiten, in denen eine Firma vor allem am eigenen Standort und nur begrenzt darüber hinaus florieren wollte, sind vorbei. Heute sind...

DWN
Politik
Politik Deutschland vergreist: Kinderwunsch sinkt – das sind die Folgen
18.09.2026

In Deutschland sinkt nicht nur kontinuierlich die Geburtenrate, sondern erstmals seit vielen Jahren sogar auch der Wunsch nach eigenen...

DWN
Politik
Politik Ursula von der Leyen Rede: Europas neuer Kurs ohne Trump
18.09.2026

Donald Trump kommt nicht einmal vor, dafür kündigt Ursula von der Leyen weitreichende Pläne für Kanada, China und Europas Sicherheit...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street erholt sich nach Fed-Zinserhöhung
17.09.2026

Nach turbulenten Tagen fassen die Anleger wieder Mut – das sind die wichtigsten Treiber der jüngsten Kursbewegung.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Landgericht Frankfurt entscheidet: Meta muss für betrügerische Social-Media-Anzeigen haften
17.09.2026

Fake-Werbung auf Plattformen wie Facebook und Instagram bleibt für Meta nicht länger ohne rechtliche Folgen. Nach einer Entscheidung des...

DWN
Politik
Politik Unerwartete Wende: Russland behält Kontrolle über wichtige Basen am Mittelmeer
17.09.2026

Nach dem Sturz von Bashar al-Assad schien Russlands militärische Präsenz in Syrien infrage zu stehen. Doch nun zeigt sich eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise in Europa: Warum Anleger plötzlich profitieren können
17.09.2026

Die Ruhe an Europas Energiemärkten war offenbar nur geliehen. Öl und Gas verteuern sich wieder, die Inflation bleibt hartnäckig und die...

DWN
Panorama
Panorama Zuwanderung bremst Trend: Immer mehr Menschen in Deutschland leben wieder in Familien
17.09.2026

Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland wohnt zusammen mit Eltern oder Kindern in einem Haushalt. Nach einer langen Phase des...

DWN
Politik
Politik Überwachung und Chat-Weitergabe: BGH lässt EuGH-Datenschutzregeln im Privatleben klären
17.09.2026

Darf man Angehörige heimlich filmen oder private WhatsApp-Nachrichten an Dritte weiterleiten? Zwei verfahrene Alltagsstreitigkeiten...