Politik

Bundesregierung legt erstmals Nationale Sicherheitsstrategie vor

In der von Kanzler Scholz und vier Ministern vorgelegten Nationalen Sicherheitsstrategie bekennt sich die Bundesregierung zu einer stärkeren militärischen Rolle Deutschlands in der Welt. Das Papier nennt auch die größte Bedrohung für Frieden und Sicherheit in Europa.
14.06.2023 15:04
Aktualisiert: 14.06.2023 15:04
Lesezeit: 3 min
Bundesregierung legt erstmals Nationale Sicherheitsstrategie vor
Bundeskanzler Scholz (2.v.l.) und vier seiner Minister am Mittwoch auf dem Weg zur Pressekonferenz zur Nationalen Sicherheitsstrategie. (Foto: dpa) Foto: Michael Kappeler

Angesichts der geopolitischen Veränderungen hat die Bundesregierung erstmals eine Nationale Sicherheitsstrategie beschlossen. In dem Papier bekennt sich die Ampel-Regierung zu einer verstärkten sicherheitspolitischen Rolle Deutschlands in der Welt. Die Verteidigungsausgaben sollen bis in die 2030er Jahre auf das Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten erhöht werden.

Zugleich durchzieht das am Mittwoch von Bundeskanzler Olaf Scholz und vier Ministerinnen und Ministern vorgestellten Papier der Wunsch nach weniger Abhängigkeit von autokratischen Ländern wie Russland oder China sowie die Suche nach neuen Partnern in der Welt. "Das heutige Russland ist auf absehbare Zeit die größte Bedrohung für Frieden und Sicherheit im euroatlantischen Raum", heißt es. Die möglichst enge Zusammenarbeit mit den USA und innerhalb der EU wird betont.

SPD, Grüne und FDP hatten sich erst mit erheblicher Verzögerung auf die Strategie verständigt, die laut Scholz "bald" durch eine eigene China-Strategie ergänzt werden soll. Er betonte, der Schutz der Menschen sei zentrale Aufgabe des Staates. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) unterstrich, dass für die Sicherheit Deutschlands eine "360-Grad-Perspektive" nötig sei. Die Strategie soll am Donnerstag den Ministerpräsidenten erläutert und nach den Planungen der Koalition am Freitag dann im Bundestag diskutiert werden.

CDU-Chef Friedrich Merz erklärte, das Papier sei "inhaltlich blutleer, strategisch irrelevant, operativ folgenlos und außenpolitisch unabgestimmt". Zudem fehle die Abstimmung mit den Bundesländern und den außenpolitischen Partnern. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, leider hebe der Bund die Länder von Anfang an nicht grundlegend und auf Augenhöhe eingebunden. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Michael Roth (SPD) warnte, die Strategie dürfe "nicht wie manch anderes Grundlagenpapier in der Vergangenheit in der Schublade verstauben".

BAERBOCK - PARTNER KÖNNEN SICH AUF UNS VERLASSEN

Außenministerin Annalena Baerbock, die federführend bei der Ausarbeitung war, betonte einen sehr umfassenden Ansatz vom Katastrophenschutz, über die Entwicklungshilfe, den Kampf gegen Klimawandel und den Schutz der Infrastruktur bis hin zur Sicherung der Wasserversorgung. Sie verwies auf das enorme Interesse auch im Ausland an der deutschen Sicherheitsstrategie. "Unsere Partner sollen spüren, dass sie sich auf unser Land verlassen können - so wie wir uns lange auf andere verlassen haben.". Der am 24. Februar 2022 gestartete russische Angriffskrieg gegen die Ukraine habe gezeigt, "dass Frieden und Freiheit nicht vom Himmel fallen".

STEIGENDE MILITÄRAUSGABEN

Ein Element ist das Vorhaben, "im mehrjährigen Durchschnitt" zwei Prozent der Wirtschaftsleistung für Verteidigung auszugeben. "Wir müssen aus der Zeit der Friedensdividende in die Freiheits- und Friedensinvestitionen kommen", sagte Lindner. Zunächst solle dies durch die Kombination des Bundeshaushalts mit Ausgaben aus der Sonderkreditlinie über 100 Milliarden Euro für eine bessere Bundeswehr-Ausstattung erreicht werden. Gegen Ende des Jahrzehnts müsse sich das aber auch im normalen Haushalt abbilden, betonten Scholz, FDP-Chef Lindner und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD).

Die Regierung will einerseits die Kapazitäten etwa bei der Cyberabwehr und im Weltraum ausbauen, andererseits Risiken in der Zusammenarbeit mit Ländern wie China reduzieren. Dazu sollen Unternehmen Anreize bekommen, Reserven an kritischen Rohstoffen anzulegen, wie dies in Ländern wie Japan bereits der Fall ist. "In den Bereichen, wo wir maximal verwundbar sind, müssen wir uns anschauen, ob das unsere Sicherheit gefährdet", sagte Baerbock mit Blick auf Lieferketten. Sie nannte als sensible Sektoren beispielsweise Rohstoffe für den Bau von Solaranlagen oder Windräder und Medikamente.

Fallen gelassen wurde von der Ampel die Einrichtung eines nationalen Sicherheitsrates zur besseren Koordinierung der Außen- und Sicherheitspolitik. Dies scheiterte vor allem an der Frage, wo ein solches Gremium angesiedelt sein könnte.

Eine Änderung gegenüber dem Koalitionsvertrag deutet sich bei Rüstungsexporten an Drittländer an. Eigentlich hatten die Grünen und die SPD-Linken den Kurs verschärfen wollen. Nun sagte Scholz, es bleibe zwar bei strengen Vorgaben. "Aber die strategischen Fragen werden mit berücksichtigt." Baerbock verwies darauf, dass auch ihre Partei bei dem Thema umdenke, was etwa die Waffenlieferungen an die Ukraine zeigten. (Reuters)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Förderprogramm für Azubi-Vermittlung vor dem Aus – trotz offener Ausbildungsplätze
29.09.2026

Viele offene Lehrstellen, viele Jugendliche ohne Perspektive – und trotzdem soll ein bewährtes Förderprogramm für die Azubivermittlung...

DWN
Finanzen
Finanzen Geldvermögen: Haushalte so reich wie nie - Rekordsumme ungleich verteilt
29.09.2026

Das weltweite Geldvermögen erreicht laut Allianz ein Rekordhoch. Doch der Zuwachs kommt bei Milliarden Menschen nicht an. Die Unterschiede...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Funflation: Warum selbst der Spaß immer teurer wird
29.09.2026

Urlaub, Restaurant oder Hobby: Wer seine Freizeit genießen will, muss immer tiefer in die Tasche greifen. Eine Analyse der Bank of America...

DWN
Politik
Politik Kippt der Länderfinanzausgleich? Union droht bei Linksregierung mit Geldentzug
29.09.2026

Nach dem Wahlsieg der Linkspartei in Berlin könnte diese bald die Regierung anführen. Die CDU- und CSU-geführten Bundesländer drohen...

DWN
Finanzen
Finanzen Reicher Westen, armer Osten: Enorme Vermögensungleichheit verschärft sich 2025
29.09.2026

Am 36. Jahrestag der Wiedervereinigung herrschen enorme Unterschiede bei der Vermögensverteilung: Alleine im Jahr 2025 entfielen 95...

DWN
Politik
Politik Deutschland vergreist: Kinderwunsch sinkt – das sind die Folgen
29.09.2026

In Deutschland sinkt nicht nur kontinuierlich die Geburtenrate, sondern erstmals seit vielen Jahren sogar auch der Wunsch nach eigenen...

DWN
Finanzen
Finanzen Lateinamerika-Aktien: Das Comeback, das kaum jemand auf dem Radar hat
29.09.2026

Jahrelang mieden Anleger Lateinamerika, nun schlägt die Region sogar den S&P 500. Rohstoffe, Banken und überraschend niedrige Bewertungen...

DWN
Politik
Politik Personalie Jens Spahn: Doch kein Comeback im Haushaltausschuss
29.09.2026

Der Skandal um die Leihmutterschaft kostete Jens Spahn seinen Posten an der Spitze der CDU‑Fraktion. Im Haushaltsausschuss wollte er...