Politik

DWN Exklusiv – Folker Hellmeyer: „Wir erleben die größte existenzielle Krise seit 1949“

Lesezeit: 14 min
28.05.2023 09:00
Die Machtachsen verschieben sich zu Ungunsten des Westens, konstatiert Folker Hellmeyer, Experte für Weltwirtschaft und Geopolitik. Ein Gespräch über Deutschlands prekäre Verfassung in der Zeitenwende, den Aufstieg des Globalen Südens und die gefährliche Lage, in der sich Europa befindet.
DWN Exklusiv – Folker Hellmeyer: „Wir erleben die größte existenzielle Krise seit 1949“
Die Machtverhältnisse auf der Welt ändern sich. Deutschland ist für die Zeitenwende schlecht aufgestellt. (Foto: istockphoto.com/M-Production)

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Seit April 2022 bekleidet Folker Hellmeyer die Position des Chefvolkswirts bei der Netfonds AG. Er war zuvor von 2018 bis 2021 Chefanalyst der Solvecon Invest GmbH. Von 2002 bis 2017 fungierte er als Chefvolkswirt/Chefanalyst der Bremer Landesbank. Davor war Herr Hellmeyer unter anderem für die Deutsche Bank in Hamburg und London als Senior Dealer und Chefanalyst der Landesbank Hessen-Thüringen tätig. Als Kommentator des Geschehens an den internationalen Finanzmärkten ist er u. a. regelmäßig bei n-tv, Welt TV und anderen Sendern zu sehen. Mit seinem Buch „Endlich Klartext“ wirft er einen Blick auf das US-Finanzsystem und den dazugehörigen Wirtschaftsdaten und setzt sich damit kritisch und unterhaltsam auseinander.

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Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Hellmeyer, Bundeskanzler Olaf Scholz hat zu Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine davon gesprochen, dass wir Zeugen einer Zeitenwende sind. Hat er Recht?

Folker Hellmeyer: Ja, wir erleben eine Zeitenwende, da stimme ich Scholz zu. Es aber auf den 24. Februar zu verkürzen, verbietet sich in meinen Augen. Diesbezüglich möchte ich Herrn Kissinger ins Spiel bringen, der aktuell in einem Interview sagte, dass es eben nicht nur die Schuld von Putin sei – fraglos hat er diesen Krieg begonnen – sondern dass die Grundlagen für diesen Krieg lange vorher gesetzt wurden. Und insofern ist es eine Zeitenwende, die einen Vorlauf hat.

Es ist vor allem deswegen eine Zeitenwende, weil sich mit dieser militärischen Operation, mit dem Ukraine-Krieg, eine neue Konstellation in der Weltwirtschaft ergeben hat, die so vom Westen überhaupt nicht erwartet worden ist. Das heißt, der Globale Süden emanzipiert sich in einer dynamischen Form wie nie zuvor und der Westen findet sich isolierter als jemals zuvor seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Und insbesondere für Deutschland ist es eine Zeitenwende, weil Deutschland von der Weltwirtschaft mehr als jedes andere Land aufgrund seiner Import- und Exportabhängigkeit abhängig ist. Damit ergeben sich für Deutschland viel markantere Risiken als für die restlichen Länder der westlichen Welt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Zuletzt war Deutschland in mehreren internationalen Rankings zur Wettbewerbsfähigkeit und zur Standort-Attraktivität abgerutscht. Welche Gründe sehen Sie dafür? Was sind die größten Herausforderungen, denen wir uns in den kommenden Jahrzehnten stellen müssen?

Folker Hellmeyer: Deutschland hat es in den letzten 15 Jahren versäumt, sich zu reformieren, sich zu restrukturieren, sich den Herausforderungen der Zukunft zu stellen. Damit sage ich ganz deutlich, dass die Verantwortung für die aktuelle Situation nicht alleine bei der aktuellen Regierung, sondern vielmehr auch bei den Vorgängerregierungen liegt. Deutschland hat im Süden Europas bei den Problem- und Schuldenländern Reformen eingefordert. Nur wir selbst haben keine Reformen gemacht oder sogar Reformen zurückgedreht.

Das ist das Grundproblem und hier möchte ich einen kurzen Exkurs einschieben: Ich bin ein Fan von Aristoteles und übersetzt auf Wirtschaft und staatliche Gebilde sagte er: wer Strukturen verändert, der verändert nachhaltig die Konjunkturverläufe und dann die Einkommen. Jetzt erleben wir, dass Deutschland mit das schwächste Glied der Eurozone ist. Dabei waren wir noch vor rund zehn Jahren das Paradepferd. Das ist, was wir derzeit erleben.

Welchen Problemen sind wir konkret ausgesetzt? Wir sprechen dabei zum einen über unsere klassische Infrastruktur. Dort haben wir massivste Probleme im Sinne einer internationalen Konkurrenzfähigkeit und Effizienz. Dann reden wir über die IT-Infrastruktur: da sind wir nicht attraktiv aufgestellt. Auch dort belegen wir hintere Plätze. Bei der IT-Infrastruktur geht es um Investitionen, um nachhaltige Ansiedlung, um die Erhöhung von Potenzialwachstum.

Dann schauen wir weiter: die Bildungspolitik. In der Bildungspolitik fallen wir zurück. Selbst ein Land wie Vietnam ist mittlerweile in den MINT-Fächern stärker als Deutschland. Auch auf dieser Ebene haben wir keine Attraktivität. Dann gehen wir weiter: wir sind ein Hochsteuerland. Es gibt kaum ein Land, das eine höhere Besteuerung aufweist als Deutschland. Das ist nicht attraktiv, das verhindert Investitionstätigkeit. Darüber hinaus sind wir ein Land mit der höchsten Bürokratiedichte, die lähmend auf die Prozesse wirkt. Auch das stellt einen massiven Nachteil dar.

Und dann kommen wir zum letzten Punkt – und der ist in meinen Augen von höchster Bedeutung. Dann reden wir über die Energiepolitik. Da gibt es zwei Ebenen. Die eine ist die Versorgungssicherheit – und die Versorgungssicherheit ist nachhaltig strukturell nicht gegeben vor dem aktuellen Hintergrund – auch was die Netzkapazität und die Planung anbetrifft. Also hinter der Versorgungssicherheit stehen viele Fragezeichen mit den lauernden Risiken von Brownouts und Blackouts. Das ist nicht attraktiv für einen Wirtschaftsstandort.

Darüber hinaus stellt die Preislichkeit ein Problem dar. Wir können uns darüber freuen, dass die Preise dramatisch zurückgegangen sind. Aktuell liegen wir beispielsweise bei Erdgas auf dem niedrigsten Niveau seit März 2021. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt, sondern wichtig ist der relative Vergleich mit anderen Wirtschaftsräumen. Insbesondere vor dem Hintergrund des IRA-Programms, eines Subventionsprogramms in den USA im mittleren dreistelligen Milliardenbereich.

In den USA zahlen Unternehmen für Gas circa ein Fünftel des Preises, den wir hier zu berappen haben. Bei Strom liegen die Preise bei uns 300 bis 400 Prozent höher als in den USA. Deutschland ist aber der energieintensivste Industriestandort der Welt. Und damit sind wir bezüglich der Energie-Versorgungssicherheit (ganz wichtig für Investitionen) und Energie-Preislichkeit nicht wettbewerbsfähig – darauf hat auch der BDI kürzlich verwiesen.

Das heißt, wir sehen eine Phalanx von elementarsten Themen, bei denen wir im internationalen Vergleich zurückgefallen sind und das manifestiert sich jetzt auch in harten wirtschaftlichen Fakten. Deutschland ist jetzt in eine Rezession gefallen, wir sind in der Attraktivitätsanalyse innerhalb Europas und auch innerhalb des Westens weit auf die hinteren Plätze zurückgefallen.

Frankreich – und übrigens auch die Reformländer der Eurozone – weisen hier bezüglich Investitionstätigkeit und bezüglich der Konjunkturdaten eine deutlich bessere Performance als Deutschland auf. Vor zehn Jahren war eine derartige Entwicklung im Mainstream undenkbar. Ich hatte seinerzeit (Aspekt Aristoteles) auf dieses Risiko verwiesen. Das ist ein politisches Versagen, weil am Ende die Bundesregierungen – insbesondere die Regierungen unter Angela Merkel – nicht in ausreichendem Maße gestaltet, sondern viel zu oft verwaltet haben. Von einer Regierung erwartet man aber Gestaltung, eine Anerkennung der Probleme, die in der Zukunft auftreten können, darauf sinnstiftende Antworten zu finden und diese in politische Maßnahmen abzuleiten, welche die Zukunftsfähigkeit des Standortes erhalten. Und genau hier sind in massivster Form Fehler gemacht worden.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Angesichts dieser enormen Herausforderungen brauchen wir die besten Köpfe in den Führungsetagen der Politik. Haben wir mit Blick auf unsere Spitzenpolitiker ein Qualitätsproblem?

Folker Hellmeyer: Das ist ein Kernproblem, aber das ist ein Problem, das sich nicht erst mit dieser Regierung auftut. Auch in diesem Bereich haben wir das Problem im Grunde genommen seit den Merkel-Jahren. Ich denke, dass wir uns bezüglich des Geschäftsmodells in der größten existenziellen Krise seit 1949 befinden. Dann braucht man das bestmögliche Personal, wir haben aber definitiv nicht das bestmögliche Personal, sondern wenn wir uns das im historischen Verlauf anschauen, dann haben wir derzeit sicherlich ein unterproportionales Qualitätsniveau.

Aber Politiker alleine sind ja nicht entscheidend, sondern es geht auch immer darum, mit welchen Kräften der Beratung man sich auseinandersetzt. Und hier verfüge ich über persönliche Erfahrungen – auch aus meiner Zeit als Chefvolkswirt der Bremer Landesbank – dass man sich in Berlin immer gern, und wir reden jetzt wieder von den Merkel-Jahren, dass man sich in Berlin gerne mit jenen Fachleuten umgab, die opportunistisch im Sinne der Politik agierten und nicht mit denen, welche die kritischen Themen ansprachen.

Kritische Themen sind unangenehm, weil sie unangenehme politische Maßnahmen erforderlich machen. Dem ging man opportunistisch aus dem Wege. In Berlin wurden im Rahmen der politischen Steuerung Echo-Kammern aufgebaut. Man versäumte es in der Folge, die Dinge analytisch so zu durchdringen, dass die notwendigen Entscheidungen für Deutschland und Europa forciert wurden.

Die einzige Ausnahme – und das rechne ich Frau Merkel auch an – war die Euro-Defizitkrise, in der die Bundesregierung den notwendigen Druck aufgebaut hat, damit die Reform-Länder ihre Strukturen dahingehend verändern, dass sie heute Deutschland wie bereits angesprochen überholen und auch bei den Strukturdaten immer besser und attraktiver werden.

Aber genau das hat Deutschland für sich nicht gemacht und das ist für mich im Grunde genommen auch Ausdruck einer Asymmetrie. Man kann es auch als eine politische Schizophrenie, geboren aus einer gewissen Hybris der Überlegenheit in der Vergangenheit, interpretieren.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Vor einigen Wochen warnte der französische Präsident Emanuel Macron, Europa dürfe in wichtigen Fragen der Weltpolitik nicht zu einem Vasallen der Vereinigten Staaten werden. Es gelte vielmehr, eine strategische Autonomie zu entwickeln. Teilen Sie seine Meinung?

Folker Hellmeyer: Ich stimme Macron absolut zu. Eigentlich stimmt er mir zu, denn das ist Etwas, was ich seit 15 Jahren in meinen verschiedenen Funktionen latent einfordere: eine Emanzipation Europas, weil es keine Interessengleichheit zwischen Europa und den USA in der Gesamtheit gibt.

Wir haben unterschiedlich differenzierte Geschäftsmodelle in der Ökonomie, differenzierte Sozialmodelle, wir haben unterschiedliche geografische Aufstellungen – und daraus ergeben sich Notwendigkeiten einer anderen Steuerung. Diese bitter notwendige Emanzipation ist aber insbesondere in den Merkel-Jahren sträflich vernachlässigt worden. Das gilt aber nicht nur für Berlin, sondern das gilt für die gesamte Europäische Union.

Das Problem besteht heute in der Tat darin, dass man Deutschland und die Europäische Union außenpolitisch nicht mehr ernstnimmt. Und das ist besonders für Deutschland ganz bitter, weil immer in Phasen – ob bei Konrad Adenauer, Willy Brandt oder Helmut Schmidt, Helmut Kohl oder Gerhard Schröder aber auch noch in den Anfangsjahren von Frau Merkel – weil man uns weltweit immer wahrgenommen hatte als einen ehrlichen Makler, der tendenziell neutrale Positionen einnahm.

Das war der Grund dafür, dass UN-Generalversammlungen immer brechend voll waren, wenn ein deutscher Kanzler sprach, weil man wissen wollte, was Deutschland zu sagen hatte zu den kritischen Themen der jeweiligen Zeit. Als Herr Scholz vergangenes Jahr vor der Generalversammlung sprach, war diese gähnend leer. Jetzt wird Deutschland, das so abhängig ist vom Im- und Export – die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt – jetzt werden wir wegen der Nichtwahrnehmung eigener, deutscher und/oder europäischer Interessen international nicht mehr im erforderlichen Maße ernstgenommen. Dass das Ganze vielleicht jetzt noch potenziert wird durch das Auftreten von Frau Baerbock bar jeder diplomatischen Form ist noch einmal ein anderes Thema.

Diese Tendenz ist bitter, gerade für unsere Unternehmen – und jetzt kommt der Rückschluss zur Ökonomie: unsere Unternehmen, die in Deutschland und Europa ansässig sind, haben ein Recht darauf, dass ihre Interessen international durch unsere Politik vertreten werden. Wenn unsere Politik nicht mehr ernstgenommen wird, dann können wir die Interessen unserer Standorte nicht mehr verteidigen. Dann befinden sich andere Regionen in einem viel besseren Fahrwasser. Das ist ein „Soft Spot“, der da bedeutet: der Standort Deutschland hat im Sinne der außenpolitischen Vertretung seiner Interessen massiv gelitten so wie noch nie in der Geschichte, seit es die Bundesrepublik gibt.

Das sind aus meiner Sicht Themen, die im medialen Diskurs überhaupt nicht im erforderlichen Maße bewegt werden. Sie sind aber von enormer Wichtigkeit. Und wenn jetzt BDI und DIHK warnen, dass immer mehr Unternehmen Deutschland den Rücken kehren, dann ist das prekär. Lassen Sie mich das bitte einmal ausführen, weil das von enormer Wichtigkeit ist:

Viele denken, wenn etwas schiefgeht, dann springt der Staat ein. Der Staat verdient aber kein Geld – es sei denn bei anormalen Situationen wie bei Negativzinsen. Der Staat verteilt vielmehr um. Alle Einkommen für den Staat und die privaten Haushalte werden durch Unternehmen generiert! Und man nennt die Summe aller Unternehmen den Kapitalstock. Und wenn dieser Kapitalstock mangels ausbleibender Investitionen kleiner wird, dann gibt es immer weniger zu verteilen, dann wird immer weniger Wohlstand geschaffen und dann gibt es gezwungenermaßen auch immer weniger Sozialstaat, weil man sich das nicht mehr leisten kann. Griechenland kann ein Lied davon singen, wenn wir die Phase zwischen 2010 und 2017 betrachten.

Wir spielen ergo heute nicht nur mit der Frage, ob bei uns noch investiert wird oder nicht. Wir spielen mit der Frage nicht nur der ökonomischen, sondern auch der gesellschaftspolitischen und politischen Stabilität. Und diesbezüglich möchte ich daran erinnern, dass es im vergangenen Jahrhundert nach der Wirtschaftskrise von 1929 bis 1932 – weil die Ökonomie nicht lief, weil die Grundversorgung nicht gegeben war, weil der Staat seinen Aufgaben nicht nachkommen konnte aufgrund der ökonomischen Schwäche – zur politischen Wende des Jahres 1933 kam. Das sind Dinge, die heute im Diskurs ausgeblendet werden. Wir brauchen ökonomische Stabilität, um die gesellschaftspolitische und politische Stabilität hier in Deutschland und Europa zu gewährleisten.

Auf diesen Gebieten gibt es derzeit Anfechtungen, die in meinen Augen seit 1949 historisch einmalig sind – einmal durch eigene Fehler, aber auch durch Politik von außen wie zum Beispiel dem amerikanischen IRA-Programm. Die USA versuchen aus unserer strukturellen Schwäche, die wir wegen einer fehlgeleiteten Politik haben, jetzt Teile unseres Kapitalstocks in die USA zu ziehen. Und das funktioniert und ich kann den Unternehmen nicht einmal einen Vorwurf machen. Die müssen primär die Interessen ihres Unternehmens im Auge behalten, die haben keine Primärloyalität gegenüber einem Staat.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Auf dem Globus verschieben sich die Kräfteverhältnisse: Chinas Bedeutung nimmt ebenso rasch zu wie diejenige anderer großer Staaten des Globalen Südens. Welche Triebkräfte stehen hinter dem Aufstieg des Globalen Südens und dem relativen Abstiegs des Westens?

Folker Hellmeyer: Es sind ökonomische Kräfte und diese ökonomischen Kräfte sind korreliert mit einer Strukturpolitik in diesen Ländern. Schauen wir uns eine Statistik der Weltbank an: Das akkumulierte Wachstum der Volkswirtschaften von 2000 bis zum Jahr 2020. Dort steht Deutschland bei 120 Prozent, die USA bei 125 Prozent, Indien bei 468 Prozent, Russland bei 476 Prozent, Indonesien bei 627 Prozent, China bei 1.125 Prozent.

Chinas Wachstum stellt knapp das Zehnfache des deutschen Wachstums über diese beiden Dekaden hinweg dar. Und das hängt damit zusammen, dass man dort die Leistungsgesellschaft lebt und dass man die richtige Strukturpolitik betreibt. Und jetzt kommen wir zum nächsten Punkt: während wir früher Schwellenlandkrisen hatten, weil diese Länder überwiegend hoch verschuldet waren, über hohe Inflation klagten und Außenhandelsdefizit aufwiesen, hat sich das Bild nun grundlegend geändert. Wir finden heute eine Situation vor, in der der Westen die schwachen Strukturdaten aufweist und die aufstrebenden Länder mittlerweile starke Daten aufweisen.

Um das mal deutlich zu machen: die Eurozone verzeichnet derzeit einen Anstieg der Verbraucherpreise um 7 Prozent – und China um 0,1 Prozent. Russland hat 2,3 Prozent, Indien 4,7 Prozent, Vietnam 2,8 Prozent. Wir können jede Zahlenkolumne durchgehen und dann sehen wir, dass diese Länder in der Weltwirtschaft immer potenter geworden sind – quantitativ bezüglich der Größe der Volkswirtschaft, aber auch qualitativ hinsichtlich der Strukturdaten (Außenhandel, Devisenreserven).

Noch ein Zahlen-Bingo: 1980 hatte der Westen einen Anteil an der Weltwirtschaft von 80 Prozent und der Rest der Welt trug 20 Prozent bei. Heute haben die aufstrebenden Länder einen Anteil an der Weltwirtschaft von knapp 70 Prozent, der Westen hat gerade mal noch gut 30 Prozent. Damit ergibt sich eine finanzökonomische Verschiebung der Machtachsen zugunsten dieser Länder, die auch politisch gespiegelt werden muss. Und darum geht es aktuell: der Globale Süden spielt nicht mehr mit bei G20 – jetzt haben wir G13 und G7 unter dem Dach G20. Das hängt auch damit zusammen, dass G7 immer noch die devote Haltung der Schwellenländer einfordert, so als kontrollierten wir weiterhin 80 Prozent der Weltwirtschaft. Das ist absurd.

Ich war diesbezüglich sehr glücklich darüber, dass Bundeskanzler Scholz jüngst auf die westliche Doppelmoral und asymmetrische Anwendung des Völkerrechts eingegangen ist. Er versäumte, auf die wirtschaftliche Machtachsenverschiebung einzugehen, die die Fortsetzung dieser vom Westen praktizierten Vorgehensweise mehr als nur in Frage stellt.

Interessanter ist, dass mit diesen veränderten Wirtschaftskonstellationen zu Gunsten des Globalen Südens politische Strukturen seitens des Globalen Südens etabliert werden. Die Koordination dieser Wirtschaftsmacht in Form von Beitritten zu den BRICS-Ländern (19 Staaten wollen derzeit in das BRICS-Format eintreten), die Zunahme der Bedeutung der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit, das größte Freihandelsabkommen der Welt RECP – in dessen Rahmen nicht in nationales Recht eingegriffen wird, sondern in dessen Rahmen einfach die Zölle um 80 Prozent gekürzt werden – das ist alles ein Ausdruck von Emanzipation, deren Kern bedeutet, dass diese Länder es leid sind, sich weiterhin vom Westen vorführen oder missbrauchen zu lassen.

Ergo, es tut sich im Moment etwas und das geht zulasten der Machtachse des Westens. Bisher sind wir nicht bereit, das zu akzeptieren und unter Umständen sind die Regime Chance-Politikansätze, die wir in den letzten gut 20 Jahren in diesem Jahrtausend erlebt haben, damit korreliert. Am Ende geht es vielleicht gar nicht so sehr um Demokratie und die Menschen, sondern vielleicht geht es vielmehr – siehe Afghanistan, Libyen, Syrien, Ukraine – um das Thema Erhaltung hegemonialer Machtstrukturen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: China gehört heute zu Deutschlands wichtigsten Handelspartnern und ist ein unersetzlicher Absatz- und Forschungsmarkt für deutsche Großkonzerne. Die Deutschen haben in den vergangenen Jahrzehnten zudem massiv von preisgünstigen Waren „Made in China profitiert. Auf der anderen Seite gibt es einige politische Zirkel in Deutschland und im Westen, die China primär als Bedrohung darstellen. Wie passt das zusammen? Können wir nicht in einem „Win-Win-Szenario“ mit den Chinesen zusammenarbeiten?

Folker Hellmeyer: Wir müssen zur Beantwortung dieser Frage in die Geschichte zurückschauen. Ich glaube, der entscheidende Punkt ist hier wieder, dass wir Europäer keine eigenständige Position eingenommen haben. Die USA haben, weil sie die Verschiebung der eben angesprochenen finanzökonomischen Machtachse erkannten, China und auch Russland sehr frühzeitig als strategische Gegner in der Außenpolitik definiert.

Konkret umgesetzt haben sie dies über das westlich dominierte und über Organisationen wie Weltbank, IWF und Welthandelsorganisation abgestützte System. Die USA haben bewusst noch unter Präsident Obama die WTO – und die WTO ist das Skelett, an dem sich die gesamte Globalisierung aufbaut, der Gesetzesrahmen für internationalen Wirtschaftsverkehr – sie haben bewusst alle sechs Schiedsgerichtshöfe der WTO zerstört, indem sie verhinderten, dass Richterposten besetzt wurden.

Wir haben heute also eine WTO mit Gesetzen, die gelten sollten, aber wir verfügen mit Blick auf die fehlende Schiedsgerichtsbarkeit nicht mehr über die Durchsetzungsmöglichkeiten. Dann begannen die USA, gegenüber China auf Basis von nicht bewiesenen Vorwürfen – und das ist bis heute so geblieben – eine Sanktionspolitik bar jeder völkerrechtlichen Grundlage umzusetzen. Erinnert sei daran, dass nur von den Vereinten Nationen verfügte Sanktionen völkerrechtskonform sind

Europa hat sich dem Druck der USA zunächst entzogen, aber wir sind auch im Zuge der Ukraine-Krise viel stärker in dieses antichinesische Fahrwasser hineingelaufen. Ich halte das für insofern riskant, als dass China inzwischen für knapp 20 Prozent der Weltwirtschaft steht. China ist heute in den Lieferketten unersetzlich in allen Bereichen. Und China ist heute übrigens in vielen Wissenschaftsfeldern weltweit führend. Es gibt also nicht nur chinesische Spionage bei uns, sondern auch eine westliche Spionage dort, weil sie eben was zu bieten haben.

Ich wünschte uns in Europa die Weisheit, dass man die Erfahrungen der Hanse ernster nähme. Ja, es ist richtig, dass es im bilateralen Verhältnis der EU zu China Fehlentwicklungen gegeben hat, da fehlte Augenhöhe. Aber das kann man politisch alles bewegen, aber bitte nicht konfrontativ über Medien, sondern diplomatisch in Konferenzen. Wir wählen derzeit einen Weg, der extrem konfrontativ ist und der im Rest der Welt kaum goutiert wird. Die Rolle Deutschlands, weltweit als ehrlicher Makler wahrgenommen zu werden, ist inzwischen verspielt und man ist in Deutschland von der US-Außenpolitik vereinnahmt worden.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: In Ihren Vorträgen und Schriften verweisen Sie öfters auf die Hanse. Was können wir heute noch von der Hanse lernen?

Folker Hellmeyer: Das Erste ist, dass wir Toleranz wirklich leben müssen. Die Hanse steht für Toleranz. Wir wissen heute, dass es sehr unterschiedliche Kulturen gibt und dass unterschiedliche Kulturen unterschiedliche Moralvorstellungen haben. Wir haben in Deutschland ein Anti-Diskriminierungsgesetz, wir hängen teilweise sogar aus Rücksichtnahme Kruzifixe ab. Im Innenverkehr leben wir also absolute Toleranz, leben wir die eigentlich auch im Außenverkehr?

Fakt ist, wir haben es heute mit einer konfuzianischen Moral und Kultur in China, einer hinduistischen, einer buddhistischen, einer christlich-katholischen, einer christlich-protestantischen, einer christlich-russisch-orthodoxen, einer christlich-griechisch-orthodoxen Kultur und Moral zu tun. Es gibt also sehr unterschiedliche Vorstellungen. Mit welchem Recht fordert der Westen ein, dass seine Moralvorstellungen von anderen Kulturen eins zu eins übernommen werden müssen? Echte Toleranz würde bedeuten, diese Unterschiede anzuerkennen, denn diese anderen Kulturen haben ihren begründeten Ursprung in der Historie dieser Länder.

Jetzt kommen wir zur Hanse. Wenn man gemeinschaftliche Interessen hat, dann ist die Nutzung des ultimativen Mittels der Politik, des Krieges, unwahrscheinlicher, als wenn es diese Interessen nicht gibt. Das bedeutet, Wirtschaftspolitik ist Friedenspolitik. Das funktioniert nicht immer, aber es funktioniert meistens. Und auf das „meistens“ sollte man Acht geben, denn man sollte Politik nicht auf Ausnahmen aufbauen, sondern immer auf den höchsten Wahrscheinlichkeiten.

Darüber hinaus führt ökonomischer Austausch zu kulturellem Austausch und damit zu Annäherung. Und das ist der Punkt, den wir vergessen haben – meines Erachtens in den letzten zwanzig Jahren insbesondere nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Seitdem herrscht eine Neuausrichtung westlicher Politik, die zunehmend auf unserer Moral basiert, die wir heute vermehrt über das Völkerrecht stellen. Moral über Recht zu setzen, zerstört das Recht. Ich halte diesen Ansatz für im höchsten Maße fragwürdig, weil es nicht nur eine Moral, sondern viele gibt. Dem gilt es Rechnung zu tragen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was können die Bürger tun, um ihr Vermögen zu beschützen? In welche Wertanlagen sollten sie angesichts der geopolitischen Spannungen und einer rezessiven Wirtschaft verstärkt investieren?

Folker Hellmeyer: Ich bin für die Weltwirtschaft zuversichtlich. Wenn wir die aktuellen IWF-Prognosen betrachten, dann wächst die Wirtschaft mit knapp drei Prozent dieses Jahr und nächstes Jahr mit drei Prozent. Das Interessanteste ist, das die aufstrebenden Länder durchschnittlich mit rund vier Prozent wachsen und damit dreimal so schnell wie die industrialisierten Nationen. Dem sollte man bei Anlagen Rechnung tragen.

Wenn wir eins lernen aus der Geschichte, dann, dass Geld gefährlich ist. Gerade in der deutschen Geschichte hat sich dieser Grundsatz gezeigt. Man hatte sein Geld 1918 und 1945 verloren. Interessant sind deshalb Unternehmen, die für die Grundversorgung der Menschheit unverzichtbar sind – die Deutsche Bank existiert seit 1871, Siemens seit den 1840er Jahren – diese Unternehmen haben alle Krisen überlebt. Das bedeutet: investieren in global tätige Unternehmen, auf die die Welt nicht verzichten kann.

Daneben halte ich Edelmetalle für attraktiv. Diese Attraktivität nimmt in der Tendenz auch weiter zu. Das heißt nicht, dass sie morgen im Preis steigen, aber wenn man mittel- und langfristig sein Kapital sichern will, dann sollten mindestens zehn Prozent des freien verfügbaren Vermögens in Edelmetallen physisch allokiert sein – physisch wohlgemerkt, also jederzeit zugreifbar.

Darüber hinaus bieten Geschäftsmodelle Chancen, die Zukunftsperspektiven aufweisen und auch als Disruptoren für andere Wirtschaftsmodelle auftreten. Da reden wir beispielsweise über Künstliche Intelligenz mit ihren diversen Unternehmen. Wenn man hier in große führende Unternehmen investiert, dann halte ich das angesichts der zu erwartenden Entwicklung auch für wichtig und richtig.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Hellmeyer, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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Zum Forex Report

Der Forex Report wurde 1997 von Folker Hellmeyer als Tagesreport in seiner Funktion bei der Helaba erstmalig veröffentlicht und seitdem weiterentwickelt. Der Report gibt einen Überblick über aktuelle marktrelevante Nachrichten als auch Finanzmarktinformationen, unter anderem die „Börsenampel“. Das Kernstück ist der pointierte Kommentar, der sowohl Geopolitik, Politik, Wirtschaft und Marktreaktionen aufnimmt und die darin liegenden Komplexitäten informativ, unterhaltend und verständlich aufschlüsselt. Nach einem „Winterschlaf“ von sechs Monaten verfassen Folker Hellmeyer zusammen mit Christian Buntrock den Report nun unter der Flagge der Netfonds AG.



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