Finanzen

Steht die deutsche Wirtschaft vor einem Niedergang – und wie schützen sich Anleger? 

Die Warnungen vor einem langen wirtschaftlichen Abstieg Deutschlands werden lauter. Anleger sollten jetzt diese Fehler vermeiden.
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17.06.2023 09:17
Aktualisiert: 17.06.2023 09:17
Lesezeit: 4 min
Steht die deutsche Wirtschaft vor einem Niedergang – und wie schützen sich Anleger? 
Nicht nur die Schuld der Ampel: Jahrzehntelange fehlerhafte Energiepolitik, der Ausstieg aus Autos mit Verbrennungsmotor und ein schleppender Übergang zu neuen Technologien stellen die grundlegendste Bedrohung für den Wohlstand des Landes seit der Wiedervereinigung dar, urteilen Analysten. (Foto: dpa) Foto: Kay Nietfeld

Immer mehr Stimmen befürchten einen langen Niedergang der deutschen Wirtschaft. Kürzlich schätzten etwa Bloomberg-Analysten, Deutschlands Wirtschaft werde jahrzehntelang nicht über ein Prozent pro Jahr wachsen.

„Jahrzehntelange fehlerhafte Energiepolitik, der Ausstieg aus Autos mit Verbrennungsmotor und ein schleppender Übergang zu neuen Technologien stellen die grundlegendste Bedrohung für den Wohlstand des Landes seit der Wiedervereinigung dar“, schreibt Bloomberg. Der Bundesregierung fehle es an Führung, um das Ruder herumzureißen.

Gleichzeitig würden in den kommenden zehn Jahren rund 3 Millionen Fachkräfte in Rente gehen. Pro Jahr seien 400.000 Zuwanderer nötig, um die Erwerbsbevölkerung stabil zu halten. Dass das gelingt, hält Bloomberg aber für wenig wahrscheinlich. Denn höchstens die Hälfte der seit 2015 zugewanderten Asylbewerber gehe bislang einer Erwerbstätigkeit nach.

„Geschäftsmodell steuert auf strukturellen Niedergang zu“

Der kritische Ökonom Daniel Stelter bezeichnete die Lage im DWN-Interview als „dramatisch“. Ländervergleiche zur Wettbewerbsfähigkeit beschönigten die Entwicklung, weil die meisten dahinter stehenden Indikatoren vergangene Leistungen messen würden. „Wir haben mehr als 20 Jahre nicht ausreichend in das Land investiert, die Infrastruktur bröselt. Das Schulsystem sinkt ebenfalls seit langem im Standard und wir haben fast 3 Millionen junge Menschen ohne Berufsabschluss“, sagte Stelter.

Die Politik wolle Lasten weiter erhöhen, aber lasse die Einnahmen überwiegend ins Ausland und in Konsum fließen. „Das Geschäftsmodell steuert meines Erachtens auf einen strukturellen Niedergang zu“, sagte Stelter. Mit möglicherweise fatalen Folgen: „Ohne ein starkes Deutschland kommt der Euro ins Strudeln“, warnte er weiter. „Wir sollten uns nichts vormachen. Die Transfers aus Deutschland sind ein wichtiges Bindeglied.“

Der Honorar-Finanzanlagenberater Michael Schiffer rät Anlegern, die einen wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands aufgrund selbstschädigender Politik befürchten, zu einem weltweit diversifizierten und kapitalisierungsgewichteten Portfolio. Ein solches Portfolio sei kaum in deutsche Unternehmen investiert. „Deutschland spielt mit einem Anteil von circa 2 Prozent an der weltweiten Aktienmarktkapitalisierung eine untergeordnete Rolle“, erklärt der Lenggrieser.

Deutsche Anleger haben einen starken Home Bias, also eine Vorliebe für heimische Wertpapiere. Das zeigte jüngst eine Untersuchung von Barkow Consulting im Auftrag des Vermögensverwalters Whitebox. „Aktuell stammen nur 46 Prozent der Aktien in den Depots der Deutschen von internationalen Unternehmen“, heißt es in einer Mitteilung. 54 Prozent seien Titel von deutschen Firmen.

Entwickelt sich aber das Heimatland schlecht, werden Anleger mit Home Bias womöglich doppelt abgestraft: Nicht bloß gerät das eigene Einkommen unter Druck, sondern das Wertpapierdepot entwickelt sich ebenfalls schwach.

Zwar erzielen die DAX-Konzerne bloß noch 21 Prozent der Umsätze in Deutschland, wie eine Handelsblatt-Analyse aus dem Jahr 2019 ergab. Dennoch ist das viel mehr als Deutschlands Anteil am weltweiten BIP (4 Prozent) und das Gewicht in global streuenden Indizes wie dem MSCI World (2 Prozent). Einzelne DAX-Unternehmen erwirtschaften zudem einen deutlich höheren Umsatzanteil in Deutschland.

Rohstoffe als zusätzlicher Diversifikator

Kritische Anleger könnten zudem in Rohstoffe oder Gold investieren. Damit reduzieren sie etwaige Klumpenrisiken eines globalen Aktien-Portfolios, etwa das Europa-Exposure. Aktuell beträgt der Anteil der 27 EU-Länder am Welt-BIP immerhin knapp 15 Prozent. Europa hat eine Gewichtung von rund 18 Prozent im MSCI World.

Das Cognitive Finance Institute des Vermögensverwalters Feri rät in einer Analyse vom April 2022 dazu, Rohstoffe und bestimmte Schwellenländer aufgrund der sich abzeichnenden geopolitischen Machtverschiebung stärker zu gewichten. Wirtschaftliche Verflechtungen dürften zunehmend als geopolitische Waffe eingesetzt werden, etwa bei Rohstoffen und Energieträgern. Ein Rohstoff-Investment könne nicht nur als Absicherung gegenüber Inflation dienen, sondern auch gegenüber „geopolitischen Rückschlagsrisiken“.

Laut Finanzwissenschaftlern erzielten Rohstoff-Futures „attraktive risikobereinigte langfristige Renditen“, boten einen guten Schutz vor Inflation und waren gering korreliert mit Aktien und Anleihen. ETF-Fans könnten daher einen Rohstoff-Futures-ETF ins Portfolio nehmen. Stock-Picker könnten Aktien von rohstoffproduzierenden Unternehmen kaufen.

Daneben rät Feri zu Investments in Schwellenländer, die neutral zwischen den Machtblöcken China und Russland sowie dem US-dominierten Westen stünden. „Viele dieser ,fence sitters’ können künftig zu den größten Nutznießern der neuen globalen Spannungslage werden“, schreibt Feri und erklärt: „Flexibel und opportunistisch agierend in den Zwischenräumen der neuen Großmachtkonflikte.“

Mögliche fence-sitters seien etwa arabische Staaten, Vietnam, Indien, Türkei, Brasilien, Mexiko, Südafrika und Indonesien. Anleger könnten daher günstige Regionen- oder Länder-ETFs kaufen. Dadurch reduzieren sie auch etwaige politische Risiken von Schwellenländer-Fonds. Etwa gewichten auf Marktkapitalisierung basierende Schwellenländer-ETFs chinesische und taiwanesische Aktien zu insgesamt rund 50 Prozent.

Nach DWN-Recherchen gibt es einen Indien-ETF (TER: 0,19 Prozent, 210 Aktientitel, ISIN: IE00BHZRQZ17) und einen Brasilien-ETF (TER: 0,28 Prozent, 49 Aktientitel, ISIN: DE000A0Q4R85), die physisch replizieren, Thesaurierer sind und über 200 Millionen Euro Fondsvermögen aufweisen. Allerdings sollte man solche Länder-Wetten besser gering gewichten – etwa zu 5 Prozent –, um ein Klumpenrisiko zu vermeiden.

Asset-Protection für den worst case

Sollte es infolge eines wirtschaftlichen Niedergangs zu staatlicher Enteignung in Deutschland kommen, etwa über eine Vermögensabgabe, sieht Honorarberater Michael Schiffer mehrere Anlageklassen gefährdet. Goldbarren und -münzen könnten unter ein Goldverbot fallen, die Ansprüche aus Lebens- und Rentenversicherungen könnten auf Basis des Paragraphen 314 des Versicherungsaufsichtsgesetzes reduziert werden und auf Immobilien könnten Zwangshypotheken belegt werden.

Auch bei Geldvermögen auf Tagesgeld- und Girokonten sei fraglich, ob diese im Falle einer Bankinsolvenz sicher seien. Das gelte selbst für Guthaben unter 100.000 Euro, die unter die gesetzliche Einlagensicherung fallen. „In Expertenkreisen ist man sich uneinig darüber, ob die Einlagensicherung hält, wenn gleichzeitig, zum Beispiel in einer Bankenkrise, mehrere größere Banken in die Insolvenz gehen“, erklärt Schiffer.

Der Honorarberater rät daher zu Vermögenswerten, die als Sondervermögen gelten, etwa Geldmarktfonds oder Aktienfonds. „Sondervermögen sind insolvenzgeschützt und unterliegen in der Bundesrepublik Deutschland einem staatlich garantierten Schutz.“

Laut Rechtsanwälten schützt eine Familienstiftung im Ausland vor Enteignung. Diese lohne sich aber erst für Vermögen von zwei bis drei Millionen Euro. Auch Vermögensübertragung mittels eines Nießbrauchrechts oder Auswandern kann vor Vermögenssteuern und Co. Sicherheit bieten, sagt ein Rechtsanwalt.

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.
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Elias Huber

Elias Huber arbeitet als freier Journalist und Honorar-Finanzanlagenberater. Der studierte Volkswirt schreibt vor allem über die Themen Wirtschaft und Geldanlage. 

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