Unternehmen

Kommt die Revolution der E-Motoren aus Stuttgart?

Sparsamer, effizienter, haltbarer – ein neuer Motor für Elektrofahrzeuge aus der Tüftlerschmiede des baden-württembergischen Mahle-Konzerns hat das Zeug dazu, die Autoindustrie dramatisch zu verändern. Und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.
Autor
12.07.2023 22:31
Aktualisiert: 12.07.2023 22:31
Lesezeit: 3 min

Der in Stuttgart ansässige Mahle-Konzern, mit einem Jahresumsatz von mehr als zwölf Milliarden Euro und über 70.000 Beschäftigten sorgt mit einer neuen Erfindung für weltweites Aufsehen. Ihr neu entwickelter Antriebsmotor für Elektroautos entfaltet einen Wirkungsgrad von 95 Prozent. Das heißt: Von den 100 Prozent, die dem Motor an Energie zugeführt werden, können 95 Prozent auf die Straße gebracht werden. Heute haben auch andere E-Motoren einen ähnlichen Wirkungsgrad – jedoch nur im Bestpunkt. Das Besondere ist, dass der MAHLE Motor diesen Wirkungsgrad in allen relevanten Betriebspunkten, die man im Straßenverkehr braucht, erzielt. Das spart wertvolle Batteriekapazität. Zum Vergleich, so der Mahle-Sprecher, ein Dieselmotor habe maximal einen Wirkungsgrad von 45 Prozent, wenn überhaupt.

Verschleißfreier Motor

Der Elektromotor mit dem „MAHLE Contactless Transmitter“ hat aber noch eine ganz andere Stärke: Erstmals ist es gelungen, den Antrieb vollständig ohne Permanentmagnete zu konstruieren und dabei auf Kohlebürsten zur Rotorerregung zu verzichten. Das heißt in der Konsequenz: Die Leistungsübertragung in den Rotor der E-Maschine erfolgt induktiv. Das habe, so ein Unternehmenssprecher gegenüber den Deutschen Wirtschaftsnachrichten (DWN), „einen ganz erheblichen Vorteil: Der Motor arbeitet verschleißfrei.“ Dies erhöhe die Haltbarkeit des Motors insgesamt „signifikant“. Denn, so das Unternehmen, der Motor sei dann wartungsfrei. Der Verzicht auf Reibflächen bedeute, dass innerhalb des Antriebs kein Staub aus Abrieb entstehe.

Doch durch den Verzicht auf Magnete ergebe sich aber noch ein ganz anderer Vorteil für die Autoindustrie, und das weltweit.

Verkehrswende braucht Rohstoffe

Die sogenannte Verkehrswende hin zum Elektroauto drohte bisher an einem ganz entscheidenden Punkt zu scheitern – nämlich an der Abhängigkeit von Rohstoffländern. Für den Bau von E-Motoren ist der Einsatz von Seltenen Erden, also den Metallen Neodym, Dysprosium und Terbium, völlig unverzichtbar. Das Problem dabei: China verfügt derzeit über rund 80 Prozent der Produktionskapazitäten sowie das Prozess-Know-How für die Verarbeitung. Doch durch den Verzicht auf Magnete beim Antrieb entfällt auf einen Schlag gänzlich die Abhängigkeit von Seltenen Erden. Der Nutzen für die Autoindustrie kann dabei gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Zum einen, so der Unternehmenssprecher, wäre das ein Beitrag zur Sicherung der Lieferketten. „Die Autoindustrie wäre weniger von geopolitischen Unwägbarkeiten abhängig“, so das Unternehmen.

Unabhängig von Seltenen Erden

Ganz abgesehen davon wäre das auch ein nicht unerheblicher Beitrag zum Schutz des Klimas und der Menschenrechte. Denn der Abbau von Seltenen Erden erfolgt sehr häufig unter höchst fragwürdigen Umweltschutz- und Arbeitsbedingungen, wie internationale Organisationen berichten. Damit wäre, auch ganz nebenbei, der Volksrepublik China ein Druckmittel aus der Hand genommen, die in den letzten Jahren zielstrebig versucht hatte, über immer größere weltweite Vorräte an Seltenen Erden die Kontrolle zu erlangen - China würde damit ein wichtiges Mittel zur Ausübung geopolitischen Drucks genommen.

Zum anderen senkt der Verzicht auf Seltene Erden ganz erheblich die Kosten für den Bau eines E-Motors. Für die Magnete in einem E-Motor wird hauptsächlich das Metall Neodym verwendet, das heute auf dem Weltmarkt bis zu 170 Euro pro Kilogramm kostet. Für den Bau eines Motors wird bis zu einem Kilogramm Magnetmaterial pro 100kW Antriebsleistung verwendet, wovon etwa ein Drittel aus Seltenen Erden besteht. Für den E-Motorenhersteller Mahle bedeutet dies auch einen Kostenvorteil, denn nicht nur würden die Kosten für die Anschaffung des Metalls entfallen, sondern auch die für Transport und Lagerhaltung. Zudem dürfte vor allem das Risiko für Preisschwankungen für Seltene Erden in der Zukunft weltweit zunehmen, da diese Metalle nicht nur in Elektrofahrzeugen, sondern auch in Windkraftanlagen immer mehr gebraucht werden.

Skalierbarer Motor

Die Prototypen des MCT seien, so das Unternehmen gegenüber den DWN, „mittlerweile zigfach erprobt“. Der MCT sei – so ein weiterer erheblicher Vorteil – auch skalierbar. Das heißt: Der Motor ist flexibel einsetzbar und kann sowohl in einem kleinen Stadtflitzer wie auch in einem großen Lastwagen eingebaut werden. Nun stehe, so ein Sprecher des Unternehmens, Mahle vor der letzten Stufe der Entwicklung: Mit den großen Autoherstellern arbeite man weltweit daran, den Motor zur Serienreife zu bringen. Man sei ausgesprochen optimistisch, so der Sprecher, dass dies „in maximal vier Jahren gelingen wird“.

Die Mahle GmbH ist ein 1920 gegründetes Stuttgarter Unternehmen, das damals im Stadtteil Cannstadt Zweitaktmotoren entwickelte. Der Automobilzulieferer hat inzwischen erfolgreich Geschäftsfelder für Elektroantriebe erschlossen. Weltweit betreibt das Unternehmen zwölf große Forschungs- und Entwicklungszentren. Das Unternehmen ist zu 99,9 Prozent im Besitz der 1964 von den Brüdern Ernst und Hermann Mahle gegründetes Mahle-Stiftung mit Sitz in Stuttgart.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Der neue Anleger der DWN stellt sich vor

Wie können Sie ein Vermögen an der Börse aufbauen, wenn Sie weder Erfahrung bei der Aktienanalyse haben noch die Zeit für den...

 

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Tech-Rally beflügelt Wall Street; Anleiherenditen steigen
05.10.2026

Welche Kräfte die US-Märkte zum Wochenstart bewegten und warum Anleger jetzt genau hinsehen sollten.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Elektroautos sollen Strom verkaufen: Neuer Markt für Fahrer und Energieversorger
05.10.2026

In Deutschland wird die gesetzliche Grundlage für eine breite Einführung des V2G-Systems vorbereitet. Elektroautos sollen künftig nicht...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Portfolio übernimmt das Depot: Kann Claude den S&P 500 schlagen?
05.10.2026

Ein Redakteur überlässt 1.000 Euro echtem Geld einer künstlichen Intelligenz. Claude darf Aktien kaufen und verkaufen, Risiken eingehen...

DWN
Politik
Politik Das Land, das blutiges Gold über die Welt verteilt
05.10.2026

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind ein Drehkreuz für einen bedeutenden Teil des weltweiten Goldhandels. Das hat Dubai den Spitznamen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Niedriglohnland Deutschland: Wo es millionenfach niedrige Löhne gibt
05.10.2026

Wenn Arbeit nicht vor Armut schützt: In der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt arbeiten Millionen Menschen an der Schwelle zum...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Lexus ES: Dieser Japaner greift Audi, BMW und Mercedes an
05.10.2026

Der Lexus ES will dort angreifen, wo Audi, BMW und Mercedes seit Jahrzehnten den Ton angeben. Die neue japanische Luxuslimousine setzt...

DWN
Politik
Politik BND-Chef Jäger warnt vor Russlands "Schattenkrieg" gegen Deutschland
05.10.2026

Sabotage, Desinformation und Einflussnahme auf Wahlen: Deutschlands Geheimdienste zeichnen ein beunruhigendes Bild russischer Aktivitäten....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gasspeicher nur zu 58 Prozent gefüllt: Was das für den Winter bedeutet
05.10.2026

Deutschland startet mit ungewöhnlich niedrigen Gasvorräten in die Heizperiode. Die Speicher sind nach Angaben der Bundesnetzagentur nur...