Wirtschaft

Reshore statt Offshore: Die USA produzieren wieder im eigenen Land

Sieg des Pragmatismus. Die USA holen ihre Produktion vermehrt ins eigene Land zurück. Ihre Devise heißt: Reshore statt Offshore. Was das für den globalen Handel und für Europa bedeutet.
05.09.2023 15:23
Lesezeit: 4 min

Die Nachricht erreicht Stanton, Tennessee, über Nacht: Das beschauliche Städtchen mit 400 Einwohnern bekommt eine neue Autofabrik von Ford. Nicht nur die lokale Bevölkerung, auch 6000 zusätzliche Arbeiter sollen den infrastrukturell schwachen Teil des Bundesstaats demnächst bevölkern. Denn nicht nur Autos, auch Batterien werden in der BlueOval City künftig produziert und verbaut. Die Freude unter den Anwohnern ist groß, doch Beobachter sind skeptisch: Warum produzieren die USA plötzlich wieder im eigenen Land?

USA: Die Blue Collar Jobs kommen zurück

Die größte Volkswirtschaft der Welt zieht sich zurück. Galten die USA lange Zeit als Vorreiter im Hinblick auf Globalisierung und enge Kontakte zur Volksrepublik China, so machen sie heute eine beinahe schon radikale Kehrtwende. Die Devise heißt: Reshore statt Offshore. Dabei spielen weniger ideologische als vielmehr pragmatische Gründe eine Rolle, die den Zwist zwischen Washington und Peking weiter befeuern dürften.

Viele Firmen und Investoren aus den USA kehren China den Rücken. Mangelnder Datenschutz, Ideenklau und eine erstarkende chinesische Konkurrenz sind nur einige der Gründe für die neue Eiszeit zwischen den beiden Weltmächten. Die von Joe Biden proklamierte Executive Order, nach der Investments in einige chinesische Firmen verboten werden, wird diesen Trend wohl weiter verstärken.

Doch auch aus anderen Teilen der Welt werden sogenannte „Blue Collar Jobs“, handwerkliche Berufe, zurück in die USA geholt. In den kommenden Monaten sollen rund 350.000 Stellen zurück in die Vereinigten Staaten verlagert werden. Dabei profitierten US-Firmen jahrzehntelang durch die Auslagerung von Arbeitsstellen ins Ausland. Vornehmlich lagerten sie Jobs nach China und andere Teile Südostasiens aus, die perfekte Lieferbedingungen, qualitativ hochwertige Arbeit und günstige Preise garantierten. Dieser Trend kommt nun zum Erliegen, die Arbeit wird wieder an der heimischen Werkbank verrichtet.

Mehr Sicherheit durch Autarkie?

Intel, Micron oder Caterpillar sind nur einige Beispiele für US-Firmen, die ihre Arbeit jahrelang ins Ausland verlagerten und sie nun zurück in die USA holen. Die genannten Gründe sind unterschiedlich, doch ein Ereignis wird immer wieder erwähnt: In der Corona-Pandemie habe sich gezeigt, dass die meisten Lieferketten einem so starken Schock wie den durch die Krise nicht restlos standhalten können. Insbesondere die erratische Politik Pekings während der Krisenjahre machte es für ausländische Firmen schwierig, in gewohnter Weise zu produzieren. Zudem verunsichern Krisen wie der Ukrainekonflikt und die Spannungen zwischen Peking und Taipeh den weltweiten Handel.

Mit dieser Abkehr vom globalen Handel konterkarieren die USA eine Wirtschaftspraxis, die lange als maßgebend betrachtet wurde. Inländische Produktionen galten viele Jahre lang als zu teuer, unsicher und protektionistisch. Die Rückkehr zur autarken Wirtschaft funktioniert im Falle der USA jedoch aus zwei entscheidenden Gründen.

Der Inflation Reduction Act (IRA) schuf einerseits riesige Anreize, in den USA zu gründen, zu produzieren und einzukaufen. So werden die Unternehmen nicht nur zurückgeholt, sie kommen von selbst in die USA. Darunter auch ausländische Firmen wie Honda oder Meyer Burger, den einzigen industriellen Hersteller von Solarzellen in Europa, der aufgrund der Anreize in den USA seinen Standort in Colorado eröffnet.

US-Roboter ersetzen asiatische Fließbandarbeiter

Laut einer Studie des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) trägt zudem eine technologische Disruption zum Reshoring bei. Denn viele der Jobs, die von Fließbandarbeitern in China oder Vietnam getätigt wurden, verrichten nun US-amerikanische Roboter. Die Blue Dollar Worker sind immer öfter Maschinen und agieren per künstlicher Intelligenz. So wurden in den USA allein in den letzten Monaten mehr als 12.000 industrielle Roboter gekauft und für neue Stellen eingesetzt.

Die USA haben mit ihrem IRA starke Anreize für heimische und ausländische Unternehmen geschaffen, innerhalb ihrer Landesgrenzen zu produzieren. Auch ihr Ansatz zur weitreichenden Automatisierung und Rationalisierung traditioneller Blue Collar Jobs dürfte zwar soziale Spannungen provozieren, der Wirtschaft des Landes aber zu weiterem Auftrieb verhelfen. Zwar konnte die Volkswirtschaft nur ein Wachstum von etwa 2,1 Prozent im zweiten Quartal vorweisen. Doch bislang bleibt die Wirtschaft stabil, während Washington sich von China weiter unabhängig macht.

Ebenso arbeitet China daran, eine autarke Wirtschaft aufzubauen und darüber hinaus Dominanz auf westliche Märkte auszuüben. So werden ausländische Autobauer wie VW rigoros aus dem Land verdrängt, während Firmen wie BYD und NIO den europäischen Markt ins Visier nehmen. Es scheint, dass der Handelskrieg zwischen Peking und Washington zu einer neuen Ära des Protektionismus führen wird.

Europa zwischen den Machtblöcken

Der IRA stellt zumindest kurzfristig eine erfolgreiche Maßnahme dar, um die US-Wirtschaft zu beleben und von äußeren Einflüssen unabhängig zu machen. Im nächsten Schritt muss sich Washington nach Bündnispartnern umschauen, die wichtige Rohstoffe wie seltene Erden liefern können, ein Feld, auf dem China bis auf Weiteres Dominanz beweist.

Europa und insbesondere Deutschland stecken dagegen in einer tiefen Abhängigkeit von beiden Machtblöcken. Der Net-Zero Industry Act, welcher als europäische Gegenreaktion auf den IRA konzipiert worden war, beflügelt zwar grüne Energien. Eine Sicherung oder gar Emanzipation der europäischen Firmen schafft er aber nicht. Im Gegenteil: Während schwache Regionen wie Stanton wieder mit Arbeit und Industrie belebt werden, verlassen reihenweise Firmen Europa und könnten ein technologiearmes Gebiet hinterlassen, in dem höchstens noch die Dienstleistung floriert.

Deutschland vor der Deindustrialisierung?

Deutschlands Position in dieser unsicheren Zeit ist besonders prekär. Denn neben China war die Bundesrepublik eine der größten Nutznießerinnen der globalen Wirtschaftsordnung — billige Energie aus Russland und die großen Märkte Chinas und der USA waren Garanten für deutsche Stabilität. „Während der letzten 20 Jahre hatte Deutschland immer einen externen Förderer: China, die Eurozone und schließlich die USA“, so Carsten Brzeski von der ING. Doch diese Zeiten sind vorbei: Während in Deutschland Teslas und bald auch BYD-Fahrzeuge vom Band laufen, verlieren VW und Konsortien im In- und Ausland an Kunden. Es scheint, dass Deutschland ob der neuen Zeit in einer Schockstarre festgefahren ist.

Dabei wären sowohl das Know-how als auch die Infrastruktur für eine Stärkung der heimischen Industrie gegeben. So schreibt Jon Sindreu vom Wall Street Journal über Deutschlands „kaputte“ Wirtschaft: „In einer Welt, in der Nationen sich darum bemühen, Industrien wieder im eigenen Land anzusiedeln, verfügt Deutschland bereits über solche. Die beste Antwort auf die Wachstumsherausforderung besteht nicht darin, sich vom verarbeitenden Gewerbe abzuwenden, sondern sich noch stärker an der chinesischen und nun auch der US-amerikanischen Industriepolitik zu orientieren.“

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Virgil Zólyom

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Virgil Zólyom, Jahrgang 1992, lebt in Meißen und arbeitet dort als freier Autor. Sein besonderes Interesse gilt geopolitischen Entwicklungen in Europa und Russland. Aber auch alltagsnahe Themen wie Existenzgründung, Sport und Weinbau fließen in seine Arbeit ein.

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