Immobilien

Baugipfel: Die Immobilienwirtschaft fordert mehr, und das bitte im „Turbo-Tempo“

Die Maßnahmen der Bundesregierung nach dem Baugipfel im Kanzleramt im Kampf gegen die dramatische Lage am Wohnungsmarkt und in der Bau-Branche gehen in die richtige Richtung, sind aber nicht ausreichend. Es gibt Kritik. Lösungen für bezahlbares Wohnen bleiben aus, sagen einige, während andere Turbo-Aktion zur schnellen Umsetzung der Pläne fordern.
28.09.2023 18:45
Aktualisiert: 28.09.2023 18:45
Lesezeit: 3 min

Es gibt zwar einen Ruck, doch die Immobilienwirtschaft will deutlich mehr und manche sagen das Maßnahmenpaket der Bundesregierung ist nicht ausreichend angesichts der massiven Wohn- und Baukrise. Das sind einige der Reaktionen nach dem Gipfel-Treffen diese Woche im Kanzleramt mit 30 Verbänden aus der Baubranche.

Die Bundesregierung hat zum Baugipfel am Montag ein größeres Hilfspaket für die Baubranche beschlossen. Auf sechs Seiten wurden 14 Maßnahmen aufgelistet, die für mehr bezahlbaren Wohnraum in Deutschland sorgen sollen. Besonders hervorzuheben sind: Verzicht für den neuen Energieeffizienzstandard für Neubauten (EH-40), Familien sollen mehr Geld als bisher bekommen für Eigenheime oder Heizungstausche und die Regierung nimmt Abstand von Bestrebungen, in der Europäischen Union eine Sanierungspflicht einzuführen.

Der deutsche Wohnungsbau befindet sich in der schwersten Krise seit Gründung der Bundesrepublik. Die Zahl der Genehmigungen für den Bau neuer Wohnungen brach im Juli um 31,5 Prozent oder 9600 im Vergleich zum Vorjahresmonat ein, wie das Statistische Bundesamt vor Kurzem mitteilte. Insgesamt wurde damit die Erlaubnis für 21.000 neue Wohnungen erteilt. "Zum Rückgang der Bauvorhaben dürften weiterhin vor allem steigende Baukosten und zunehmend schlechtere Finanzierungsbedingungen beigetragen haben", erklärten die Statistiker den Negativtrend.

Branchen-Reaktionen nach Gipfel: Schnelles Handeln ist entscheidend

Andreas Mattner, Präsident des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA), reagierte vorsichtig optimistisch nach dem Baugipfel. „Die Gespräche der letzten Wochen haben sich gelohnt. Es gibt heute einen echten Ruck, und es ist mehr herausgekommen als die erforderlichen Beschleunigungsmaßnahmen.“ Doch Mattner fügte hinzu: „Um den meisten der hunderttausenden Menschen, die vergeblich nach Wohnraum suchten, konkret Hoffnung machen zu können, braucht es noch mehr“.

Ein wichtiger Beitrag des Bundes sei eine neue Abschreibungsmöglichkeit, die Projektentwicklern wieder das Arbeiten ermögliche. Positiv seien auch der vorläufige Abschied der Regierung von dem strengen Energieeffizienzstandard EH-40 beim Neubau und die Entscheidung des Bundes in Städten und Kommunen mit angespannten Wohnungsmärkten den Bau von günstigem Wohnraum zu beschleunigen.

Doch die Maßnahmen reichten so nicht aus und schnelles Handeln waren von entscheidender Bedeutung, so Mattner. „Der Bundeskanzler muss unter seiner Führung die Ressorts Bau, Finanzen und Wirtschaft/Klima in einem Baukabinett zusammenbringen, um an weiteren Stellen schnelle Reaktionen auf die dramatische Wohnungsnot umsetzen zu können.“ Der ZIA-Spitzenverband fordert ein KfW-Programm mit einem Zinssatz von zwei Prozent, um Investoren, die unter steigenden Preisen und hohen Zinsen zunehmend leiden, Bewegungsspielraum zu geben.

„Eine echter Ruck für mehr Neubau von bezahlbaren Mietwohnungen“

Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft GdW, sagte das Maßnahmenpaket war nicht ausreichend angesichts der massiven Wohn- und Baukrise. „Wir erkennen im Maßnahmenpaket des Wohngipfels durchaus positive Entwicklungen für die energetische Modernisierung im Bestand, aber mit Blick auf notwendige Impulse für den bezahlbaren Wohnungsbau ist für die sozial orientierten Wohnungsunternehmen leider nichts herausgekommen“.

Er fügte hinzu: „Wir brauchen einen echten und umfassenden Ruck für mehr Neubau von bezahlbaren Mietwohnungen. Es müssen schnelle, direkt-wirksame Lösungen her, die in der akuten Notsituation wirklich helfen“.

Was Deutschland konkret bräuchte, sei ein neues Versprechen für bezahlbaren Wohnungsneubau für die Mitte der Gesellschaft. Zwei wesentlichen Teile dieses Versprechens müssten eine Absenkung der Mehrwertsteuer von 19 auf sieben Prozent für bezahlbaren Wohnungsbau, und ein KfW-Darlehen zu einem verbilligten Zinssatz von ein Prozent sein. „Im Gegenzug können die sozial-orientierten Wohnungsunternehmen dann wieder bezahlbare Neubaumieten von 9 bis 12 Euro pro Quadratmeter und Monat garantieren“, so Gedaschko.

„Bis zum Ende des Jahres müssen Taten folgen“

Wolfgang Schubert-Raab, Vizepräsident, Zentralverband Deutsches Baugewerbe, betonte, dass die geplanten Maßnahmen für zusätzliche Investitionen in die richtige Richtung gehen, aber noch nicht ausreichen. „Entscheidend ist jetzt, dass die Umsetzung zügig erfolgt. Der Druck auf die Beschäftigung ist enorm. Bund und Länder, deren Kooperation insbesondere bei der Grunderwerbssteuer und im sozialen Wohnungsbau gefragt ist, müssen jetzt den Turbo für den Wohnungsbau auch zünden“.

Schubert-Raab sagte, die Zeit für lange Diskussionen sei vorbei. „Wir schlagen daher ein weiteres Treffen mit Bund und Ländern bereits im Dezember vor. Bis zum Ende des Jahres müssen Taten folgen". Auch müssten bis dann Unklarheiten im Maßnahmenpapier beseitigt sein, wie zum Beispiel die Detailplanung zum Programm Klimafreundlicher Neubau.

Plan zur Bekämpfung der Wohnungs- und Baukrise

Unter anderem plant die Bundesregierung 14 Maßnahmen, die für mehr bezahlbaren Wohnraum in Deutschland sorgen sollen. Einige der Wichtigsten sind:

  • Die Regierung nimmt Abstand von Bestrebungen, in der Europäischen Union eine Sanierungspflicht einzuführen.
  • Wegen der hohen Zinsen und deutlich gestiegenen Baukosten wird auf noch strengere Vorgaben zur Dämmung neuer Häuser in der Amtszeit der Ampel-Regierung verzichtet.
  • Der Energieeffizienzstandard für Neubauten EH-40, der noch in dieser Legislaturperiode eingeführt werden sollte, wird ausgesetzt.
  • Die Bundesregierung will in Städten mit besonders angespannten Wohnungsmärkten den Bau bezahlbarer Wohnungen für alle vereinfachen. Im Baugesetzbuch wird dafür eine Sonderregelung befristet bis Ende 2026 geschaffen. Für den sozialen Wohnungsbau sollen alle staatlichen Ebenen bis 2027 insgesamt rund 45 Milliarden Euro zur Verfügung stehen.
  • Mehr Familien als bisher sollen zinsgünstige Baukredite bekommen, um sich ein Eigenheim oder Heizungstausch zu leisten. Die staatlich geförderten Kredithöchstbeträge werden um 30.000 Euro angehoben.
  • Der Erwerb selbstgenutzten Eigentums soll erleichtert werden. Dazu sollen die Erwerbsnebenkosten gesenkt werden.
  • Junge Familien sollen verstärkt sanierungsbedürftige Häuser älterer Menschen übernehmen können. In den Jahren 2024 und 2025 soll es dafür ein KfW-Förderprogramm geben.
  • Die Regierung will leerstehende Gewerbeimmobilien zu Wohnungen umrüsten. Das entsprechende KfW-Förderprogramm soll 2024 und 2025 mit insgesamt 480 Millionen Euro ausgestattet werden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Vera von Lieres

Vera von Lieres gehört seit September 2022 zum DWN-Team und schreibt als Redakteurin über die Themen Immobilien und Wirtschaft. Sie hat langjährige Erfahrung im Finanzjournalismus, unter anderem bei Reuters und führenden Finanzmedien in Südafrika. Außerdem war sie als Kommunikations- und Marketing-Spezialistin bei internationalen Firmen der Investment-Branche tätig.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dax-Konzerne: Rekordgewinne und Personalabbau  
17.08.2026

Trotz Rekordgewinnen von 52,6 Milliarden Euro bauen Deutschlands größte Börsenkonzerne massiv Stellen ab. Während die...

DWN
Politik
Politik SPD rutscht weiter in den Keller: Klingbeil verteidigt seinen Kurs
17.08.2026

An der SPD-Basis rumort es, weil Umfragewerte seit Wochen nicht besser werden und die Partei sich in der Koalition teils schwertut. Den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutscher Negativtrend: Immer mehr junge Menschen ohne Bildung und Arbeit
17.08.2026

In Deutschland steigt der Anteil junger Menschen ohne Job oder Bildungsplatz: Jeder zehnte junge Mensch zwischen 20 und 24 Jahren geht in...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Führungskräfteentwicklung: Deutschlands Unternehmen unterschätzen ihr größtes Risiko
17.08.2026

Viele Unternehmen befördern ihre besten Fachkräfte und lassen sie anschließend mit der Führungsrolle allein. Die Folgen sind...

DWN
Politik
Politik Ukraine-Krieg: EU-Außenbeauftragte will Russland-Sanktionen weiter ausweiten
17.08.2026

Die EU hat seit Beginn des russischen Angriffskriegs insgesamt 21 Sanktionspakete gegen Russland beschlossen. Nun drohen neue...

DWN
Politik
Politik Sie baute mit Putins Rückendeckung ein Imperium auf, nun könnte es eine Finanzkrise auslösen
17.08.2026

In diesem Sommer steht Russlands Antwort auf Amazon, Wildberries, unter ständigen ukrainischen Angriffen. Die Folgen für Russlands...

DWN
Politik
Politik Bahnhöfe, Steuererklärung, TV – was sich im September ändert
17.08.2026

An ersten Bahnhöfen darf kein Alkohol getrunken werden und Sport-Fans können sich auf die NFL-Saison freuen. Der September bringt auch...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Niedrigwasser in Deutschland: Ökonomin Grimm sagt steigende Preise voraus
17.08.2026

Die Preise könnten bei diversen Grundstoffen steigen, warnt die Wirtschaftsweise. Sie kritisiert die Politiker, die kurzsichtig agierten,...