Politik

Die Wahlen am Sonntag haben bundespolitische Bedeutung

Die Wahlen am Sonntag in Bayern und Hessen werden in vielerlei Hinsicht Aufschluss geben: Zum einen finden sie in der Mitte der Legislaturperiode statt und sind damit eine Art Zwischenzeugnis für die Bundesregierung. Zum anderen könnte nicht nur über das politische Schicksal einiger Spitzenkandidaten, sondern vielleicht sogar über den Fortbestand der Bundesregierung entschieden werden.
Autor
05.10.2023 09:28
Aktualisiert: 05.10.2023 09:28
Lesezeit: 3 min
Die Wahlen am Sonntag haben bundespolitische Bedeutung
Drohendes Debakel in Hessen: Bundesinnenministerin Nancy Faeser. (Foto: dpa) Foto: Bernd von Jutrczenka

Landtagswahl folgen immer eigenen Gesetzen, eigenen regionalen Befindlichkeiten, eigenen Kandidaten. Doch sie haben immer auch Rückwirkungen auf die Bundespolitik. Und die am Sonntag stattfindenden Wahlen in Bayern und Hessen ganz besonders. Das liegt zum einen daran, dass mit insgesamt 13,7 Millionen Wahlberechtigten besonders viele Bürger zur Wahl aufgerufen sind. Gleichzeitig finden diese Wahlen ziemlich genau in der Mitte der Legislaturperiode statt und sind damit ein Stimmungstest für die politische Stimmung im Land.

Gerupfte Regierungsparteien

So viel lässt sich schon heute sagen: Sollte sich am Wahlsonntag nicht eine dramatische Kehrtwende vollziehen, werden die Regierungsparteien bei abgestraft. Zusammen käme ein Bündnis aus SPD, Grüne und FDP in Hessen auf etwa 37 Prozent, in Bayern auf nur noch 28 Prozent. Ein Vertrauensbeweis sieht anders aus.

Dabei könnte der Sonntagabend für die SPD schwierig werden. Dass die SPD fast schon seit Menschengedenken bei Landtagswahlen in Bayern nichts zu bestellen hat, ist nichts Neues. Die Genossen dürften angenehm überrascht sein, wenn das Ergebnis diesmal zweistellig ausfällt. Etwas anderes ist Hessen, das einmal als eine schier uneinnehmbare Hochburg der SPD galt. Mit großen Hoffnungen war die Hessen-SPD unter ihrer Spitzenkandidatin, Bundesinnenministerin Nancy Faeser, in den Wahlkampf gestartet; sogar die Eroberung der Wiesbadener Staatskanzlei schien möglich. Doch daraus wird wohl nicht nur nichts – die SPD muss sogar fürchten, nach hinten durchgereicht zu werden. Letzte Umfragen sehen die SPD in Hessen mit etwa 16 Prozent praktisch gleichauf mit den Grünen und der AfD, während die CDU unter ihrem neuen Ministerpräsidenten Boris Rhein mit etwa 30 Prozent in den Umfragen weit enteilt scheint. Ein vierter Platz für die Hessen-SPD mit Nancy Faeser wäre schlicht ein Desaster. Faeser wäre, sollte sie als Ministerin überhaupt nach Berlin zurückkehren, nachhaltig geschwächt.

Das Schicksal der FDP

Die Wahl in Hessen wird auch für eine andere Partei von erheblicher Bedeutung sein. Dass die FDP wohl in Bayern an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert, ist bei den Parteistrategen der FDP in Berlin schon eingepreist. Jedoch hat in den letzten Wochen die FDP auch in Hessen beständig an Boden verloren. Die jüngsten Umfragen sehen die Liberalen bei etwa fünf Prozent. Sollte die Wahlbeteiligung in Hessen hoch sein, könnte die FDP aus dem Landtag fliegen. Das allerdings wäre für Parteichef Christian Lindner ein Desaster. Lindner müsste seiner Partei erklären, warum unter seiner Führung die FDP reihenweise aus den Regierungen in den Ländern oder gleich ganz aus den Landtagen gewählt wurde. Es gilt dann als ausgemacht, dass Lindner, um überhaupt innerparteilich überleben zu können, sein Heil in einer Konfrontationsstrategie sucht, um das Profil der FDP in der Koalition zu schärfen. Doch wird sich dann eher früher als später die Frage stellen, wie lange das eine Koalition überhaupt aushalten kann.

Für Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder, der seinen Sitz in der Münchner Staatskanzlei verteidigen dürfte, wird es darum gehen, seinem letzten Wahlergebnis von 37,2 Prozent möglichst nahe zu kommen. Verliert er im Vergleich dazu deutlich, dürfte er seine bundespolitischen Ambitionen für lange Zeit beerdigen. Zwiespältig konnte der Wahlsonntag auch für die Grünen ausgehen. Sollten sie sowohl in Hessen als auch in Bayern als Zweiter ins Ziel laufen, was durchaus möglich ist, wird es für sie ein ganz guter Abend werden. Sollten Sie in beiden Ländern auf den vierten Platz verwiesen werden - was nach den Umfragen auch möglich ist – wird es kein so schöner Abend.

Gewinner Merz?

Viel spricht dafür, dass die AfD ein Gewinner des Abends sein könnte. Sollte die Partei, was nach jüngsten Umfragen nicht ausgeschlossen erscheint, in beiden Bundesländern den zweiten Platz belegen, wäre dies ein Beleg dafür, dass die AfD wohl auch im Westen ein erheblicher Faktor geworden ist. Und für noch jemanden könnte der Abend recht vergnüglich werden: für den in jüngster Zeit so vielgescholtenen CDU-Chef Friedrich Merz. Merz wird für sich reklamieren können, dass die Union, sollte es so ausgehen, wie die Umfragen nahelegen, in beiden Ländern klar bestätigt wurde, während die Parteien der Regierung erheblich Federn lassen mussten. Für einen Oppositionsführer keine so schlechte Bilanz zur Halbzeit.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa im Schuldenstrudel: Warum die alten Mächte wanken und der Süden aufsteigt
29.11.2025

Europa war lange in zwei Gruppen geteilt. Es gab die Staaten mit fiskalischer Disziplin, angeführt von Deutschland, und die...

DWN
Finanzen
Finanzen Ölpreis und geopolitischer Druck: Serbiens Konflikt um den russischen Energiekonzern NIS
29.11.2025

Serbien steht inmitten einer energiepolitischen Zuspitzung, deren Ausgang weit über das Land hinaus Bedeutung hat. Welche Entscheidung...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Befristung von Arbeitsverträgen: Warum für Beschäftigte ab 52 Jahren Sonderregeln gelten
29.11.2025

Arbeitgeber sollen zusätzlich motiviert werden, älteren Menschen neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten und dabei selbst flexibel...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Crash: Michael Burry sieht Risiken einer KI-Aktien-Blase
29.11.2025

Michael Burry sorgt erneut für Aufsehen an den Finanzmärkten, diesmal im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Angesichts der rasant...

DWN
Panorama
Panorama Weihnachtsmarkt-Umfrage: Was für Besucher wirklich wichtig ist
29.11.2025

Eine aktuelle Weihnachtsmarkt-Umfrage offenbart deutliche Verunsicherung in der Bevölkerung: Trotz festlicher Stimmung bleiben Sorgen rund...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise: Warum der Preissturz jetzt ganze Volkswirtschaften umkrempelt
29.11.2025

Der weltweite Gasmarkt kippt von Knappheit in Überfluss. Während Unternehmen jahrelang unter der Energiekrise litten, setzt eine massive...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Handelsstreit trifft große Volkswirtschaften: Zölle belasten Deutschland, China und die USA
29.11.2025

Der globale Handelskrieg belastet die größten Volkswirtschaften und sorgt für wachsende Unsicherheit bei Industrie und Konsum. Kann...

DWN
Finanzen
Finanzen Nvidia-Aktie im Fokus: Googles TPU-Pläne verschärfen den KI-Wettbewerb
28.11.2025

Der Wettbewerb um die leistungsfähigsten KI-Chips gewinnt rasant an Dynamik, da große Technologiekonzerne ihre Strategien neu ausrichten...