Wirtschaft

Warum schrumpft die deutsche Wirtschaft, während alle anderen Staaten wachsen?

Nicht nur die fortgeschrittenen Volkswirtschaften mit einem Wachstum von insgesamt 1,5 Prozent lassen Deutschland dieses Jahr weit hinter sich, sondern auch die Schwellen- und Entwicklungsländer. Woran liegt das?
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21.11.2023 09:56
Aktualisiert: 21.11.2023 09:56
Lesezeit: 4 min
Warum schrumpft die deutsche Wirtschaft, während alle anderen Staaten wachsen?
Der Kampf gegen Corona hat die Weltwirtschaft auf den Kopf gestellt. Die Auswirkungen sind noch immer spürbar. (Foto: sengchoy/iStock.com) Foto: sengchoy

Laut dem jüngsten Bericht des Internationalen Währungsfonds wird die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr um 0,5 Prozent schrumpfen. Damit liegt Deutschland mit Abstand hinter den anderen sogenannten fortgeschrittenen Volkswirtschaften, die dem IWF zufolge dieses Jahr alle wachsen werden: die USA um 2,1 Prozent, Japan um 2 Prozent, Großbritannien um 0,5 Prozent, und sogar die Eurozone insgesamt, die vom deutschen Wert nach unten gezogen wird, verzeichnet dieses Jahr voraussichtlich dennoch ein Wirtschaftswachstum um 0,7 Prozent.

Aber nicht nur die fortgeschrittenen Volkswirtschaften mit einem Wachstum von insgesamt 1,5 Prozent lassen Deutschland dieses Jahr weit hinter sich, sondern auch die Schwellen- und Entwicklungsländer, die insgesamt sogar ein Wirtschaftswachstum in Höhe von 4 Prozent erwarten. China etwa wächst trotz aller aktuellen Probleme um 5,2 Prozent, Indien um 6,3 Prozent und selbst das von Krieg und Sanktionen belastete Russland wächst um 2 Prozent. Die globale Wirtschaft insgesamt wächst dieses Jahr um 3 Prozent und somit viel schneller als Deutschland, aber deutlich langsamer als im historischen Durchschnitt.

„Die Weltwirtschaft erholt sich weiterhin nur langsam von den Auswirkungen der Pandemie, dem Einmarsch Russlands in die Ukraine und der Krise der Lebenshaltungskosten“, heißt es im IWF-Bericht. Genauer gesagt haben die Staaten mit ihrem Kampf gegen Corona die Weltwirtschaft durcheinandergebracht und dabei zudem in extremem Ausmaß Schulden aufgenommen, was insgesamt zu hohen Inflationsraten führen musste. Verstärkt wurden die Verwerfungen in der Weltwirtschaft und damit auch die Inflation durch die Sanktionen des Westens gegen Russland. Insbesondere die Energie- und Lebensmittelmärkte wurden dabei beeinträchtigt.

Seit dem letzten Jahr wird die starke Inflation ausgehend von der US-Notenbank Federal Reserve fast überall auf der Welt mit hohen Zinsen bekämpft, was die wirtschaftliche Aktivität zusätzlich bremst. Dennoch ist die Weltwirtschaft „nicht zum Stillstand gekommen“, wie der IWF hervorhebt. Das Wachstum ist nur langsamer geworden und weist „zunehmende globale Divergenzen“ auf, wofür die deutsche Divergenz nach unten das deutlichste Beispiel ist. Der IWF nennt auch einige Gründe, warum Deutschland vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage zum globalen Schlusslicht geworden ist.

Zunächst wird in der jüngsten Prognose festgehalten, dass die Verlangsamung in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften stärker ist als in den Schwellen- und Entwicklungsländern. „Viele Schwellenländer erwiesen sich als recht widerstandsfähig und überraschten positiv, mit der bemerkenswerten Ausnahme Chinas, das mit zunehmendem Gegenwind durch die Immobilienkrise und schwindendes Vertrauen zu kämpfen hat“, heißt es. Zudem hätten „dienstleistungsorientierte Volkswirtschaften“, darunter wichtige Reiseländer wie Frankreich und Spanien, besser abgeschnitten als „Produktionsländer“ wie China und Deutschland.

Die Schrumpfung der deutschen Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte 2023 ist laut IWF auch eine Folge der Schwäche in den zinssensiblen Sektoren und der geringeren Nachfrage der deutschen Handelspartner. Zudem heißt es: „Volkswirtschaften, die stark von russischen Energieimporten abhängig waren [allen voran Deutschland], verzeichneten einen steileren Anstieg der Energiepreise und einen stärkeren Abschwung.“

Dass die Entscheidung des Westens, aufgrund politischer Erwägungen auf billiges russisches Öl und Gas zu verzichten, der energiehungrigen deutschen Wirtschaft so sehr schadet, wird allerdings durch hausgemachte Entscheidungen verschlimmert. Dass Strom für die deutsche Industrie derzeit etwa doppelt so teuer ist wie für die französische Industrie, hat viel mit dem Atomausstieg zu tun, der nicht von der aktuellen Ampel-Regierung eingeleitet wurde, sondern im Jahr 2011 nach dem Reaktorunglück in Fukushima von der schwarz-gelben Koalition unter Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Als Zwischenfazit kann man also festhalten, dass Deutschlands aktuelle Schwäche dem IWF zufolge auf den Kampf gegen Corona, den Konflikt mit Russland und die deutsche Exportabhängigkeit zurückzuführen ist. Vor allem das langsamere Wachstum in China, dem viertgrößten deutschen Exportmarkt, wirkt sich derzeit negativ auf die deutsche Wirtschaft aus. Und auch die USA, der wichtigste deutsche Exportmarkt, ersetzen Importe verstärkt durch heimische Produktion.

Im kommenden Jahr wird Deutschland laut IWF-Prognose mit einem Wirtschaftswachstum von nur 0,9 Prozent auch weiterhin hinter den meisten anderen Staaten der Welt zurückbleiben. Zum Vergleich: Das globale Wirtschaftswachstum wird nächstes Jahr auf 2,9 Prozent prognostiziert, wobei erneut die Schwellen- und Entwicklungsländer mit einem Wachstum um 4 Prozent deutlich vor den fortgeschrittenen Staaten mit einem Wachstum von nur 1,4 Prozent liegen. Immerhin wird Deutschland der Prognose zufolge im kommenden Jahr nicht mehr das Schlusslicht sein, sondern zumindest Italien und Großbritannien hinter sich lassen.

Auch das Bundeswirtschaftsministerium von Robert Habeck hat im Oktober schwache Prognosen veröffentlicht. Demnach schrumpft die deutsche Wirtschaft dieses Jahr um 0,4 Prozent und wächst nächstes Jahr um 1,3 Prozent. Auch hier werden die hohen Energiepreise, die hohen Zinsen und das Schwächeln wichtiger globaler Wirtschaftspartner für die Entwicklung verantwortlich gemacht. Zwar verspricht Habeck zur Stärkung der Wirtschaft verschiedene Maßnahmen wie eine verstärkte Zuwanderung von Fachkräften, Abschiebeschutz für arbeitende Flüchtlinge und längere Arbeitszeiten, doch mögliche eigene Fehler, die das deutsche Hinterherhinken erklären könnten, nennt der grüne Minister nicht.

Die Opposition sieht dies naturgemäß anders. „Die derzeitige Wirtschaftskrise Deutschlands ist hausgemacht“, sagte etwa der Obmann der Unionsfraktion im Wirtschaftsausschuss des Bundestages, Hansjörg Durz, zu den Prognosen aus dem Habeck-Ministerium. Bereits im Juli hatte er gesagt: „Statt grüner Planwirtschaft brauchen wir klassische, klare Angebotspolitik: Bürokratiekosten senken, Energiepreise durch Senkung von Steuern und Abgaben runter, Forschung und Entwicklung von Unternehmen stärken.“ Andernfalls drohe Deutschland auch langfristig den Anschluss zu verlieren.

Sicherlich bietet der Abbau von Bürokratie ein riesiges Potenzial, die deutsche Wirtschaft zu beflügeln. Doch liegt hier kein entscheidender Grund für das derzeit schwache deutsche Wirtschaftswachstum im internationalen Vergleich. Dies zeigt der aktuelle Economic Freedom Index, der von der US-Denkfabrik Heritage Foundation veröffentlicht wird. Demnach liegt Deutschland weiterhin auf Platz 14 der diesjährigen Rangliste, welche die wirtschaftliche Freiheit in 176 Staaten bewertet hat. Zwar hat sich das deutsche Ranking gegenüber 2022 leicht verschlechtert, es liegt aber dennoch höher als in den Jahren 2019 bis 2021 unter der letzten Merkel-Regierung.

Nach Ansicht von Martin Wansleben, dem Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), ist die Stimmung in der deutschen Wirtschaft dennoch alles andere als gut. „Hohe Energiepreise, Unsicherheit über die zukünftige Energieversorgung, hohe Steuer- und Abgabenbelastung, Bürokratie, Fachkräftemangel und schleppende Weltkonjunktur belasten die Geschäfte“, sagt er. Und der Krieg in der Ukraine sowie der neu entflammte Konflikt im Nahen Osten seien zusätzliche Belastungen.

Auch das Ifo-Institut erwartet vom Nahost-Konflikt weiteren Gegenwind für die Wirtschaft. „Die deutsche Industrie ist sowieso durch die eher schwächelnde globale Industriekonjunktur schon beeinträchtigt“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest gegenüber Reuters. Eine plötzliche Krise treffe die deutsche Wirtschaft ganz besonders, wie der massive Rückgang der Exportnachfrage in der Folge der Finanzkrise 2008/09 gezeigt habe. Eine schwächere Weltwirtschaft bedeute, dass der Industriesektor getroffen wird, so Fuest. Zwar gebe es noch Hoffnung, dass eine Rezession ausbleibt. Doch der Konflikt hätte schwere Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft, wenn die USA oder der Iran eingreifen.

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