Politik

Scholz im Bundestag: Eine Erklärung, die nichts erklärt

Die mit großer Spannung erwartete Regierungserklärung enttäuschte. Weder erklärte Bundeskanzler Olaf Scholz, wie es zu dem Haushaltsdebakel seiner Regierung kam, noch welche Schlussfolgerungen er aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ziehen werde. Lediglich vage deutete Scholz an, dass es künftig nicht ohne Ausgabenkürzungen gehen werde – zum Missfallen des grünen Koalitionspartners und seiner eigenen Partei.
Autor
28.11.2023 18:24
Aktualisiert: 28.11.2023 18:24
Lesezeit: 3 min

Eine Regierungserklärung ist das Mittel eines Regierungschefs, das Parlament und die Öffentlichkeit über grundlegende Weichenstellungen und Vorhaben einer Regierung zu informieren. Selten war der Informationsbedarf so groß wie jetzt. Denn: Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 15. November, das erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik einen Haushalt für nichtig erklärte, ist die Ungewissheit bei den Bürgern und in der Wirtschaft groß: Drohen Steuererhöhungen? – Werden Sozialleistungen gekürzt? – Ist die Rente noch sicher? – Wird die Wirtschaftsförderung noch aufrechterhalten?

Unbeantwortete Fragen

Doch auf alle diese drängenden Fragen, sagte der Bundeskanzler: praktisch nichts. Weitschweifig erklärte Scholz der staunenden Öffentlichkeit die allgemeine Lage, vor die seine Regierung stand und steht: die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, die Energiekrise. Und nun der gewaltsame Konflikt im Nahen Osten. All dies hätte seine Regierung dazu bewogen, am regulären Haushalt vorbei Sondervermögen einzurichten, die sich nun nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts als verfassungswidrig herausstellten.

Als Folge des Urteils fehlen der Bundesregierung für den Haushalt für dieses Jahr und erst recht für das nächste Jahr Milliarden. Doch der Bundeskanzler sagte letztlich nichts. In seiner gerade einmal 24 Minuten währenden Rede, verbreitete der Regierungschef Allgemeinplätze, die Bürger und Wirtschaft vollkommen ratlos zurücklassen: Man werde keinen Bürger allein lassen, das Urteil des obersten Gerichts ändere das Leben der Menschen nicht, der Staat komme auch weiterhin seinen Pflichten nach und erledige die laufenden Aufgaben: Jedoch: Wie die Regierung Scholz das alles bezahlen wolle, erfuhr die zunehmend verunsicherte Bevölkerung nicht. Zumal es immer offensichtlicher wird, dass sich die drei Koalitionspartner völlig uneins sind, welche haushaltspolitischen Schlussfolgerungen sie aus dem Urteil ziehen wollen.

Unklarheit über den Kurs

Diese unterschiedlichen Sichtweisen wurden für einen kurzen Moment deutlich, als Scholz einmal in seiner Rede, ganz allgemein und vage darauf hindeutete, dass die Konsolidierung des Haushaltes ohne Kürzung der Ausgaben wohl nicht möglich sein werde. Lediglich die Abgeordneten der FDP applaudierten – bei den anderen Koalitionspartnern Grüne und SPD rührte sich keine Hand. Doch auch an diesem Punkt blieb es beim Allgemeinen: Weder sagte Scholz, welche Ausgaben gekürzt werden müssen, noch in welchem Umfang dies geschehen solle.

Auf der anderen Seite legte Scholz dar, dass das Urteil des Bundesverfassungsgerichts nach seiner Interpretation bedeute, dass eine Notlage immer jährlich neu begründet werden müsse, um die Schuldenbremse umgehen zu können. Beobachter werten dies, dass Scholz versuchen könnte, auch bei der Aufstellung des Haushaltes 2024 eine Notlage zu erklären, um so erneut zusätzliche Schulden aufnehmen zu können. Dies allerdings würde bedeuten, dass dann die FDP alle Versprechen brechen müsste, die sie im Hinblick auf die strikte Einhaltung der Schuldenbremse zuvor gegeben hatte.

Damit wird offenbar, dass die Koalition auch zwei Wochen nach der Verkündung des Urteils noch keine Linie gefunden hat, wie sie vor allem den Haushalt für das Jahr 2024 aufstellen soll. Während die FDP auf ein Ende des Verschuldungskurses drängt, möchten SPD und Grüne von Ausgabenkürzungen weiterhin nichts wissen. Dabei hoffen sie teilweise auch auf die Unterstützung von CDU-Regierungschefs in den Ländern, die an ihrem Kurs der fortwährenden Verschuldung festhalten wollen.

Klarstellung von Merz

In seiner Replik hatte allerdings der Oppositionsführer, Unionsfraktionschef Friedrich Merz, klargestellt, dass die Unionsfraktion im Bundestag nicht daran dächte, die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse aufzuweichen. „Über die Schuldenbremse wird im Bundestag entschieden“, sagte Merz in seiner Rede, „und nicht im Berliner Rathaus“. Dies war ein deutlicher Hinweis, dass er dem Drängen des Regierenden Bürgermeisters Berlins, Kai Wegner (CDU), nicht nachgeben werde. Wegner, der aufgrund seiner Schuldenpolitik massiv vom Landesrechnungshof kritisiert wird, braucht dringend frisches Geld und fordert deshalb ein Lockern der Schuldenbremse.

Mit der Regierungserklärung ist es Bundeskanzler Scholz nach dem Eindruck fast aller Beobachter nicht gelungen, Zuversicht und Vertrauen in seine Handlungsfähigkeit zu vermitteln. In einer jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstitut INSA rutscht Scholz in der Beliebtheit auf Platz 17 (von 20). Hinter ihm sind nur noch Tino Chrupalla (AfD), die glücklose Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und die Chefin der Linkspartei, Janine Wissler.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: AMD-Aktien steigen kräftig, während Tech-Sektor Wall Street beflügelt
06.07.2026

Ein spektakulärer Wochenauftakt an den US-Märkten sorgt für Aufsehen – erfahren Sie, welche Entwicklungen die Kurse jetzt antreiben.

DWN
Finanzen
Finanzen Fiskalischer Spitzenreiter: Wie Deutschland seinen Bürgern am meisten abknöpft
06.07.2026

Eine Analyse zur Steuerbelastung in Europa zeigt für das Jahr 2026 eine bittere Wahrheit für deutsche Steuerzahler: Die Bundesrepublik...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererhöhungen 2027: Steuer auf Spirituosen steigt um 20 Prozent - Zuckersteuer kommt auch
06.07.2026

Hochprozentige alkoholische Getränke sollen zum 1. Januar 2027 höher besteuert werden. "Was krank macht, wird teurer" - Finanzminister...

DWN
Politik
Politik Haushalt 2027: Klingbeil plant 200 Milliarden Euro neue Schulden für Deutschland
06.07.2026

Mehr Milliarden vor allem für Verteidigung, höhere Schulden - das prägt den Haushaltsentwurf von Finanzminister Klingbeil für...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Inflation: Warum der KI-Boom Ihr Erspartes entwerten könnte
06.07.2026

Künstliche Intelligenz soll die Wirtschaft produktiver machen, Prozesse beschleunigen und Wohlstand schaffen. Doch bevor dieser Effekt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische ChatGPT-Alternative: Warum ein 79-jähriger Unternehmer Big Tech herausfordert
06.07.2026

Ein dänischer Unternehmer und ein selbst ernannter KI-Guru wollen zeigen, dass Europa nicht länger auf amerikanische Tech-Giganten...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Billiganbieter: Temu, Shein und Co. steigern Marktanteil auf Rekordwert
06.07.2026

Die Verbraucher in Deutschland geben online immer mehr Geld bei Shoppingplattformen wie Temu oder Shein aus. Während die asiatischen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau bei Porsche: Konzern streicht weitere 4.000 Jobs
06.07.2026

Wegen der Absatzkrise fallen beim Sportwagenhersteller Porsche bereits mehr als 4.000 Stellen weg. Diese Zahl könnte einem Bericht zufolge...