Politik

Industrie: Auftragseingänge brechen drastisch ein

Die Auftragseingänge der Industrie tauchten im Oktober kräftig ab. Eine Besserung ist weit und breit nicht in Sicht. Blickt man aus anderer Perspektive auf die Zahlen, stellt sich die Lage etwas anders dar.
06.12.2023 12:14
Aktualisiert: 06.12.2023 12:14
Lesezeit: 3 min
Industrie: Auftragseingänge brechen drastisch ein
Die Auftragseingänge der Industrie tauchten im Oktober kräftig ab. (Foto: dpa) Foto: Sina Schuldt

Der Auftragseingang in der deutschen Industrie ist im Oktober kräftig gesunken. Gegenüber dem Vormonat gingen 3,7 Prozent weniger Bestellungen ein, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte. Analysten hatten dagegen mit einem leichten Zuwachs von im Schnitt 0,2 Prozent gerechnet.

Belastet wurde die Entwicklung durch fehlende Großaufträge. Rechnet man diese Komponente raus, ergäbe sich ein Orderzuwachs um 0,7 Prozent. Darüber hinaus wurde der Anstieg des gesamten Auftragseingangs im Vormonat nachträglich von 0,2 auf 0,7 Prozent nach oben gesetzt. Im weniger schwankungsanfälligen Dreimonatsvergleich gehen die Bestellungen um 4,6 Prozent zurück.

Die Auftragseingänge setzten ihren rückläufigen Trend fort, kommentierte das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. Die Entwicklung der Großaufträge herausgerechnet, trete das Ordervolumen seit dem Frühjahr auf der Stelle. Eine nachhaltige Erholung der Industriekonjunktur dürfte demnach erst im nächsten Jahr zu erwarten sein.

Im Detail gingen im Oktober weniger Aufträge für Vorleistungs- und Investitionsgüter wie Maschinen ein. Dagegen wurden mehr Konsumgüter bestellt als im Vormonat. Während die Nachfrage im Inland um 2,4 Prozent stieg, kamen aus dem Ausland 7,6 Prozent weniger Bestellung.

Bankökonomen hoben die Belastung durch fehlende Großaufträge hervor. Diese hätten das Ergebnis im Monat zuvor noch gestärkt. «Bisher haben viele Unternehmen die geringeren Auftragseingänge dadurch ausgeglichen, dass sie ihre Auftragsbestände abgearbeitet haben», sagte Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen. «Auf Dauer werden sie aber nicht darum herumkommen, ihre Produktion herunterzufahren, was für ein weiteres Schrumpfen der deutschen Wirtschaft im Winterhalbjahr spricht.»

Die deutsche Wirtschaft ist im Sommerquartal von Juli bis September leicht geschrumpft. Folgt im Schlussquartal ein weiterer Rückgang, könnte von einer technischen Rezession gesprochen werden - also einem Rückgang der Wirtschaftsleistung in zwei Quartalen hintereinander.

Haushaltskrise ist größtes Hindernis

In einem Kommentar schreibt Tomasz Wieladek, Chefvolkswirt für Europa bei T. Rowe Price:

Die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland sind im Oktober gegenüber dem Vormonat um 3,7 % gesunken. Dies ist ein historisch gesehen sehr starker Rückgang und liegt weit über dem in den Konsensprognosen erwarteten Anstieg von 0,2 %. Der größte Teil war auf einen Rückgang bei den Investitionsgütern und den Auslandsaufträgen zurückzuführen - normalerweise ein Signal für einen deutlichen Rückgang der Auslandsnachfrage. Der Rückgang war jedoch ausschließlich auf einen Rückgang bei den Großaufträgen zurückzuführen, wodurch die Aussagen dieses Indikators häufig verzerrt werden. Werden die Großaufträge ausgeklammert, stiegen die Auftragseingänge im Oktober gegenüber dem Vormonat sogar um 0,7 %.

Insgesamt sind dies keine guten Nachrichten für die deutsche Wirtschaft, aber bei weitem nicht so schlecht, wie es die Zahlen suggerieren. Andere Daten deuten darauf hin, dass die Lagerbestände der deutschen Fabriken derzeit sehr niedrig sind. Das bedeutet, dass die Produktion in Zukunft etwas ansteigen oder vielleicht in geringerem Maße schrumpfen wird, um die Lagerbestände wieder aufzufüllen, auch wenn die Auftragslage im Moment schwach zu sein scheint. Diese Lagerhaltungszyklen haben die Produktion in der Vergangenheit stark angetrieben. Wir gehen daher davon aus, dass die PMI-Erhebungen eine Verbesserung im verarbeitenden Gewerbe anzeigen werden.

Während wir eine kurzfristige Verbesserung des verarbeitenden Gewerbes erwarten, wird die größte Belastung für die Wirtschaft im nächsten Jahr die Haushaltskürzung infolge des Verfassungsgerichtsurteils sein, die mindestens 20-30 Mrd. Euro betragen wird. Eine finanzpolitische Kürzung zu einer Zeit, in der die Wirtschaft bereits schwach ist, wird die deutsche Wirtschaft im nächsten Jahr wahrscheinlich wieder in die Rezession stürzen. Dies ist der wichtigste Gegenwind, den die Anleger im Auge behalten sollten, sobald weitere Informationen über den deutschen Haushalt vorliegen.

Die Finanzmärkte werden die Daten zu den Auftragseingängen heute Morgen wahrscheinlich als eindeutig rückläufigen Indikator interpretieren und wahrscheinlich noch mehr geldpolitische Lockerungen für die EZB im nächsten Jahr in die Geldmarktkurve einpreisen. Wir sind nach wie vor der Meinung, dass die EZB im nächsten Jahr zu früh zu viele geldpolitische Lockerungen plant. Wenn man bedenkt, wie unbeständig die Stimmung an den Märkten heute ist, braucht die EZB vielleicht nur ein paar Datenüberraschungen, um die Marktpreise erfolgreich auf eine erste Zinssenkung im Juni zu verschieben. Dessen sollten sich die europäischen Anleiheinvestoren bewusst sein, denn die große Rallye bei europäischen Anleihen könnte in naher Zukunft eine Korrektur erfahren.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Die wirtschaftlichen Aspekte von kostenlosen Testversionen und wiederkehrenden Zahlungen

Kostenlose Testversionen sind der erste Schritt im Marketing. Damit können Nutzer einen Dienst ausprobieren, bevor Geld fließt und die...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Frankreich zieht Goldreserven aus den USA ab: Welche Folgen hat das für Europa?
08.04.2026

Frankreich ordnet seine Goldreserven neu und verlagert zentrale Bestände aus den USA nach Europa. Steht Europa damit vor einer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiepreis-Entlastung: Streit in der Koalition verschärft sich
08.04.2026

Die Hoffnung auf sinkende Energiepreise nach geopolitischer Entspannung erfüllt sich bislang nicht. Stattdessen rückt die...

DWN
Finanzen
Finanzen Ölpreis aktuell unter Druck: Märkte reagieren auf Feuerpause
08.04.2026

Nach politischen Signalen der Entspannung fällt der Ölpreis aktuell deutlich. Anleger reagieren nervös, während Unsicherheiten weiter...

DWN
Politik
Politik Trump droht mit 50-Prozent-Zöllen gegen Iran-Partner – das könnten die Folgen sein
08.04.2026

Mit drastischen 50-Prozent-Zöllen erhöht Donald Trump den Druck auf Irans Unterstützer. Gleichzeitig kündigt er weitreichende...

DWN
Politik
Politik Ungarn vor entscheidenden Wahlen: Orbán setzt gleichzeitig auf die USA und Russland
08.04.2026

Viktor Orbán verschärft im Wahlkampf seinen außenpolitischen Kurs und setzt zugleich auf Unterstützung aus Washington und Moskau....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Netflix verliert Verfahren in Italien: Drohen Milliarden-Rückforderungen?
08.04.2026

Das Urteil eines italienischen Gerichts setzt Netflix in Europa unter juristischen Druck. Könnte der Fall eine Welle neuer Verfahren...

DWN
Finanzen
Finanzen Krypto-Wallet-Vergleich: So verwalten Sie Bitcoin & Co. sicher – die besten digitalen Geldbörsen
08.04.2026

In digitalen Geldbörsen verwalten Nutzer Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether und bewahren sie sicher auf. Doch welches Krypto-Wallet...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Exporteure: Wachstum erwartet – doch Risiken für Exporte steigen
08.04.2026

Die deutsche Exportwirtschaft trotzt internationalen Konflikten und blickt weiterhin nach vorn. Doch steigende Risiken in Lieferketten und...