Politik

Leben und Sterben in der Ukraine

Lesezeit: 4 min
06.01.2024 14:52
Über den Krieg in der Ukraine wird viel geschrieben, aber meist in weit entfernten Redaktionen und auf der Grundlage von Agenturmeldungen. Wer aber einen unvermittelten Blick auf den Krieg werfen will, sollte so nah wie möglich am Geschehen sein - wie der Kriegsberichterstatter Patrick Lancaster.
Leben und Sterben in der Ukraine
Ein Soldat steht am Eingang eines im Bau befindlichen Bunkers. Die Stadt Tschassiw Jar steht weiterhin unter schwerem Beschuss durch russische Stellungen außerhalb der Stadt. (Foto: dpa)
Foto: Madeleine Kelly

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Über den Krieg in der Ukraine wird viel geschrieben, aber meist in weit entfernten Redaktionen und auf der Grundlage von Agenturmeldungen. Wer aber einen unvermittelten Blick auf den Krieg werfen will, sollte so nah wie möglich am Geschehen sein - wie der Kriegsberichterstatter Patrick Lancaster.

Lancaster arbeitet nicht für ein Medienunternehmen oder eine Agentur, sondern betreibt seinen eigenen Kanal, der inzwischen 558.000 Abonnenten hat. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten sprachen mit ihm über die Schrecken des Krieges, zivile Opfer und die Stimmung an der Front.

Lancaster reiste 2014 durch Europa, als sich der Coup auf dem Kiewer Maidan ereignete. Er beschloss, sich das näher anzusehen. Lancaster wörtlich: „Ich wurde eher zufällig Kriegsreporter, könnte man sagen. Ich war in Europa, auch in Deutschland und an vielen anderen Orten unterwegs und habe Fotos gemacht, keinen richtigen Fotojournalismus, nur nette Fotos eben. Als sich die Situation auf dem Maidan zuspitzte, sah ich viele interessante Fotos von da und dachte, vielleicht sollte ich dorthin gehen. Allerdings verstand ich zu dieser Zeit nichts von der politischen Situation zwischen Russland und der Ukraine.

Ein anderer Blickwinkel

Dann beruhigte sich die Lage auf dem Maidan, im März 2014 wurde es dafür auf der Krim spannend. Und ich dachte, okay, das ist meine Chance, nichts zu verpassen. Ich kann zumindest dorthin gehen und mit meinen eigenen Augen sehen, was passiert.

Ich hatte damals die europäischen Nachrichten im Hinterkopf. Demnach würden die Russen die Krimbewohner zwingen, zum Referendum zu gehen und sich für Russland zu entscheiden. Doch es war etwas ganz anderes, als ich selbst auf der Krim landete und sah, wie viele Menschen sich über die Chance freuten, wieder zu Russland zu gehören.

Ich sage "wieder", weil die Krim vor 1956 zu Russland gehörte und der Ukraine oder der Sowjetukraine dann übergeben wurde, ohne dass die Menschen vor Ort ein Mitspracherecht gehabt hätten. Als ich also sah, wie sehr sich die westlichen Medien und die Mainstream-Medien von der Realität auf der Krim unterschieden, wurde mir klar, dass ich meinen YouTube-Kanal wirklich vorantreiben und das Handwerk des Journalismus lernen musste.“

Lancaster, ein früherer Angehöriger der US- amerikanischen Marine, der unter anderem auf dem Flugzeugträger USS Kitty Hawk zur See fuhr, ist unterstellt worden, er würde Propaganda für den russischen Kreml machen. Dem widerspricht er. Ihm zufolge würde er sich lediglich weigern, prowestliche Propaganda zu betreiben, nur um den Vorwurf loszuwerden, ein Kreml- Propagandist zu sein.

Ihm gehe es darum, das, was er sehe und erlebe, so ungefiltert wie möglich weiterzugeben. Und er könne sich das auch leisten, denn er sei bei niemandem angestellt und könne daher auch nicht gefeuert werden. Zugegeben: Er kann nur einen kleinen Ausschnitt des Geschehens wiedergeben. Ein kleines Mosaiksteinchen aus einem viel größeren Gesamtbild. Jeder ist aufgerufen, dieses aus weiteren Steinchen zusammenzusetzen. Und Eindrücke aus erster Hand ersetzen auch keine geopolitische Analyse. Aber sie lassen vieles in einem anderen Licht erscheinen.

Etwa die Tatsache, dass die Ukraine die Zivilbevölkerung im Donbass seit Jahren mit Streumunition beschießt. Lancaster hierzu: „Meine Familie und ich lebten seit acht oder fast neun Jahren in Donezk. Aber als am 4. März letzten Jahres eine ukrainische Streubombe etwa 200 Meter von unseren Wohnungen entfernt niederging und etwa 20 Menschen tötete und über 50 verletzte, beschloss ich, meine Familie - meine Frau und meine Kinder - aus Donezk weg und weiter nach Russland in Sicherheit zu bringen.

Eigener Kanal bei YouTube

Jetzt pendle ich zwischen den Fronten hin und her, mal in Lugansk, mal in der Gegend von Charkov oder in die von Donezk, Saporischschja, Cherson - ich fahre einfach überall hin, wo es eine Geschichte gibt, die ich gerade filmen und über die ich berichten will. Und zum Glück hat meine Arbeit auf meinem YouTube-Kanal etwa 39 Millionen Menschen erreicht. Das ist gut. Schon weil die westlichen Mainstream-Medien das, was hier passiert, einfach völlig ignorieren. Oder einfach darüber lügen.“

Lancaster macht also weiter als unabhängiger Kriegsberichterstatter, natürlich auch, weil er Geld für sein Familie braucht. Und doch schwingt in seinen Worten noch etwas anderes mit. Wie bei vielen, die nach einer überstandenen Extremsituation das Gefühl haben, wiedergeboren zu werden. Nach einer Konfrontation mit dem Tod erscheint das Leben realer, unverhüllter. Wie wenn die Sonne nach starkem Regen durch die Wolken bricht? Vielleicht. Ja. Das Licht ist so klar.

Als Journalist lebt er jedenfalls gefährlich. „Vor zwei Wochen wurde ein russischer Journalist durch ukrainische Streubomben getötet, die auf sein ziviles Auto abgeworfen wurden. Ein Journalist wurde getötet, zwei Journalisten wurden verletzt.“

Frage: “Waren diese Streubomben aus amerikanischer oder ukrainischer Produktion?“ Lancaster: „Das weiß ich nicht. Im Moment sind die US-Streubomben, die geliefert werden, das große Thema in den Nachrichten. Aber Tatsache ist, dass die Ukraine schon seit neun Jahren Streubomben einsetzt. Es ist also schwer zu sagen. Ich war nicht vor Ort, um mir das Schrapnell der Bomben anzusehen und genau zu sagen, von welcher Seite es stammt. Entweder wurden sie von der Sowjetunion hergestellt und von der Ukraine abgefeuert oder von den USA hergestellt und von der Ukraine abgefeuert. Eins von beiden.“

Wie es sich schon bei der Lieferung von Uranmunition abzeichnet, wird auch hier offensichtlich: Leidtragend im Donbass ist vor allem die Zivilbevölkerung. Lancaster: „Fast jeden Tag (Stand: August 2023, a.d. R.) wurden in der letzten Woche in Donezk Zivilisten getötet.

Die Ukraine hat über der Stadt Donezk so genannte Schmetterlingsminen abgeworfen. Um sie über der Stadt niedergehen zu lassen, nutzen sie größerer Raketen. Die Minen sind wie eine Streubombe, nur dass sie nicht explodieren, wenn sie auf dem Boden aufschlagen. Sie verteilen sich über ein größeres Gebiet. Und wenn sie auf dem Boden aufschlagen, sind sie scharf. Und wenn dann jemand vorbeikommt, sei es ein Kind, ein Hund, eine Dame, eine Frau oder ein Soldat, erschüttert sie den Bereich um sich herum. Sie explodieren.

Dabei sind diese kleinen Dinger gar nicht dafür gemacht, Menschen zu töten. Sie sind eigentlich nur dazu da, Menschen zu verletzen oder ihre Beine zu zerstören. Vielen Kindern, die ich im Kinderkrankenhaus von Donezk gesehen habe, wurden durch diese Minen, die die Ukraine über der Stadt abfeuerte, die Beine weggesprengt. Das ist also genau die Art von Dingen, die ich jetzt und in den letzten neun Jahren immer wieder erlebt habe.“

Lancaster betont noch einmal, dass er sein Material bewusst nicht an den Meistbietenden verkauft, um einer Zensur zu entgehen. Stattdessen finden sich sein Videoberichte unzensiert auf seiner Website. Ob das alles nur Kreml-Propaganda ist, darüber möge sich jeder selbst ein Bild machen.

Info zur Person: Patrick Lancaster ist unabhängiger Kriegsberichterstatter und veröffentlicht seine Beiträge auf seiner Website. Das Gespräch mit ihm führten die Deutschen Wirtschaftsnachrichten im Spätsommer.


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