Wirtschaft

Keine 100 Tage mehr bis zur UEFA Euro 2024: Wirtschaft hofft auf neues Sommermärchen

Die Wirtschaft schwächelt, ein Stimmungsaufheller, ein Impuls wäre dringend nötig. Vielleicht sorgen ja diesen Sommer Sportfans aus dem In- und Ausland für einen sichtbaren Hoffnungsschimmer – und die deutsche Nationalmannschaft. Kann ein die Fußball-EM 2024 der Konjunktur wirklich helfen oder ist das ein Mythos? Eine bittere Pille gibt es bereits jetzt zu schlucken!
12.03.2024 14:09
Aktualisiert: 12.03.2024 14:09
Lesezeit: 4 min

Es sind nicht mal mehr 100 Tage, dann wird in München um 21 Uhr das Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Ungarn angepfiffen. Vom 14. Juni bis 14. Juli 2024 steht Deutschland ganz im Zeichen der UEFA Euro 2024. Das Motto lautet sinnigerweise „Heimspiel für Europa” und das Turnierversprechen klingt politisch: „United by football“. 24 Mannschaften spielen um den Titel in sechs Gruppen. Zehn Stadien in zehn Städten sind Austragungsort der 51 Spiele.

Noch hält sich die Begeisterung in engen Grenzen. Zu viele Sorgen und Probleme beschäftigen die Bürger und das Land. Die Euro 2024 könnte das ändern. „Je nach Turnierverlauf wäre aber auch schon eine gesellschaftliche Stimmungsaufhellung durch begeisternde sportliche Erfolge ein Pluspunkt für die aktuell unter eher schlechter Stimmung leidende Konjunktur“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Holtemöller rechnet mit 650.000 ausländischen EM-Touristen in diesem Sommer. Hinzu kämen noch Gäste, die ohne Stadion-Ticket anreisen und an Public-Viewing-Veranstaltungen teilnehmen würden. 2016 in Frankreich, als die Europameisterschaft letztmals vor Corona-Bedingungen ausgetragen wurde, berechneten Volkswirte einen konjunkturellen Schub in Höhe von 1,2 Milliarden Euro.

Auf einen Image-Gewinn hofft auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) – und ein gutes Abschneiden der Nationalmannschaft. Dann könnte das Turnier auch innerhalb der Bevölkerung eine „positive psychologische Wirkung“ entfalten, sagt Konjunkturexperte Jupp Zenzen.

2006 war die Lage auch mau, bis die Fußball-WM begann

Ein Blick zurück ins Jahr 2006 ist hilfreich. Das fing auch eher durchwachsen an. Deutschland ging es damals noch wie später Griechenland. Die Bundesrepublik hatte in Europa zum vierten Mal in Folge das zulässige Staatsdefizit von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) überschritten. „Das Wirtschaftswachstum war 2005 moderat, aber nicht stabil. Ein breit angelegtes und sich selbst tragendes Wachstum war nicht zu beobachten“, so die nüchterne Analyse des Statistischen Bundesamtes.

Dann setzte allmählich die Vorfreude auf die Fußball-WM in Deutschland ein - das sogenannte Sommermärchen nahm seinen Lauf. Ein Boom-Jahr mit überraschenden 2,5 Prozent Wirtschaftswachstum war die Folge, zwar vom Außenhandel getrieben, aber eben auch von der Konsumfreude im Inland. Vor allem Gastronomie und Einzelhandel waren bester Dinge. Selbst das lästige Defizit-Kriterium des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspaktes wurde endlich wieder eingehalten.

Dieses Jahr ist angesichts des Krieges in der Ukraine zwar nicht vergleichbar, ohne Frage. Aber ein Zeichen könnte die UEFA Euro 2024 trotzdem setzen - in alle Winkel Europas. Der Spielplan könnte entscheidend werden - und natürlich wie gut die Nationalmannschaft im Turnier abschneidet.

Europameister zu werden, wäre auch ökonomisch eine große Hilfe. „Meisterschaften im eigenen Land schlagen erfahrungsgemäß auf das Wirtschaftswachstum durch“, wissen die Experten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Das Sommermärchen von 2006 hat dem Handel einen geschätzten Umsatz von zwei Milliarden Euro gebracht“, besagen die Zahlen des Einzelhandelsverbandes HDE. „Von der EM in Deutschland sind ähnliche Effekte zu erwarten“, so Hauptgeschäftsführer Stefan Genth in seiner Ausgangsprognose.

Im Gegensatz zu 2006 freilich musste nicht mehr so viel Geld in Stadien und Infrastruktur investiert werden. Stuttgarts Gesamtaufwand für den Stadionumbau beläuft sich inzwischen auf 140 Millionen Euro, Hamburg investiert etwa 30 Millionen Euro und Berlin 82 Millionen Euro in Olympiastadion und Fanfest. „Das Image als weltoffener und guter Gastgeber wirkt langfristig: für Deutschland und die Städte als Wirtschaftsstandort“, weiß Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages.

Wenn es gut läuft, gibt es wieder Public Viewing im Lande, gemeinsame Grillabende im Garten. „Das sind wertvolle Impulse für viele Branchen“, so Genth. Kein Wunder, dass man beim Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten (BHB) dem Turnier bereits geradezu entgegenfiebert. Die Europameisterschaft in Deutschland, die in weniger als 100 Tagen beginnt, sei „ein potenzieller Stimmungstreiber für das Geschäft der Baumärkte“, heißt es dort. Erst recht, wenn die Bundesadler als Team stark abschneiden und tatsächlich im Berliner Olympiastadion ins Finale einziehen.

NRW freut sich auf 20 Spiele zwischen Rhein und Revier

Es kommt ein bisschen drauf an, wie die Gruppenphase läuft - sportlich wie wirtschaftlich. In Nordrhein-Westfalen steigt schon jetzt spürbar die Vorfreude, schließlich gibt es dort mit Gelsenkirchen, Düsseldorf, Dortmund und Köln gleich vier Austragungsorte. Die Industrie- und Handelskammer nennt es „ein Privileg, vier der zehn Host Cities zu stellen und somit 20 der 51 Spiele auszurichten“ und damit neue Ausstrahlung und Reputation zu ernten. „Dies bietet eine einzigartige Gelegenheit, die Region international bekannt zu machen und die erwarteten zwölf Millionen Besucher zu Fans zu machen.“

Jochen Grütters von der IHK Nord Westfalen freut sich vor allem für Gelsenkirchen - und den Pott. Er verweist auf Untersuchungen, wie viel Geld Fußballfans allein für Bier und Würstchen in der Veltins-Arena auf Schalke lassen.

„Umgerechnet für die vier EM-Spiele mit je 50.000 Besuchern wären das mehr als vier Millionen Euro“, so Grütters. Der Verkauf von Fanartikeln sei da noch gar nicht mit eingerechnet. Und auch nicht, dass im Gegensatz zu Bundesliga-Spielen die Besucher nicht nur als Tagesgäste anreisen, sondern länger in der Region bleiben und dort auch übernachten. Mit gut 400 Euro pro Tag Umsatz sei zu rechnen. „Sie kaufen Lebensmittel, Bekleidung oder Souvenirs, gehen in Restaurants und Bars, besuchen Museen, Theater oder Freizeitparks, nutzen Taxis und Busse, übernachten in Hotels“, so Grütters voller Euphorie. Allein aus England werden nach jüngsten Schätzungen 500.000 Fans in den Ruhrpott reisen. Zwischen 16. und 30. Juni finden drei Vorrundenspiele und ein Achtelfinale statt.

Aber auch Düsseldorf ist schon ganz aus dem Häuschen. So betont Theresa Winkels, Leiterin des Amts für Wirtschaftsförderung: „Mit der UEFA Euro 2024 werden wir vier Wochen Sommermärchen in Düsseldorf erleben. Davon können nicht nur Gastgewerbe und Handel nachhaltig profitieren. Das stärkt auch das internationale Standing des Wirtschaftsstandortes Düsseldorf.“

Die UEFA darf sich freuen, VW ist jetzt schon enttäuscht

Vor allem aber die UEFA hat gut lachen. Sie steht kurz davor, alle selbst gesteckten Ziele zu erreichen, sagt Turnierdirektor Martin Kallen. Für die eine Million Tickets in der ersten Verkaufsphase seien 140 Millionen Anfragen eingegangen. „Unser Ziel ist über 2,4 Milliarden Umsatz zu erzielen, und das werden wir schaffen.“ Im Sponsoren-Bereich sei das Turnier „quasi ausverkauft“. Die letzten Werbe-Partner würden in Kürze vorgestellt. Am TV-Markt gebe es nur in Asien vereinzelte Stellen ohne vertraglichen Abschluss zu den Übertragungsrechten.

Eine bittere Pille ist natürlich, dass ausgerechnet der Wolfsburger VW-Konzern nicht mehr als Mobilitäts-Partner fungiert, sondern jetzt der große Konkurrent BYD aus China. Dessen Auto-Frachter voller Elektro-Fahrzeuge haben bereits an europäischen Gestaden angelegt und sollen nun vermarktet und verkauft werden. Da hilft es natürlich, wenn die Autos während des Turniers den Offiziellen als Transportmittel zur Verfügung stehen. Bei BYD-Händlern in ganz Europa sollen Viewing- und Fan-Events organisiert werden - von den Werbespots in Spielpausen ganz zu schweigen.

VW habe sich aus Kostengründen zurückgezogen, heißt es. So wird kein VW ID.Buzz mehr den Ball zum Anpfiff der Partie auf den Rasen fahren wie noch bei der Frauen-EM. Für die 70.000 Fans, die am 14. Juli 2024 das Finale in Berlin besuchen, zählt indessen nur eins: auf dem Platz!

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Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

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