Politik

Wettrüsten im Cyberspace: Wenn KI zur Gefahr für die Infrastruktur wird

Ein neues KI-Modell des US-Entwicklers Anthropic sorgt für Alarmstimmung beim BSI. Das Werkzeug „Claude Mythos“ spürt verborgene Software-Lücken in Betriebssystemen und Browsern mit erschreckender Präzision auf. BSI-Präsidentin Claudia Plattner warnt vor massiven Folgen für die nationale Sicherheit, sollten derartige Fähigkeiten in die Hände von Online-Angreifern und Cyberkriminellen gelangen.
10.04.2026 14:55
Lesezeit: 2 min

Digitale Schwachstellensuche im Fokus

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) beobachtet die Entwicklung mit großer Sorge. Obwohl die deutsche Behörde das Modell bisher nicht selbst testen konnte, lieferten Gespräche mit den US-Entwicklern tiefe Einblicke in dessen Potenzial. Die Bilanz von Anthropic ist bereits jetzt beeindruckend wie beunruhigend: Tausende schwerwiegende Sicherheitslücken wurden identifiziert.

Die technologische Beschleunigung durch Künstliche Intelligenz droht das Gleichgewicht zwischen Verteidigung und Angriff zu verschieben. Da „Claude Mythos“ Schwachstellen in nahezu allen gängigen Systemen findet, ist es laut Experten nur eine Frage der Zeit, bis ähnliche Werkzeuge für großflächige Cyberattacken missbraucht werden. Aktuell wird die Software unter Verschluss gehalten, um die globale Sicherheit nicht unmittelbar zu gefährden.

Mythos nicht öffentlich verfügbar

In einer Kooperation sollten deshalb Konzerne wie Apple, Amazon und Microsoft Zugang zu Mythos bekommen, um Sicherheitslücken in ihrer Software zu finden, teilte das Unternehmen mit. Anthropic plane nicht, Mythos allgemein zugänglich zu machen. Unter den weiteren Kooperationspartnern sind die Linux-Stiftung, die IT-Sicherheitsfirmen Crowdstrike und Palo Alto Networks sowie der Netzwerk-Spezialist Cisco.

Eine Frage der nationalen Sicherheit

Das BSI nehme die Ankündigungen von Anthropic sehr ernst und erwarte „Umwälzungen im Umgang mit Sicherheitslücken und in der Schwachstellenlandschaft insgesamt“, sagte Plattner. Konsequent zu Ende gedacht, könnte es mittelfristig keine unbekannten klassischen Software-Schwachstellen mehr geben. „Dies würde eine Verschiebung der Angriffsvektoren und einen Paradigmenwechsel mit Blick auf die Cyberbedrohungslage zur Folge haben.“ Zudem stelle sich die Frage, ob und wenn ja, wie lange, derart wirkmächtige Werkzeuge auf dem freien Markt verfügbar sein werden. „Daraus wiederum ergeben sich Fragen nationaler und europäischer Sicherheit und Souveränität.“

Das BSI untersteht dem Bundesinnenministerium und dem neuen Digitalministerium. Das in Bonn angesiedelte Bundesamt ist die zentrale nationale Behörde für IT- und Cybersicherheit.

Einfallstor für Hacker

Schwachstellen in Software, Hardware oder Netzwerken sind Einfallstore für Cyberangriffe durch Kriminelle oder Hacker im Dienste ausländischer Geheimdienste. Je länger eine Schwachstelle bekannt, aber nicht geschlossen ist, desto größer ist das Risiko für Unternehmen, staatliche Einrichtungen und private Nutzer, Opfer von Datendiebstahl zu werden oder von Erpressung nach dem Aufspielen von Schadsoftware. Auch deutsche Nachrichtendienste und Ermittler nutzen für bestimmte Zwecke Schwachstellen, etwa um Terrornetzwerke oder schwere Straftaten aufzuklären beziehungsweise zur Gefahrenabwehr. Relevant sind hier vor allem sogenannte Zero-Day-Schwachstellen, die den Herstellern noch nicht bekannt sind.

Eine vom US-Geheimdienst NSA genutzte Sicherheitslücke war 2017 von Hackern ausgenutzt worden, um im großen Stil Computer mit der Erpressungs-Software WannaCry zu infizieren. Solche Programme verschlüsseln die Festplatte und verlangen Geld für die Freigabe. Damals waren unter anderem britische Krankenhäuser und Anzeigetafeln der Deutschen Bahn betroffen. Die NSA geriet in die Kritik, weil sie die Sicherheitslücke nicht schließen ließ.

Auf das potenziell gefährliche neue Werkzeug angesprochen, sagte ein Sprecher des Digitalministeriums: „Das Beispiel zeigt, welche große Dynamik bei der Entwicklung von KI-Tools vorherrscht.“ Auch das Digitalministerium beobachte dies sehr genau.

Grünen-Innenpolitiker kritisiert Rolle des Bundesinnenministeriums

Der stellvertretende Vorsitzende des für die Kontrolle der Geheimdienste verantwortlichen Parlamentarischen Kontrollgremiums, Konstantin von Notz, lobte Plattner dafür, dass sie „deutlich auf diese Bedrohungslagen hinweist“. Der Grünen-Politiker sieht die Bundesregierung insgesamt jedoch eher als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung. Er sagt: „Es gab und gibt Kräfte innerhalb der Bundesregierung, vor allem im Bundesinnenministerium, die alles daran setzen, dass der staatliche Umgang mit Sicherheitslücken gänzlich unreguliert bleibt.“

Über die Jahre sei so die Einführung eines Schwachstellenmanagements regelrecht hintertrieben worden, kritisiert von Notz. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende fügte hinzu: „Solange sie hier selbst keine Verantwortung übernimmt und sich gleichzeitig mit Steuergeld am weltweiten Handel mit Sicherheitslücken beteiligt, ist die Bundesregierung, man muss es leider so sagen, eher Teil des Problems und nicht der Lösung.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Inflation und Deflation zugleich - Wohin steuert das Finanzsystem?

Die wirtschaftlichen Signale aus den USA, China und Europa werden widersprüchlicher. Während der Preisdruck nachlässt, verliert der...

DWN
Immobilien
Immobilien Schäden, Sanierung, Schönheitsfehler: Was muss ein Mieter zahlen, was ein Vermieter?
15.08.2026

Viele Mieter und Vermieter sind unsicher, wer bei Schäden oder Gebrauchsspuren in der Wohnung für die Kosten aufkommen muss. Wir...

DWN
Unternehmen
Unternehmen MG4 Urban im Test: Fast "Das Auto", nur aus China
15.08.2026

Als SAIC Motor das Modell MG4 vorstellte, wurde es sofort zu einem der begehrtesten in China gebauten Elektroautos. Autojournalisten...

DWN
Panorama
Panorama Freundschaften stärken psychische und körperliche Gesundheit
15.08.2026

Enge Beziehungen wirken sich laut einer internationalen Studie positiv auf die mentale Gesundheit aus. Auch die Kindheit spielt eine Rolle...

DWN
Panorama
Panorama Mariä Himmelfahrt: Riesige Marienstatue wird in Polen eingeweiht
15.08.2026

In einem Dorf in Polen wird am 15. August eine gigantische Marienfigur eingeweiht. Gestiftet hat sie einer der reichsten Männer des...

DWN
Politik
Politik Landtagswahl Sachsen-Anhalt: Das sind die Spitzenkandidaten
15.08.2026

Wer tritt bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt als Spitzenkandidat an? Ein Überblick über die wichtigsten Köpfe und ihre Ziele.

DWN
Finanzen
Finanzen Adieu Frankreich, adieu Deutschland: Wohin Europas Reiche ziehen
14.08.2026

Politische Unsicherheit, hohe Steuern: Das sind die wichtigsten Gründe, warum Reiche die zwei stärksten Länder Europas verlassen. Wohin...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Sandisk und Reddit glänzen trotz wachsender Konjunktursorgen
14.08.2026

Erfahren Sie, welche Dynamiken die Wall Street bewegen und warum ausgewählte Einzelwerte den trüben Konjunktursignalen trotzen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BMW-Werk Dingolfing rüstet auf für den entscheidenden Kampf um die Autozukunft
14.08.2026

Tausende Roboter, 280.000 Autos im Jahr und eine neue Batteriefabrik sollen BMWs größten europäischen Produktionsstandort zukunftsfähig...