Finanzen

Bundesbank: Expansive Geldpolitik der EZB war sehr schlecht für die Wirtschaft

Ein neue Studie der Bundesbank kommt zu brisanten Ergebnissen: Die ultralockere Geldpolitik der EZB war womöglich mehr Fluch als Segen für die Gesamtwirtschaft. Die angeblich positive Wirkung von Niedrigzinsen auf die Wirtschaft wird akademisch schon lange kontrovers diskutiert. Gerade jetzt, wo wieder Zinssenkungen anstehen, ist das Thema hochrelevant.
24.03.2024 13:30
Aktualisiert: 24.03.2024 15:14
Lesezeit: 3 min
Bundesbank: Expansive Geldpolitik der EZB war sehr schlecht für die Wirtschaft
Hat die EZB mit ihrer Nullzinspolitik großen Schaden in der Wirtschaft angerichtet? (Foto: dpa) Foto: Frank Rumpenhorst

Die jahrelange ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) hat laut Bundesbank womöglich das Unternehmensgeschehen im Euroraum gebremst. „Verschiedene empirische Studien deuten an, dass die langanhaltende expansive Geldpolitik im Euroraum die Unternehmensdynamik belastet haben könnte“, heißt es in einer neuen Bundesbank-Studie.

Daten für zwölf EU-Länder, darunter Deutschland, Frankreich und Italien, suggerieren, dass infolge von Nullzinsen und Geldschwemme der Anteil an unprofitablen Unternehmen mit Zugang zu günstigen Finanzierungsbedingungen zugenommen habe. Dies sei mit einer geringeren Rate von Neugründungen und Firmenschließungen einhergegangen. Die Wirtschaftsdynamik ist womöglich deshalb etwas kraftlos geblieben.

Die EZB hatte in den Jahren nach der globalen Finanzkrise und der Euro-Schuldenkrise unter anderem wegen der meist schwachen Wirtschaftsdaten in Europa ihre Geldpolitik immer expansiver gestaltet. Die Leitzinsen wurden tiefer und tiefer gesetzt bis in den negativen Bereich hinein. Angesichts der sehr niedrigen Inflationsrate glaubte man damals wohl, sich dieses historisch einmalige Geldexperiment erlauben zu können.

Zudem legte die Euro-Notenbank ab 2015 billionenschwere Programme zum Ankauf von Staats- und Unternehmensanleihen auf. Insbesondere die massiven Staatsanleihenkäufe wurden in Deutschland stets sehr kritisch gesehen.

Nullzinspolitik kann der Wirtschaft schaden, vor allem in der Phase danach

„Eigene Simulationen deuten an, dass der geldpolitische Expansionsgrad die Unternehmensdynamik auch noch in der anschließenden Normalisierungsphase beeinflusst haben könnte“, schreiben die Bundesbank-Experten. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass eine expansivere Geldpolitik die Wirtschaft zwar stabilisieren und zu einer schnelleren Wirtschaftserholung beitragen könne. Die Quittung käme dann aber in der anschließenden Phase der geldpolitischen Normalisierung, wo die Unternehmensdynamik behindert werde.

Der Grund: Unprofitable Großunternehmen (auch bekannt als „Zombie-Firmen“), die sich durch niedrige Zinsen am Leben halten konnten, binden Kapital und Ressourcen, das eigentlich besser bei wertschöpfenden und neu gegründeten Firmen investiert worden wäre.

Je expansiver die Geldpolitik zuvor gewesen sei, desto niedriger sei dann die Rate an neuen Unternehmen in der Phase danach.

Europas Wirtschaft stagniert – neue Zinswende steht bevor

Umgekehrt stellt sich dann die Frage, ob die aktuell restriktive Geldpolitik die europäische Konjunktur überhaupt so stark bremst, wie etwa der spanische Notenbankchef neulich behauptete. Die Eurozone ist im vierten Quartal 2023 nur knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) war stagniert, nachdem es im Vorquartal noch um 0,1 Prozent geschrumpft war.

Die EZB hat im Kampf gegen die Inflation die Zinsen seit Sommer 2022 zehn Mal in Serie angehoben - zuletzt im September 2023. Seitdem liegt der Euro-Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken wöchentlich bei der EZB refinanzieren können, bei 4,5 Prozent. Nun stehen Zinssenkungen vor der Tür – aber ob die überhaupt eine positive Wirkung auf die strauchelnde europäische Wirtschaft haben werden?

Wie effektiv ist die Geldpolitik der Zentralbanken?

Unter Ökonomen wird schon seit vielen Jahrzehnten kontrovers über die Wirkweise von Geldpolitik diskutiert.

Dass etwa Zinserhöhungen ein effektives Mittel gegen Inflation sind, gilt in manchen Kreisen als unumstößliche Weisheit. Die empirische Evidenz ist aber fragwürdig, weil sie erstens bei weitem nicht immer zutrifft (man denke nur an die aktuelle Hochinflation in der Türkei, die trotz mittlerweile hoher Zinsen immer schlimmer wird) und zweitens einer Verzerrung unterliegt. Wenn Notenbanken auf hohe Inflationsraten stets mit Zinsanhebungen sowie Geldmengen-Reduktion reagieren und die Zinsen so lange hoch halten, bis die Inflation an Dynamik verliert, wird man immer eine Korrelation feststellen, die aber noch lange keinen kausalen Zusammenhang beweist.

Es ist auch schwer logisch zu begründen, weil die Zentralbank-Geldmenge vor allem im Finanzsektor zirkuliert und nicht direkt auf die Realwirtschaft einwirkt. Die seit Mitte 2023 stark rückläufigen Inflationsraten in Europa, den USA und dem Rest der Welt dürften vor allem an den normalisierten Energiepreisen liegen und nicht an einer bremsenden Wirkung der hohen Zinsen. Was auch oft vergessen wird: Niedrigere Inflation bedeutet nicht niedrigere Preise, sondern nur eine geringere Teuerungsrate als vorher und damit meist eine weiterhin sinkende Kaufkraft der Bevölkerung.

Genauso kann man in Frage stellen, warum eine ultralockere Zinspolitik positiv auf die Gesamtwirtschaft wirken sollte. Die oben angesprochene „Zombifizierung“ ist nur einer von vielen negativen Nebeneffekten von billigem Geld. Niedrige Zinsen sollen realwirtschaftliche Investitionen anregen und Sparen unattraktiv machen. In der Praxis könnte der Effekt manchmal sogar gegenteilig sein, wie die Konjunkturentwicklung der Dekade von 2010 bis 2020 andeutet.

Eine 2018 veröffentlichte Studie mit dem Titel Reconsidering Monetary Policy“ kommt zu dem Schluss, dass die Niedrigzinspolitik zur Stimulierung von Wirtschaftswachstum völlig ungeeignet und wahrscheinlich sogar kontraproduktiv ist. Das ergaben empirische Untersuchungen zu historischen Wachstumsraten und Zinsen in den vier größten westlichen Industrieländern (USA, Deutschland, Japan, Großbritannien). Demnach ging höheres Wachstum häufig mit höheren Zinsen einher.

Die Autoren schließen daraus, dass die Kausalität ganz anders ist als viele Ökonomen glauben: Weder besonders niedrige noch künstlich hohe Zinsen stimulieren die Wirtschaft, sondern hohes Wachstum sorgt tendenziell auch für hohe Zinsen. Eine gesunde Wirtschaft und deren einzelne Unternehmen können sich sozusagen einen höheren Zins „leisten“. Über eine Manipulation der Zinsen – egal ob nach unten oder nach oben – können Notenbanker aus dieser Sichtweise heraus keinerlei positiven Einfluss auf das Wirtschaftswachstum nehmen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie Twitch, Kick & Co. die Unterhaltungsbranche prägen

Das Bild der Unterhaltungsbranche hat sich dramatisch gewandelt. Dabei wurde aus einer Einbahnstraße eine Autobahn mit unzähligen Spuren...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Jakob Schmidt

                                                                            ***

Jakob Schmidt ist studierter Volkswirt und schreibt vor allem über Wirtschaft, Finanzen, Geldanlage und Edelmetalle.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Flugkraftstoff gerettet, Urlaub nicht. Europas Airlines sparen weiter
01.06.2026

Erst drohten Flugausfälle, leere Tanks und ein chaotischer Sommer über Europas Flughäfen. Nun scheint der akute Mangel an Flugkraftstoff...

DWN
Finanzen
Finanzen Trade Republic attackiert Europas Banken mit sechs Prozent Zinsen
01.06.2026

Sechs Prozent Zinsen, Brad Pitt im Werbespot und ein deutscher Anbieter, der in Polen plötzlich klassische Banken herausfordert. Trade...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Automobilchef: Mehrere europäische Automarken werden aussterben
01.06.2026

Jahrzehntelang lernten chinesische Hersteller von deutschen Autobauern. Nun reisen Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW nach China, um...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hyundai Kona im Test: Futuristisch, mutig und anders
01.06.2026

Der Hyundai Kona sieht aus, als wolle er nicht jedem gefallen. Genau das macht ihn spannend, denn hinter der mutigen Form steckt ein...

DWN
Politik
Politik Vorteil für Migranten bei Behördenjobs: Ist das Partizipationsgesetz verfassungswidrig?
01.06.2026

In Berlin ist die öffentliche Verwaltung bunt: Vielfalt, Teilhabe, Chancengleichheit für Menschen mit Migrationsgeschichte. Diese Praxis...

DWN
Politik
Politik Rentenversicherung: 20 Prozent Rentenbeitrag im Jahr 2029?
01.06.2026

Die Beiträge für die Rente sollen steigen - nach neuen Prognosen sogar noch etwas stärker als bisher gedacht. Doch es könnte auch alles...

DWN
Politik
Politik Großbritanniens EU-Rückkehr: Realistische Option oder politischer Wunschtraum?
01.06.2026

Erst galt der Brexit als endgültig, nun spricht ein Labour-Schwergewicht offen von Großbritanniens EU-Rückkehr. Hinter der neuen...

DWN
Finanzen
Finanzen SpaceX-IPO: Warum Kleinanleger jetzt in ein riskantes Spiel geraten
01.06.2026

SpaceX ist noch nicht an der Börse, doch der Hype wird bereits gehandelt. Kryptoplattformen machen aus Erwartungen an Elon Musks...