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EU blockiert Übernahme von ITA Airways und schützt Lufthansa vor sich selbst

Brüssel hat neue Hürden für die Übernahme der italienischen Fluggesellschaft ITA Airways aufgestellt. Die dänische EU-Kommissarin Margrethe Vestager hat eine vertiefte Prüfung angekündigt und die Entscheidungs-Frist bis zum 6. Juni hinausgeschoben. Vielleicht sollte Lufthansa das Drama lieber beenden und sich CEO Carsten Spohr von seinen Wachstums-Fantasien verabschieden. Die alte Alitalia ist nicht die frühere Swissair und wird es nie werden, sind sich Luftfahrt-Experten einig. 
27.03.2024 14:33
Lesezeit: 3 min
EU blockiert Übernahme von ITA Airways und schützt Lufthansa vor sich selbst
Ein Airbus A320 von Ita Airways auf der Startbahn des Flughafens Leonardo da Vinci in Venedig. Lufthansa versucht, die italienische Fluggesellschaft zu übernehmen. (Foto: dpa) Foto: Massimo Insabato

Alitalia ist ein Markenname, der an La Dolce Vita erinnert und ein Stück Lebenskultur verspricht - „auf den Schwingen Italiens“, heißt es in der Übersetzung.

Man denkt sogleich an rasante Autos auf kurvigen Bergstraßen der Riviera - mit Sophia Loren auf dem Beifahrersitz. Lecker Pasta spielt auch eine Rolle in den Träumen von einst. Fakt ist allerdings: Die Staatsfluggesellschaft war eigentlich stets ein Milliardengrab und hat in den vergangenen 20 Jahren kein Geld verdient, sondern eher den Staatshaushalt in Rom belastet. Auch der Papst nutzt die Airline zwar für seine ausgedehnten Weltreisen - dennoch scheint auf den Geschäften der Airline kein Segen zu liegen.

In Italien gilt Lufthansa als Rettungsanker

Lufthansa will die Folgegesellschaft ITA übernehmen und sogar noch ordentlich Geld auf den Tisch legen - vor allem wohl für die Markenrechte. Bedenklich, dass es nicht einmal mehr groß Protest gegen den Ausverkauf gibt in Bella Italia. Tatsächlich ist, von der Lufthansa-Gruppe abgesehen, niemand sonst in Sicht, der alternativ in die Bresche springen wollte. Dann halt die „i Tedeschi“ als Investoren - was soll's?

Die EU versucht monopolartige Zustände in Mitteleuropa zu verhindern, das ist ihre heilige Pflicht. Verrückt wird es nur, wenn sonst niemand die letzten gerade mal 50 Maschinen der ITA Airways übernehmen will. Seit der Insolvenz der Alitalia anno 2020 und der Übernahme ihres restlichen Flugbetriebs 2021 mitten im (für die Branche bedrohlichen) Corona-Jahr  ist die Italia Trasporto Aereo  zu 100 Prozent in Besitz des italienischen Finanzministeriums. Rechtsnachfolgerin der Alitalia ist sie nicht, ihr gehören freilich die Markenrechte, die immerhin einen guten Klang zu haben scheinen und am Lufthansa-Sitz in Köln die Italien-vernarrten Herzen höher schlagen lassen. Liebe macht blind.

Komplette Übernahme - und neues Hub in Rom

Die Lufthansa war und ist offenbar weiterhin dazu bereit, im ersten Schritt für die verabredeten 41 Prozent 325 Millionen Euro zu bezahlen und langfristig sogar alle Anteile zu erwerben. Wegen der drohenden Dominanz der dann womöglich durch Lufthansa kontrollierten Gesellschaften werden sicherlich Spots an den Airports Mailand Linate und Rom Fiumicino abgegeben werden müssen - die Lufthansa schien da sogar kompromissbereit zu sein.

Die EU will aber auch, dass Lufthansa freiwillig in, von und nach Italien auf Kurz- und Langstrecken verzichtet. Das scheint Carsten Spohr zu weit zu gehen. Angesichts der wachsenden Marktanteile von Billig-Airlines wie Easyjet und Ryanair könne von einer Monopolstellung schließlich nicht die Rede sein. Zur Lufthansa-Gruppe gehören (neben den Ferienfliegern Discovery und Condor), Austrian, Swiss und Brussels immerhin auch Air Dolomiti und Edelweiss - die Alpen hat die Lufthansa also marktmäßig längst überquert.

In Rom wächst derweil im ITA-Management das Selbstbewusstsein, besser unabhängig zu bleiben und selbst zu expandieren. Italien selbst gilt als guter Markt für Flugtickets, vor allem im Norden. Es ist der alte Irrglaube, dass eine Regional-Marke aus einem der noch so reiselustigen wie wohlhabenden EU-Länder sogleich als neuer Player in der Luftfahrt-Branche reüssieren könnte. Obendrein hat sich Italien in seiner Business-Metropole Mailand mit den beiden dort konkurrierenden Flughäfen Linste und Malpensa selbst die Expansionsmöglichkeiten als Hub verbaut.

Alitalia hat bereits Milliarden verbrannt

Georgia Meloni und ihre Berater im Palazzo Chigi dürften eine gute Ahnung haben, was das mittelfristig wieder für den italienischen Staatshaushalt bedeutet - wahrscheinlich nicht Gutes. Alitalia in die ITA Airways zu überführen, hat das Abspecken von tausenden Arbeitsplätzen erforderlich gemacht und zig Millionen an Überbrückungshilfen gekostet. Also keine Option!

Die Lufthansa erklärte derweil nur offiziell, man wolle sich „weiterhin mit Nachdruck für einen zügigen Abschluss der Prüfung der EU-Kommission und für die anschließende Umsetzung der Beteiligung einsetzen“. Carsten Spohr schwebt immer noch ein Hub in Rom vor, von dem aus Afrika und selbst Südamerika angesteuert werden können. Sogar wohlmeinende Experten raten ihm indessen schon länger, abzuwarten, bis die TAP aus Portugal zum Verkauf steht - diese Fluggesellschaft habe tatsächlich Perspektiven, als Verteilerpunkt in die südliche Hemisphäre zu dienen.

Die Frage ist nun, wer endlich Margrethe Vestagers Bluff offenbart und wann. Das Problem ITA Airways in Rom zu belassen, dürfte Spannungen mit sich bringen. Die Lufthansa könnte es wohl verkraften.

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Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

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