Unternehmen

Städtereisen neu entdeckt: Easyjet läutet Renaissance der Rollkoffer ein

Vor genau 20 Jahren eroberte Easyjet mit seinen günstigen Flügen das Festland der EU. Der Start in Berlin-Schönefeld begann vielversprechend, mit der Eröffnung von BER im Jahr 2020 schien das Wachstum kaum Grenzen zu kennen. Dann Corona, Ukraine und das Hamas-Massaker am Gaza-Zaun. Jetzt will die Billig-Airline noch mal neu durchstarten und den Städtetourismus wieder beleben. Flugscham ist dabei längst zum Fremdwort geworden. Den handlichen Rimowa-Koffer wieder rausgeholt – let's roll again!
19.04.2024 16:10
Aktualisiert: 19.04.2024 17:37
Lesezeit: 4 min
Städtereisen neu entdeckt: Easyjet läutet Renaissance der Rollkoffer ein
Die Biege machen und abfliegen: Berlins ehemaliger Bürgermeister Klaus Wowereit mit Thomas Haagensen von Easyjet am Hauptstadtflughafen (Foto: dpa). Foto: Bernd Settnik

Das waren noch Zeiten. Die hippe Hauptstadt tanzte Techno und lud die Welt zur Love Parade nach Berlin. Prompt entschied die britische Billigfluglinie Easyjet, das EU-Festland zu erobern, um Städtetouristen von England in die neue Partytown zu befördern. Der regierende Bürgermeister war damals noch kultig und empfing persönlich im April 2004 den ersten Shuttle zwischen Berlin-Schönefeld und der Beatles-Stadt Liverpool. Aufbruch in eine neue Ära. „Wir haben die Luftfahrt demokratisiert“, lautet das Credo der Briten.

Der Brexit ist kein Thema mehr. Denn Easyjet hat sich längst europäisch aufgestellt, unterdessen. Berlin ist mit elf Flugzeugen und einer neuen Montagehalle für 500 Maintenance-Check-ups allein im vergangenen Jahr zum wichtigen Hub des Billigfliegers geworden. Für Flughafen-Chefin Aletta von Massenbach ist Easyjet gewissermaßen die Hauptstadt-Airline par excellence, seitdem AirBerlin pleitegegangen ist und die Lufthansa den neuen Flughafen Willy Brandt weiterhin nur als zweitrangig erachtet.

AirBerlin nur auf Warmwasser-Strecken unterwegs

Auch Berlins Ober-Sherpa Burkhard Kieker, Geschäftsführer von visitBerlin, der Tourismus- und Kongress GmbH, schwärmt von Easyjet. Ohne sie könnte er keine Touristen ins „Berghain“ lotsen, um sie auf den Gipfel zu führen. „AirBerlin war ja früher eher auf Warmwasserstrecken aktiv. Ohne Easyjet wäre Berlin niemals zu einem der drei Top-Städtetourismus-Ziele Europas avanciert (nach London und Paris)“, sagte Kieker jetzt anlässlich des ersten Easyjet-Fluges nach Berlin vor 20 Jahren.

Ein Jubiläum, das allerdings aus ökonomischer Sicht eher verhalten gefeiert wird von Thomas Haagensen, dem Europa-Direktor von Easyjet. Die Fluggesellschaft ist immer noch damit beschäftigt, Schulden abzuarbeiten und Verluste auszugleichen. Erst Corona, dann der Ukraine-Krieg und nun auch die Unsicherheit im Nahen Osten haben zwar die gesamte Branche gebeutelt. Im Gegensatz zu den Ferienfliegern, so Haagensen, „kommt das Punkt-zu-Punkt-Geschäft aber erst langsam wieder zurück.“

Doch nicht nur die jungen Abenteurer, die mit Easyjet in den vergangenen zwei Jahrzehnten Europa und den Mittelmeerraum für sich entdeckt haben – jeden Monat am liebsten bei einem neuen Kurztrip. Auch Geschäftsleute haben von den weitgespannten Direktverbindungen von Berlin, Hamburg, Köln, Stuttgart und München profitiert. Mal kurz nach Basel ans Schließfach oder Geld abheben im Transitbereich von Zürich. Shoppen in Mailand und Paris, zum Messebesuch nach Kopenhagen oder Nizza/Cannes. Allein aus Berlin hat Easyjet 84 Millionen Fluggäste in Europa verteilt – einst gab es wie selbstverständlich mal über 100 Ziele und Destinationen.

Easyjet versucht sich als Ferienflieger

Von damals in der Spitze 34 Maschinen in Berlin sind derzeit noch elf übrig geblieben. Das Versprechen auf neue Routen fällt überschaubar aus – nach Birmingham und Toulouse soll es im Sommer gehen. Es scheint so, dass Easyjet neuerdings lieber mit seinem neuen Service „Easyjet Holidays“ den Ferienfliegern Konkurrenz bereiten möchte. Wenn es nach Easyjet-Deutschland-Chef Stephan Erler geht, kehrt allmählich aber wieder Normalität ein. Peu à peu wird an der Wiederaufnahme attraktiver Städte-Verbindungen gearbeitet. Die jetzt für Deutschland vorgelegten Zahlen lassen auf sieben Prozent Wachstum in 2024 hoffen. Mit fünf Shuttles nach Paris pro Tag, vier nach Kopenhagen und London, dreimal nach Basel, Mailand und Palma kann man wieder an alte Zeiten anknüpfen.

Nur so billig wie früher wird es wohl nicht wieder. Aletta von Massenbach forderte zwar die Bundesregierung auf, die 2023 erhöhten Gebühren und Steuern möglichst wieder zu senken, weil diese im Wettbewerb mit anderen Flughäfen in Europa zu unfairen Benachteiligungen führen würden. Um die Kosten der Flugsicherung allein geht es schon längst nicht mehr in der Diskussion.

48 Euro Gebühren, bevor der Flieger abhebt

„Deutschland ist nicht mehr wettbewerbsfähig“, beteuerten unisono alle Protagonisten der Easyjet-Veranstaltung. Wobei Flughafen-Chefin von Massenbach genau weiß, dass es der Ampel auch um ein Zeichen in Sachen Klimaschutz geht. So selbstverständlich wie früher fliegt es nicht mehr. Dass pro Passagier und Flug mittlerweile 48 Euro auf dem Taxameter stehen, bevor der Flieger abhebt am BER, wird sich nicht mehr revidieren lassen.

Für Deutschland geht es beim Fliegen um andere Dinge, als Touristen in Südeuropa an den Beach zu bringen. Berlin wiederum sollte mit Kultur und Kongressen locken statt mit billigem Wochenend-Vergnügen – mit der Bierflasche durch Friedrichshain kiezen, ist mehr oder weniger aus der Zeit gefallen. Das Bewusstsein hat sich verändert in der Stille der Corona-Zeit. City-Breaks als Dritt- oder Viert-Urlaub werden mehr als pauschal 200 Euro kosten in Zukunft.

Da kann Easyjet noch so viele kerosinsparende Airbus Neo in Toulouse optionieren, über die derzeit 315 eingesetzten und verbindlich georderten Flugzeuge bis 2034 hinaus. Weniger Sprit zwar, aber stattdessen wieder mehr fliegen, das verändert bislang nicht erheblich die Klimabilanz, würden Umweltschützer einwenden. Innovationen und Nachhaltigkeitsanstrengungen der No-frills-Airline hin oder her. Wasserstoff als grüner Antrieb – das sind bislang bekanntlich noch ferne Blütenträume.

Tatsächlich war jetzt auf der Pressekonferenz in Berlin das Thema Flugscham überhaupt kein Thema mehr – niemand hat dazu auch nur eine Frage gestellt. Die Vision ist eine andere: Die Rollkoffer-Kommandos werden in Europas Top-Destinationen zurückkehren. Und Berlin kämpft Kieker zufolge kräftig mit, will auf keinen Fall als Reiseziel „von Rom oder Barcelona überholt“ werden. Aletta von Massenbach würde es natürlich auch freuen, in Berlin-Schönefeld nicht länger im Abseits zu liegen und zu fliegen.

Die Bahn fährt weiterhin am BER vorbei

Sie hofft, dass endlich auch die Bahn den BER nicht mehr links liegen lässt. Während nämlich die ersten Regionalzüge aus Mecklenburg-Vorpommern direkt zum BER durchfahren und für Intermodalität sorgen, wie von Massenbachs neues Zauberwort lautet, gibt es weder nach Dresden oder Leipzig eine schnelle Anbindung und auch aus Polen und Sachsen-Anhalt und Niedersachsen auf der Ost-West-Achse bringen bestenfalls Flixbusse preisbewusste Passagiere zum Gate. Doch auf der Bahnstrecke passiert eigenartigerweise nichts – no give, no take! Das sollte die Airport-Managerin in Schönefeld stutzig machen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

 

avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Technologie
Technologie Millionen Hackerangriffe wegen PHP-Sicherheitslücke: Wie sicher sind Websites noch und was ist zu tun?
01.11.2026

Millionen Hackerangriffe innerhalb weniger Stunden, abgeschaltete Regierungswebsites und eine PHP-Sicherheitslücke, die seit mehr als...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Quantum-Systems-Chef in Litauen: Drohnen kann man nicht im Lager anhäufen, Bedrohungen verändern sich
01.11.2026

Quantum Systems baut seine Präsenz in Litauen aus und wird dort die Bundeswehr-Brigade unterstützen. Produktionspläne hängen jedoch von...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kupferpreise auf Rekordhoch: Warum das Kupfermetall knapp wird
01.11.2026

Das Industriemetall ist nicht nur bei Diebesbanden gefragt. Kaum eine Zukunftsbranche kommt ohne den Leiter zurecht. Nach Bewertung der IEA...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Server statt Spielzeug: Playmobil-Werk wird Rechenzentrum
01.11.2026

Die Mutter der bekannten Spielwarenmarke hat die Produktion ins Ausland verlagert. 350 Mitarbeitende verloren dabei ihren Arbeitsplatz....

DWN
Immobilien
Immobilien Preisschock am Bau: Neue KI soll explodierende Materialkosten und Baustopps verhindern
01.11.2026

Kriege, Krisen und explodierende Rohstoffpreise bringen die Baubranche zunehmend unter Druck. Bauprojekte werden teurer, Kalkulationen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Xiaomi-Elektroautos: Warum dieser Milliardär Volkswagen und Tesla gefährlich werden könnte
31.10.2026

Er verkaufte Smartphones, wurde Milliardär und stieg schließlich ins Autogeschäft ein. Mit seinem ersten Elektroauto gelang Xiaomi-Chef...

DWN
Panorama
Panorama Kommunale Schulden wachsen deutlich: Deutschlands Städte unter Druck, die KfW warnt
31.10.2026

Die integrierte Verschuldung der deutschen Kommunen ist 2025 deutlich gestiegen. Ende des Jahres entfielen rechnerisch 4.907 Euro Schulden...

DWN
Unternehmen
Unternehmen 70 Jahre Fernsehwerbung: Das beste Marketing, das Deutschland nie vergessen hat
31.10.2026

Ein Fleck auf der Tischdecke, ein Waschmittel und ein Satz, der hängen blieb: 1956 begann die Fernsehwerbung in Deutschland. Seitdem haben...