Wirtschaft

„Stille Reserve“ am Arbeitsmarkt: Gibt es eine Lösung für das Fachkräfteproblem?

Rein rechnerisch wäre es einfach – in Deutschland gibt es über drei Millionen Menschen, die gerne arbeiten würden. Über die Hälfte von ihnen ist gut ausgebildet. Das Fachkräfteproblem könnte also leicht gelöst werden. Die Realität stellt sich leider viel komplexer dar.
10.06.2024 07:15
Lesezeit: 2 min
„Stille Reserve“ am Arbeitsmarkt: Gibt es eine Lösung für das Fachkräfteproblem?
Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, werden Aus- und Weiterbildungsmesse an einer Job- und Lehrstellenbörse veranstaltet. Foto: Hendrik Schmidt

Aktuell sprechen wir von ca. 3,2 Millionen Menschen in Deutschland in einem Alter von 15 bis 74 Jahren, die sich in der sogenannten Stillen Reserve des Arbeitsmarktes befinden. Das sind Menschen, die gerne arbeiten würden und großteils auch qualifiziert sind, aus unterschiedlichen Gründen dem Arbeitsmarkt jedoch nicht zur Verfügung stehen. Über die Hälfte dieser potenziellen Arbeitnehmer hat mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen höheren Bildungsabschluss.

Unterschiedliche Gründe für ein Fernbleiben vom Arbeitsmarkt

Laut Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft bildet diese stille Reserve keine homogene Gruppe und die Gründe für die Inaktivität am Arbeitsmarkt sind vielfach nicht mit politischen Mitteln beeinflussbar. Ein Teil der stillen Reserve würde zwar gerne arbeiten, gibt aber gesundheitliche Gründe für das Fernbleiben vom Arbeitsmarkt an. Andere wiederum haben keine genaue Vorstellung von ihrem Arbeitswunsch oder wollen erst zu einem weit in der Zukunft liegenden Zeitpunkt wieder aktiv werden. Arbeitsmarktexperten sehen zwar durchaus Chancen, das Potenzial der stillen Reserve zu heben, jedoch erwarten sie dabei keine drei Millionen Arbeitskräfte. Aufgrund der demografischen Entwicklung sei es allerdings notwendig, möglichst viele potenzielle Arbeitnehmer aus dieser Gruppe zu mobilisieren, so Dominik Groll vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Dies könne den akuten Arbeitskräftemangel deutlich abmildern.

Frauen im Fokus

Frauen sind mit einem Anteil von 57 Prozent in der stillen Reserve deutlich überrepräsentiert. Sie stehen dem Arbeitsmarkt oft aufgrund von Betreuungspflichten nicht zur Verfügung. Sie leisten immer noch deutlich mehr private Sorgearbeit in der Kinderbetreuung und in der Pflege. Stefan Kampeter, der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), verlangt deshalb von der Politik, die Infrastruktur der deutschen Pflege und Kinderbetreuung zu verbessern und endlich, wie angekündigt, die Defizite zu beseitigen. Bessere Betreuungsangebote und flexiblere Arbeitszeitmodelle könnten hier Abhilfe schaffen. Enzo Weber, Wissenschaftler beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, sieht auch ein hohes Potenzial bei zugewanderten Menschen, da die Erwerbsquoten von zugewanderten Frauen besonders niedrig liegen. Weber betonte, dass viele Zugewanderte unter ihrem wahren Potenzial arbeiten würden und diese durchaus weitere Fähigkeiten einbringen könnten.

Ältere Arbeitnehmer müssen motiviert werden

Auch die mobilisierbare Gruppe von älteren Arbeitnehmern, die gerne arbeiten würden, müsse adressiert werden, so Dominik Groll. Bestehende Anreize, die eine frühe Rente möglich machen, wie die Rente mit 63, seien deshalb nicht hilfreich in der aktuellen Situation. Allerdings müsse sich die Arbeit auch lohnen, wie Holger Schäfer betonte. Aktuell sind die Abgaben nur in wenigen europäischen Ländern höher als in Deutschland. Hier müsse die Politik ebenfalls ansetzen. Bessere Bezahlung und flexiblere Arbeitszeitmodelle könnten hier wichtige Anreize schaffen. Umschulungen und eine aktive Arbeitsvermittlung gehörten ebenfalls zum Maßnahmenpaket.

Schere am Arbeitsmarkt geht weiter auf

Für den Standort Deutschland ist die hohe Zahl an inaktiven potenziellen Arbeitnehmern in Zeiten des Fachkräftemangels ein ernsthaftes Problem. In vielen Branchen suchen die Unternehmen verzweifelt nach Mitarbeitern. Experten zufolge wird sich dieses Problem noch verschärfen, wenn die „Babyboomer“, also die geburtenstarken Jahrgänge, in den kommenden Jahren das Renteneintrittsalter erreicht haben. Eine aktuelle Stellenerhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) weist bundesweit 1,74 Millionen offene Stellen aus.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Welche Funktionen sind 2026 bei Trading-Plattformen wirklich wichtig?

Trading-Plattformen entwickeln sich rasant weiter. Im Jahr 2026 geht es längst nicht mehr nur darum, Wertpapiere oder andere...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Rally bei Tech-Aktien beendet volatile Woche
31.07.2026

Erfahren Sie, welche Kräfte die Wall Street derzeit bewegen und was das für Anleger bedeutet.

DWN
Finanzen
Finanzen Intel-Aktie: Der Chip-Hersteller, dessen Aktienkurs raketenartig gestiegen ist, hat einen hohen Preis
31.07.2026

Intel ist an der Börse wieder auf der Startrampe. Die Intel-Aktie ist seit Jahresbeginn explodiert, die Quartalszahlen überraschten...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Tsuga: Datenseilakt mit Netz und doppeltem Boden
31.07.2026

KI lässt die Datenmengen in Unternehmen explodieren – und stellt bisherige Cloud-Modelle infrage. Tsuga-Gründer Gabriel-James Safar...

DWN
Finanzen
Finanzen Kospi-Index: Wie der KI-Boom Anleger in die Schuldenfalle lockte
31.07.2026

Einige Anleger wollten mit KI-Aktien schnell reich werden, nun kämpfen sie um ihre Ersparnisse. Der Kospi-Index ist nach einer...

DWN
Politik
Politik Zeitfaktor im EU-Prozess: Moldaus Präsidentin Sandu drängt auf zügige Beitrittsverhandlungen
31.07.2026

Im Ringen um den Beitritt zur Europäischen Union fordert Moldau mehr Tempo von den Partnerstaaten. Präsidentin Maia Sandu unterstreicht...

DWN
Politik
Politik FIFA Krise: Infantino gerät wegen Investorenplänen unter Druck - Länder drohen WM mit Boykot
31.07.2026

FIFA-Präsident Gianni Infantino verliert wegen seiner Investorenpläne weiter an Rückhalt. Die UEFA droht mit einem WM-Boykott, Verbände...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Schaeffler-Aktie bricht ein: Schwache E-Auto-Aussichten schocken Anleger
31.07.2026

Die Schaeffler-Aktie gerät nach gekappten Mittelfristzielen massiv unter Druck. Der Auto- und Industriezulieferer rechnet wegen der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Preisoffensive im Handel: Wie Sie jetzt bei Haushaltswaren und Hörbüchern kräftig sparen können
31.07.2026

Sommerzeit ist Angebotszeit: Während Verbraucher ihre Ausgaben genauer planen, überbieten sich Händler mit attraktiven Preisaktionen....