Politik

Losen statt wählen? Bundeskunsthalle seziert die Demokratie

In Europa wird gewählt. Im Herbst auch wieder in Mitteldeutschland. Demokratie ist fordernd, manchmal anstrengend. Ein Kunstmuseum geht der Frage nach, ob die Demokratie ein Update braucht. Sollte man das „Kleroterion“ der alten Griechen wieder einführen?
02.06.2024 12:02
Lesezeit: 3 min

Demokratie ist anstrengend. In der Bundeskunsthalle stehen zwei große Pumpen, mit denen man eine traurig am Boden liegende Hülle auferstehen lassen kann. Langsam erhebt sich die eindrucksvolle «Göttin der Demokratie» dann bis unter die Decke und schwingt der New Yorker Freiheitsstatue gleich ihre Fackel. „In dem Moment, in dem man sich zurücklehnt, geht wieder Luft raus“, sagt Kuratorin Johanna Adam, während sie sich beim Pumpen ins Zeug legt. „Und Demokratie ist eben kein Serviceangebot an uns. Wir sind nicht die Kunden der Demokratie, wir sind die Betreiber.“

„Für alle! Demokratie neu gestalten“ heißt eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle vom 30. Mai bis zum 13. Oktober 2024, passend zu 75 Jahre Grundgesetz und Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Aber auch passend zur Bedrohung vieler liberaler Demokratien durch Rechtspopulisten und Autokraten.

In einer kürzlich veröffentlichten Umfrage zur weltweiten Wahrnehmung der Demokratie („Democracy Perception Index“) gaben 85 Prozent der Befragten an, dass ihnen Demokratie wichtig sei, doch nur etwas mehr als die Hälfte war zufrieden mit dem Zustand der Demokratie in ihrem Land. In Ungarn glauben demnach nur noch 31 Prozent, dass sie in einer Demokratie leben.

Umfragen dokumentieren zudem immer wieder, dass Wähler rechtspopulistischer Parteien häufig ein Gefühl der Ohnmacht erleben: Sie haben den Eindruck, von Eliten fremdgesteuert zu werden, im Parlament und in der Regierung nicht repräsentiert zu werden und politische Entscheidungen nicht beeinflussen zu können.

„Wir stellen hier in dieser Ausstellung zwei Fragen“, erläutert Adam. „Einerseits: Auf welchen Säulen ruht unsere Demokratie? Und dann: An welchen Stellen hakt`s – und was kann man dagegen machen?“ Dabei versteht sich die Ausstellung vor allem als Ideensammlung - sie präsentiert keine fertigen Antworten.

Losen ist das Wesen der Demokratie, sagten die alten Griechen

Eines der interessantesten Exponate ist ein rekonstruiertes „Kleroterion“ aus dem klassischen Griechenland, eine Los-Maschine, mit deren Hilfe in Athen fast alle politischen Ämter vergeben wurden. „Das Wesen der Demokratie ist das Losen, nicht das Wählen“, war die Überzeugung des Philosophen Aristoteles. Wählen hielten die alten Griechen für aristokratisch, weil dabei nur die Beliebtesten zum Zug kämen, aber zum Beispiel nie die Schüchternen. Nur das Losen erschien ihnen als wahrhaft demokratisch. Und da jedes Amt nur ein Jahr lang ausgeübt wurde, hatte jeder Bürger auch eine realistische Chance, in seinem Leben einmal irgendwo zum Zug zu kommen – wobei Frauen, Sklaven und Ausländer von der Volksversammlung und allen politischen Ämtern ausgeschlossen waren. An den lärmigen Volksversammlungen nahmen durchschnittlich 6000 Bürger teil, und dies mindestens 40-mal im Jahr. Angesichts der überschaubaren Einwohnerzahl Athens war dies eine breite direkte Partizipation.

Die Idee, Demokratie über Losverfahren zu organisieren, hat in der Politikwissenschaft in den vergangenen Jahren verstärktes Interesse gefunden. Ihre Gedanken kreisen insbesondere darum, in politischen Versammlungen die Sozialstruktur der Bevölkerung besser zu spiegeln als dies derzeit zum Beispiel im Bundestag der Fall ist. Allerdings sind die meisten Wissenschaftler der Meinung, dass das Losen das Wählen als den zentralen Mechanismus zur Koordination politischen Handelns nicht unterlaufen darf - schon vom Grundgesetz her wäre das auch gar nicht möglich. Wenn es dagegen auf lokaler Ebene konkrete Fragen zu entscheiden gibt, wäre die Auslosung einer Bürgerversammlung nach verbreiteter Auffassung durchaus ein gangbarer Weg.

Auch Volksbefragungen können unter Umständen helfen

Demokratische Beteiligung kann auch in Form von Volksbefragungen stattfinden, so wie dies in der Schweiz regelmäßig geschieht und in Großbritannien bei der Brexit-Entscheidung der Fall war. Eine zentrale Bedeutung für die politische Willensäußerung in jeder Demokratie haben Demonstrationen. In Deutschland haben dieses Jahr Millionen Bürgerinnen und Bürger gegen rechts demonstriert und damit möglicherweise das Absacken der AfD in den Umfragen mit eingeleitet. Klimaaktivisten verstanden es, auch in kleinen Gruppen große Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, etwa indem sie sich auf der Straße festklebten. Adam sieht sie in der Tradition der Suffragetten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts für das Frauenwahlrecht kämpften: „Was die Klimaaktivisten heute an Protest aufbieten, ist, historisch betrachtet, in keiner Weise überdimensioniert.“ Die Suffragetten warfen nicht Tomatensoße auf Gemälde, die von Panzerglas geschützt wurden, sondern zerschnitten sie.

So ist die Ausstellung in Bonn zwar einerseits alles andere als eine Kunstausstellung im herkömmlichen Sinne, aber ein ansprechend gestaltetes Angebot, neu über die Demokratie nachzudenken. Viele Ansätze und Theorien werden gestreift. Nur der „Kiosk der einfachen Antworten“, ein Werk der Künstlergruppe Schaum aus Rostock, der hat durchgängig geschlossen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Milliardär warnt: Wir stehen vor einem totalen Umsturz unserer Gesellschaft
14.03.2026

Der dänische Investor und Milliardär Lars Seier Christensen warnt vor massiven Verwerfungen in der Gesellschaft und in der Wirtschaft....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft OSINT: Wie Satellitendaten Staaten und Konzerne kontrollierbar machen
14.03.2026

Satelliten blicken längst nicht mehr nur für Militärs und Geheimdienste auf die Erde. Mit frei zugänglichen Satellitendaten und OSINT...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Anspruch auf Bildungsurlaub: Mangelndes Wissen bremst Inanspruchnahme – was Sie beachten müssen
14.03.2026

Fortbildungen ermöglichen eine berufliche und private Weiterentwicklung. Doch viele Menschen in Deutschland sind trotz Interesse über...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Arbeitsmarkt: Werden Elektriker reicher als Programmierer?
14.03.2026

Programmierer galten lange als sichere Gewinner der Digitalisierung. Doch im KI-Arbeitsmarkt verschieben sich die Machtverhältnisse...

DWN
Technologie
Technologie Gerichtsurteil: Betreiber haften für falsche KI-Aussagen ihrer Chatbots
14.03.2026

Künstliche Intelligenz liefert Antworten in Sekunden – doch was passiert, wenn sie falsche Tatsachen behauptet? Ein aktuelles Urteil...

DWN
Politik
Politik Atomwaffen in Finnland: Regierung kippt jahrzehntelanges Verbot
14.03.2026

Ein jahrzehntelanges Tabu fällt. Finnland will künftig die Stationierung von Atomwaffen auf eigenem Boden erlauben und begründet dies...

DWN
Immobilien
Immobilien Verschärfung der Mietpreisbremse: Warum der neue Gesetzentwurf die Wohnungsnot verschlimmert
14.03.2026

Kritiker und Experten warnen, dass der neue Gesetzesentwurf zur Verschärfung und Verlängerung der Mietpreisbremse bis 2029 die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft FlixTrain rüstet auf: Milliardeninvestition verschärft Wettbewerb mit der DB im Fernverkehr
13.03.2026

FlixTrain investiert Milliarden in neue Fernzüge und baut sein Angebot im deutschen Fernverkehr deutlich aus. Kann der private Anbieter...