Unternehmen

Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz: Ein unterschätztes Problem - und Alltag in deutschen Unternehmen

Ü50 ab aufs Abstellgleis? Mehr als ein Viertel der berufstätigen Personen über 50 hat bereits Altersdiskriminierung erlebt, in den meisten Fällen durch den Vorgesetzten. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage. Ist das legitim in Zeiten des Fachkräftemangels? Was steckt hinter der Diskriminierung älterer Arbeitnehmer?
06.06.2024 19:40
Aktualisiert: 05.06.2030 09:45
Lesezeit: 2 min

Im Beruf kann das Alter zu einem Nachteil werden: Führungskräfte zweifeln an den Fähigkeiten, ältere Arbeitnehmer gelten als resistent gegenüber Veränderungen und als weniger belastbar. Untersuchungen zeigen, dass ältere Menschen seltener Jobangebote erhalten. Gleichzeitig überbieten sich Unternehmen im Kampf um jüngere Arbeitnehmer und bieten immer flexiblere Arbeitszeitmodelle an, um bei der jüngeren Generation zu punkten. Dabei verlieren sie die erfahrenen Fachkräfte aus dem Blick, obwohl diese die Hauptleistungsträger auf dem Arbeitsmarkt sind.

Altersdiskriminierung: Führungskräfte als Hauptverursacher

Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz ist ein ernstes Thema, das oft übersehen wird und unter dem besonders die Generation 50+ leidet. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die Appinio im Auftrag des Jobs-Netzwerks XING aus Anlass des Deutschen Diversity Tages am 28. Mai unter 1.000 Teilnehmern ab 50 Jahren (Durchschnittsalter 65,2 Jahre) zum Thema Altersdiskriminierung durchgeführt hat.

Demnach hat bereits rund ein Drittel der Arbeitnehmer dieser Altersgruppe Diskriminierung aufgrund ihres Alters erlebt. In der Gruppe der 50- bis 67-Jährigen sogar über ein Drittel (34 Prozent) der Beschäftigten.

Erschreckend: In weit mehr als der Hälfte aller Fälle (57 Prozent) kommt die Altersdiskriminierung von der eigenen Führungskraft. Thomas Kindler, Managing Director der Jobbörse XING, fordert daher mehr Aufmerksamkeit für dieses Problem: „In einem Land, in dem viele Unternehmen Diversity-Richtlinien zu Religion, Geschlecht oder Herkunft haben, wird über Altersdiskriminierung in der Arbeitswelt noch viel zu wenig gesprochen – und vor allem wird zu wenig dagegen vorgegangen.“

Strukturelle Hürden behindern Karrierechancen

Die Studie zeigt, dass strukturelle Diskriminierung ein großes Problem darstellt. Rund 22 Prozent der Betroffenen berichten von altersbegrenzenden Regeln oder Vorschriften. Besonders Frauen bekommen oft Aufgaben, die unter ihrem Qualifikationsniveau liegen. Diese strukturelle Benachteiligung schränkt ihre berufliche Entwicklung ein.

Ältere Arbeitnehmer berichten, dass ihnen Weiterbildungsangebote verwehrt bleiben und ihre Aufstiegschancen blockiert werden. Rund 31 Prozent erhalten keine Fortbildungsangebote mehr, und 26 Prozent werden bei Beförderungen übergangen. Diese strukturellen Hindernisse machen es schwer, im Job voranzukommen.

Ältere Arbeitnehmer erwarten keine Unterstützung

Mehr als die Hälfte der Betroffenen (54 Prozent) hat angesichts der Diskriminierung nichts unternommen. Nur 20 % haben sich intern beim Arbeitgeber beschwert, und 19 % haben das Unternehmen gewechselt. Diese Zahlen zeigen, dass viele ältere Arbeitnehmer resignieren und keine Unterstützung erwarten.

Auch im Bewerbungsprozess sind ältere Arbeitnehmer oft benachteiligt. Rund 28 % der Befragten berichten von Diskriminierung bei Bewerbungen. In der Altersgruppe der 50- bis 67-Jährigen steigt der Anteil sogar auf 35 Prozent.

Unternehmen müssen handeln

Besonders in Branchen, die stark auf die Arbeitskraft der älteren Generationen angewiesen sind, wie dem Gesundheitswesen oder der Logistik, ist es wichtig, Vorurteile abzubauen und diese wertvolle Ressource zu nutzen.

Thomas Kindler betont, dass Unternehmen angesichts des Fachkräftemangels die Zusammenarbeit zwischen den Generationen fördern müssen: „Generationenübergreifende Teams sind ein echter Gewinn für jede Unternehmenskultur.“ Unternehmen sollten Vorurteile abbauen und die Vorteile älterer Arbeitnehmer nutzen.

Es bleibt die Frage, wie lange sich Deutschland noch Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt leisten kann. Unternehmen müssen umdenken, solange die Ü50 noch berufstätig ist. Wenn ältere Berufstätige aber so behandelt werden, wie in Zeiten, als es Fachkräfte im Überfluss gab, dann gibt es offensichtlich in den Führungsetagen Weiterbildungsbedarf. Die Integration von „Silver Workern“ kann nicht nur ein Gewinn für die Unternehmen ein, sondern auch ein Schritt hin zu einer inklusiveren und diverseren Arbeitswelt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

 

Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

DWN
Technologie
Technologie Wasserstofffabrik auf Rädern: Kleine Anlage soll Generatoren und Drohnen versorgen
30.05.2026

In Nord-Tallinn, in der Laevastiku-Straße, steht ein Gebäude aus roten Ziegeln. Von außen wirkt der Ort verlassen, doch im Inneren wird...

DWN
Panorama
Panorama Entwarnung beim Klimawandel? Forscher korrigieren Worst-Case-Szenario
30.05.2026

Die schlimmsten Klima-Prognosen gelten inzwischen als weniger wahrscheinlich. US-Präsident Donald Trump sieht sich dadurch bestätigt.

DWN
Politik
Politik Der übergriffige Staat: Bremst Regulierung Europas Wohlstand?
30.05.2026

Europa verliert an wirtschaftlicher Dynamik. Während die USA Innovationen skalieren und China Märkte strategisch erobert, verstrickt sich...

DWN
Panorama
Panorama Toyota bZ4X Touring im Test: Wenn Reichweite ihren Namen wirklich verdient
30.05.2026

Toyotas elektrisch angetriebenes SUV bZ4X präsentiert sich auch in der Version Touring. Der Einstiegspreis liegt mit Förderung bei 35.990...

DWN
Panorama
Panorama Wie 3D-Drucker aus deutschen Garagen den Ukraine-Krieg beeinflussen
30.05.2026

Kleine Plastikteile aus Deutschland helfen der Ukraine im Krieg gegen Russland. Hinter der Initiative stehen Freiwillige mit 3D-Druckern,...

DWN
Panorama
Panorama Tanken, WM, Shopping: Das ändert sich im Juni
30.05.2026

Der neue Monat bringt gute Nachrichten für Sportfans und schlechte Aussichten für Autofahrer. Welche Änderungen stehen im Juni an?

DWN
Technologie
Technologie KI in der Produktion entscheidet über Deutschlands Industriekraft
30.05.2026

Eine Fabrik von 1961 wird zum Vorbild für die Industrie von morgen. Bei ams OSRAM zeigt sich, dass künstliche Intelligenz nicht nur neue...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Aktien schließen auf Rekordhoch, angeführt von Tech-Werten, während der Nasdaq im Mai 8 Prozent gewinnt
29.05.2026

Künstliche Intelligenz und überraschende diplomatische Wendepunkte beflügeln die Märkte – erfahren Sie, was die Börsen aktuell...