Politik

EU-Spitzenposten: Keine Einigung - von der Leyen braucht Geduld

Der Poker um die Besetzung der EU-Spitzenposten nach der Europawahl geht in die Verlängerung: Die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder konnten sich in der Nacht zum Dienstag bei einem Gipfeltreffen in Brüssel nicht auf alle Details des Personalpakets verständigen. Bei manchem Regierungschef steigt der Unmut.
18.06.2024 14:00
Lesezeit: 3 min
EU-Spitzenposten: Keine Einigung - von der Leyen braucht Geduld
Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, muss warten: Nach der Europawahl dauert der Poker um die Besetzung der EU-Spitzenposten an (Foto: dpa). Foto: Virginia Mayo

Die Verhandlungen zur Besetzung der EU-Spitzenposten nach der Europawahl gestalten sich wider Erwarten als spannender Nervenkrimi. Aus Verhandlungskreisen wurde berichtet, dass sich die drei großen europäischen Parteienfamilien nach dem EU-Gipfel am Montagabend zwar darauf geeinigt haben, dass die deutsche CDU-Politikerin Ursula von der Leyen weitere fünf Jahre Präsidentin der für EU-Gesetzgebungsvorschläge zuständigen EU-Kommission bleiben soll. Uneinigkeit herrscht jedoch darüber, wie lange der frühere portugiesische Regierungschef António Costa die Position des EU-Ratspräsidenten besetzen soll.

Streit um Amtszeiten

Das Mitte-Rechts-Bündnis EVP will Costa laut Diplomaten nur für zweieinhalb Jahre unterstützen. Begründet wird dies damit, dass die EVP bei der Europawahl mit Abstand die stärkste politische Kraft wurde und die Möglichkeit haben sollte, den Ratschef-Posten in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode zu besetzen. Aus EVP-Kreisen wird dem kroatischen Ministerpräsidenten Andrej Plenković ein großes Interesse an der Spitzenposition nachgesagt.

Der EU-Ratspräsident wird offiziell nur für zweieinhalb Jahre gewählt, nur eine informelle Absprache könnte Costa den Job für fünf Jahre sichern. Diese Position ist bedeutend, weil der EU-Ratspräsident die Europäischen Räte, auch EU-Gipfel genannt, mit den Staats- und Regierungschefs vorbereitet und leitet. Zusätzlich vertritt der Ratschef wie der Kommissionschef die EU bei internationalen Gipfeltreffen wie G7 oder G20.

Namen gelten als fix

Laut Verhandlungsteilnehmern verhinderte der Streit über die Amtszeit, dass die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder in der Nacht zum Dienstag ein Gipfeltreffen ohne finale Einigung beendeten. Das Personalpaket sieht auch vor, dass die liberale estnische Regierungschefin Kaja Kallas den Spanier Josep Borrell als EU-Chefdiplomaten ablöst. Zudem soll die maltesische Mitte-Rechts-Politikerin Roberta Metsola mindestens die nächsten zweieinhalb Jahre Präsidentin des Europäischen Parlaments bleiben.

Ein Kompromiss soll spätestens beim regulären Juni-Gipfel erzielt werden. Bis dahin werden weitere Gespräche der Chefunterhändler der drei großen Parteienfamilien erwartet. Für die Sozialdemokraten sind dies Bundeskanzler Olaf Scholz und der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez, für die Liberalen Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sowie für die EVP der polnische Ministerpräsident Donald Tusk und der griechische Regierungschef Kyriakos Mitsotakis.

Scholz äußerte sich vor dem Gipfel optimistisch, dass eine schnelle Einigung erzielt werden könne. Er sagte, die Europawahl habe eine "stabile Mehrheit" für das Mitte-Rechts-Bündnis EVP, die Sozialdemokraten und die Liberalen gebracht. Er sei sicher, dass man rasch eine Verständigung zwischen den politischen Familien und Ländern erreichen könne. "Das wäre auch wichtig, (...) weil wir in schwierigen Zeiten leben. Und da ist es wichtig zu wissen, wie es weitergeht mit Europa", ergänzte der SPD-Politiker.

Rechte Parteien im Aufwind

Druck entsteht wegen des guten Abschneidens rechter Parteien bei der Europawahl. Damit von der Leyen ohne deren Unterstützung im Europäischen Parlament zur Präsidentin der EU-Kommission gewählt werden kann, braucht es eine Einigung von EVP, Sozialdemokraten und Liberalen. Zusammen haben die Parteien etwa 400 der 720 Sitze im Parlament. Kanzler Scholz sagte ohne Namen zu nennen: "Im Parlament darf es keine Unterstützung der Kommissionspräsidentschaft geben, die sich auf rechte und rechtspopulistische Parteien stützt."

Diese Kommentare könnten von der EVP auch als Warnung verstanden werden, eine mögliche Zusammenarbeit mit der Partei Fratelli d'Italia der rechten italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zu prüfen. Von der Leyen hat eine lose Kooperation mit Meloni bislang nicht ausgeschlossen.

Orban sieht Wählerwillen ignoriert

Kritik an den Verhandlungen kam vom ungarischen Regierungschef Viktor Orban, der 2021 mit seiner Partei nach einem Rechtsstaatlichkeitsstreit aus der EVP ausgetreten war und seitdem keiner Parteienfamilie mehr angehört. Orban schrieb, dass rechte Parteien bei der Europawahl stärker wurden, Linke und Liberale hingegen an Boden verloren hätten - dennoch habe sich die EVP mit den Sozialisten und Liberalen zusammengetan. "Heute haben sie einen Deal geschlossen und die Spitzenjobs der EU unter sich aufgeteilt. Sie scheren sich nicht um die Realität", schrieb Orban. "Der Wille des europäischen Volkes wurde heute in Brüssel ignoriert."

Orban traf sich am Rande des Gipfels sowohl mit Meloni als auch mit dem früheren polnischen Regierungschef Mateusz Morawiecki. Thema war unter anderem die Frage eines möglichen Zusammenschlusses der europäischen Rechten im Europaparlament. Sollte auch die französische Partei Rassemblement National um Marine Le Pen beteiligt werden, könnte die zweitstärkste Fraktion im Parlament entstehen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: US-Börsenwoche endet rot: Angst vor KI schluckt Inflationsfreude
13.02.2026

Obwohl frische Inflationsdaten den wichtigsten Indizes am Freitagmorgen kurzzeitige Unterstützung boten, wurde der Ausgang des...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Uvex: Wie der Skibrillen-Hersteller von den Olympischen Winterspielen profitiert
13.02.2026

Bei den Olympischen Winterspielen 2026 ist Uvex auf den Pisten und im Eiskanal allgegenwärtig. Athleten wie Skispringer und...

DWN
Politik
Politik Kakaopreis unter Druck: Schwache Nachfrage und wachsende Lagerbestände belasten den Markt
13.02.2026

Der Kakaopreis ist auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren gefallen, weil steigende Produktion und schwächere Nachfrage den...

DWN
Politik
Politik Klimawandel: Umweltminister kritisiert US-Pläne zur Lockerung von Klimaregeln
13.02.2026

Die US-Umweltbehörde will eine zentrale Regel zur Regulierung von Treibhausgasen aufheben. Bundesumweltminister Schneider nennt das...

DWN
Politik
Politik Bürokratie-Debatte der EU: Von der Leyen kritisiert nationale Auflagen
13.02.2026

Der Streit über Bürokratie und Wettbewerbsfähigkeit in der EU verschärft sich, nachdem Ursula von der Leyen die Mitgliedstaaten in die...

DWN
Finanzen
Finanzen Pfandbriefbank-Aktie stürzt auf Rekordtief: Immobilienkrise belastet länger als erwartet
13.02.2026

Die Deutsche Pfandbriefbank (pbb) findet keinen Boden. Trotz des teuren Rückzugs aus dem US-Markt zwingt die schleppende Erholung der...

DWN
Politik
Politik NATO-Einsatz über Island: Deutsche Eurofighter starten zur Arktis-Mission
13.02.2026

Deutschland verstärkt seine Präsenz im hohen Norden. Wie Verteidigungsminister Boris Pistorius auf der Münchner Sicherheitskonferenz...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wirtschaftsstandort Deutschland: Wie Zukunftspessimismus die Wirtschaft bremst
13.02.2026

Ein düsterer Blick in die Zukunft und eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung belasten den Standort Deutschland immer stärker. Laut...