Wirtschaft

Wenn China angreift - Menschen in Taiwan bereiten sich auf Tag X vor

Seit siebzig Jahren schwelt der Konflikt zwischen China und Taiwan. In den vergangenen Monaten hat sich die Lage jedoch zugespitzt. Wann Tag X kommt, ist unklar. Aber dass China sich Taiwan auch durch das Militär einverleiben könnte, steht im Raum. Auf der Insel wollen viele vorbereitet sein – und drücken wieder die Schulbank.
21.06.2024 10:00
Lesezeit: 3 min

Im Bürogebäude einer unscheinbaren Seitengasse Taipehs steht der Ernstfall auf der Tagesordnung. Während draußen zwischen Straßenverkäufern und Essensständen das wuselige Großstadtleben der taiwanischen Hauptstadt tobt, geht es drinnen um Kriegsführung, Propaganda und Erste Hilfe. 40 überwiegend junge Leute haben sich an einem Samstag in der Kuma Academy eingefunden – der Großteil davon Frauen.

„Der Hauptgrund, weshalb ich hier teilgenommen habe, ist, um etwas über die derzeitige Verfassung von Taiwans Verteidigung zu lernen“, sagt die 27 Jahre alte Su. Die Inselrepublik mit mehr als 23 Millionen Einwohnern ist durch eine an ihrer engsten Stelle rund 130 Kilometer breite Meerenge (Taiwanstraße) von China getrennt. Die kommunistische Regierung in Peking zählt Taiwan zu ihrem Gebiet und will die Insel unter ihre Kontrolle bringen, obwohl sie diese bislang nie regiert hatte und dort seit Jahrzehnten eine unabhängig gewählte Regierung an der Macht ist.

Peking beruft sich auf die Geschichte: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Taiwan der Republik China zugesprochen. Dort tobte allerdings ein Bürgerkrieg zwischen den Kommunisten und den Anhängern der nationalchinesischen Kuomintang. Als die Nationalisten verloren, flohen sie nach Taiwan und regierten dort als Republik China weiter. Im selben Jahr 1949 rief Revolutionsführer Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus. Peking drohte schon mehrfach, Taiwan auch durch das Militär mit dem Festland „wieder zu vereinen“, sollte es nicht auf friedlichem Wege gelingen.

Training für Kriegs-Bewusstsein

„Die Akademie ist eher dazu da, um ein Bewusstsein für einen möglichen Krieg zu schaffen“, sagt Mitgründer Shen Po-yang - in Taiwan auch als Puma Shen bekannt. Die Menschen sollen vorbereitet sein, falls China seine Invasion auf Taiwan beginnt, und nicht in Panik verfallen. Laut Shen könnte der beste Zeitraum für einen Angriff aus Pekings Sicht zwischen 2025 und 2027 liegen oder dann, wenn mehr als die Hälfte der Taiwaner sich ergeben würde. Wenn genügend Leute das Wissen aus den Kursen der Akademie hätten, könnten sie sich selbst und andere schützen, sagt Shen, der für die regierende Demokratische Fortschrittspartei (DPP) im Verteidigungsausschuss des Parlaments sitzt.

Ungefähr 40 000 Menschen haben der Akademie zufolge das Training seit Oktober 2022 bereits absolviert. Altersmäßig sei zwischen Jugendlichen bis Armee-Veteranen alles dabei. Fast ein Drittel in den Kursen sind Frauen. Teilnehmerin Su erklärt, dass Frauen sich mehr für den Kurs interessierten, weil Männer durch die Wehrpflicht in Taiwan bereits bei der Armee gewesen seien und die Materie deshalb schon kennen. Auch Akademie-Sprecher Aaron Huang verweist darauf, dass Männer öfter im öffentlichen Dienst, etwa bei Feuerwehr oder Katastrophenhilfe nach Erdbeben eingesetzt würden und so schon Erfahrung hätten.

Zur ersten Stunde: Invasion

Der Morgen beim „Training für zivile Verteidigung“ beginnt mit schwerer Kost: Im Kurs für Kriegstheorie spricht ein Dozent über sogenannte Grau-Zonen-Taktiken. Taiwan erlebt diese fast täglich, wenn Kampfjets der chinesischen Volksbefreiungsarmee die inoffizielle Mittellinie in der Taiwanstraße überfliegen und in die Identifikationszone für Luftverteidigung (ADIZ) - nicht zu verwechseln mit dem Luftraum – eindringen.

Der Lehrer spielt gedanklich auch eine Invasion durch. Einen Vorgeschmack dafür bot Chinas Militär Ende Mai, als Marine, Luftwaffe und Heer eine Blockade um Taiwan und kleinere, nahe China gelegene Inseln probten. Im Ernstfall will China so Fluchtwege aus Taiwan abschneiden und Hilfe von außen für die Insel abblocken. Die Führung befahl die Übung als Strafe, weil wenige Tage zuvor Taiwans neuer Präsident Lai Ching-te das Amt übernahm und aus Pekings Sicht in seiner Rede klar Unabhängigkeitsabsichten benannte.

Peking sieht ihn und seine für eine Unabhängigkeit Taiwans stehende DPP als Separatisten. Taipeh hat die Unabhängigkeit bislang nie offiziell erklärt. Viele Länder gerieten dadurch in großen diplomatischen Zwist mit Peking. Nur sehr wenige Staaten erkennen Taiwan offiziell an. Selbst die USA, Taiwans engster Verbündeter, gehören nicht dazu, obwohl Washington im Verteidigungsfall Unterstützung zugesichert hat.

Ratschläge und Kriegsvideos

In der Akademie spricht eine Dozentin nun über Propaganda und Einflussnahme im Internet, vor allem über soziale Medien. Schon vor den Wahlen im Januar hatten taiwanische Politiker China beschuldigt, so die öffentliche Meinung beeinflusst zu haben. Teilnehmerin Ariel You freut sich über die Ratschläge. Diese helfen ihr, wachsamer bei Informationen im Internet zu sein, wie die Ende-20-Jährige sagt. Puma Shen fordert eine Stärkung der Cybersicherheit. Chinas Hacker seien sehr stark, erklärt er. Er will außerdem mehr Schutz auf Plattformen wie Tiktok gegen chinesische Propaganda.

Die Stimmung im Seminarraum ist trotz der ernsten Themen heiter. Teilnehmerin You wartet vor allem auf den Erste-Hilfe-Teil. «Ich hatte Verbandstechniken gelernt, als ich jünger war, und sie dann vergessen», erzählt sie. Doch bevor es ans Zupacken geht, lässt der unterrichtende Sanitäter plötzlich den Krieg ganz nah erscheinen: Er spielt das Video eines ukrainischen Soldaten ab, dem eine Mine das Bein wegreißt und der sich mit einem sogenannten Tourniquet noch selbst den Stumpen abbindet, um nicht zu verbluten.

Manche im Raum verstecken sich hinter den Kursunterlagen, um die grauenvolle Szene nicht sehen zu müssen. Kurz danach üben sie selbst, wie sie die Abschnürbinde richtig anlegen oder Verletzte wegtragen müssen. Teilnehmerin Su sagt, sie sei nun etwas beruhigter: „Ich denke, mit dem Wissen über einige Sachen ist es leichter zu verstehen, dass es für sie (China) nicht so leicht ist, wenn sie nach Taiwan kommen und uns angreifen wollen.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Der Europäische Online-Glücksspielmarkt: Wachstum, Regulierung Und Konsolidierung 2026

Wenige Branchen wachsen in Europa derzeit so beständig wie das Online-Glücksspiel, und noch weniger tun das bei einem derart...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft China-Schock 2.0 gefährdet Europas industrielle Stärke
15.08.2026

China war einst die Werkbank für Spielzeug, Textilien und billige Elektronik. Heute drängen chinesische Unternehmen bei Autos, Maschinen...

DWN
Technologie
Technologie Humanoide Roboter als nächste Technologiewelle und China lässt Europa weit hinter sich
15.08.2026

China dominiert den rasant wachsenden Markt für humanoide Roboter und verschafft europäischen Unternehmen Zugang zu günstiger...

DWN
Politik
Politik Reform UK: Rechtspopulist Farage wieder ins britische Parlament gewählt
15.08.2026

Showdown mit Müllritter: In einem selbst für britische Verhältnisse ungewöhnlichen Vorgang sichert sich Nigel Farage erneut einen Sitz...

DWN
Immobilien
Immobilien Schäden, Sanierung, Schönheitsfehler: Was muss ein Mieter zahlen, was ein Vermieter?
15.08.2026

Viele Mieter und Vermieter sind unsicher, wer bei Schäden oder Gebrauchsspuren in der Wohnung für die Kosten aufkommen muss. Wir...

DWN
Unternehmen
Unternehmen MG4 Urban im Test: Fast "Das Auto", nur aus China
15.08.2026

Als SAIC Motor das Modell MG4 vorstellte, wurde es sofort zu einem der begehrtesten in China gebauten Elektroautos. Autojournalisten...

DWN
Panorama
Panorama Freundschaften stärken psychische und körperliche Gesundheit
15.08.2026

Enge Beziehungen wirken sich laut einer internationalen Studie positiv auf die mentale Gesundheit aus. Auch die Kindheit spielt eine Rolle...

DWN
Panorama
Panorama Mariä Himmelfahrt: Riesige Marienstatue wird in Polen eingeweiht
15.08.2026

In einem Dorf in Polen wird am 15. August eine gigantische Marienfigur eingeweiht. Gestiftet hat sie einer der reichsten Männer des...

DWN
Politik
Politik Landtagswahl Sachsen-Anhalt: Das sind die Spitzenkandidaten
15.08.2026

Wer tritt bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt als Spitzenkandidat an? Ein Überblick über die wichtigsten Köpfe und ihre Ziele.