Politik

Ungarischer Regierungschef Viktor Orbán über neue EU-Führung: „Koalition für Krieg und Migration“

Manfred Weber (EVP-CSU) ist für ihn ein „Beelzebub“, Ursula von der Leyen ihm gegenüber nur eine „kleine Ministrantin“. Auf deutschem Boden teilt Ungarns Regierungschef Orban gehörig aus und spricht von einem in Europa geplanten „Bevölkerungsaustausch“.
21.06.2024 12:10
Lesezeit: 2 min

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban hat die sich abzeichnende neue Führung der Europäischen Union (EU) unter einer erneuten Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen als Produkt einer „Koalition für Krieg und Migration“ bezeichnet. Die „zunehmend nach links abdriftenden“ Konservativen, die Sozialdemokraten und die Liberalen, die zusammen auch im neuen Europaparlament eine Mehrheit haben, hätten sich diesbezüglich bereits geeinigt, sagte der Rechtspopulist am Freitag im Interview mit dem staatlichen ungarischen Radio.

Ungarn zunehmend isoliert

Zwar hatte es am Montag bei einem informellen Treffen der Staats- und Regierungschefs der EU in Brüssel noch keine Einigung über die Besetzung der EU-Spitzenjobs nach den Europawahlen vom 9. Juni gegeben. Doch handle es sich um ein „bereits abgepfiffenes Match“, sagte Orban. „In der EU entstand eine kriegstreiberische, wirtschaftsfeindliche und migrationsfreundliche Koalition“, führte er weiter aus. Der Deutsche Manfred Weber habe als Fraktionschef der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP), der stimmenstärksten Kraft im Europaparlament, beim Schmieden dieser Koalition „die Rolle des Beelezebubs“ – eines Dämons oder Teufels – gespielt. Weber sei „ein alter Feind und Übeltäter Ungarns“, von der Leyen ihm gegenüber „lediglich eine kleine Ministrantin“.

Die Koalition der „Weberianer“ würde den sogenannten „Soros-Plan“ exekutieren, so Orban weiter. Demnach soll der ungarischstämmige US-Milliardär und Philanthrop George Soros versuchen, Europa mit Migranten zu überschwemmen, um die europäischen Nationen ihrer christlichen und nationalen Identität zu berauben. „In Europa vollzieht sich ein Bevölkerungsaustausch, der weiße, christliche, traditionsbewusste – sagen wir europäische – Mensch wird weniger, die Zahl der importierten Migranten steigt“, fuhr Orban fort. Die Unterstellung eines – nicht belegbaren – „Soros-Plan“ und die Klage über einen angeblichen „Bevölkerungsaustausch“ sind Teile von Verschwörungserzählungen, wie sie Rechtsextremisten propagieren.

Das Rundfunk-Interview mit Orban wurde in Berlin aufgezeichnet. Am Freitag wollte ihn Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zu einem Gespräch empfangen. Ungarn übernimmt am 1. Juli die EU-Ratspräsidentschaft. Orbán gilt als Putin-Verbündeter in der EU.

Im Zentrum des Treffens sollen laut dem Ungarn-Experten der Denkfabrik German Marshall Fund (GMF) Daniel Hegedüs europapolitische, weniger bilaterale Themen stehen. „Orbán möchte Scholz vor dem Beginn der ungarischen Ratspräsidentschaft persönlich versichern, dass seine Regierung nicht ausscheren und die Ratspräsidentschaft im Sinne der EU gestalten wird. Wichtig ist hier vor allem das Portfolio EU-Erweiterung um Moldau oder Georgien und natürlich die Ukraine“, erklärt er gegenüber WELT AM SONNTAG.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Politik
Politik Staatshaushalt: Finanzierungsdefizit im ersten Halbjahr 2026 von fast 99 Milliarden Euro
06.10.2026

Der deutsche Staat gibt deutlich mehr aus, als er einnimmt: Die öffentlichen Haushalte verzeichnen im ersten Halbjahr 2026 ein Defizit von...

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Eine Anlage, der ich keinen Erfolg wünsche
06.10.2026

Alpha Pro Tech ist klein, langweilig und an der Börse meist nahezu unsichtbar. Doch sobald eine Gesundheitskrise ausbricht, können Umsatz...

DWN
Finanzen
Finanzen Frankreichs Schulden treiben den Euro in die Krise
06.10.2026

Der Euro fällt auf den tiefsten Stand seit 17 Monaten, während Frankreichs Schuldenkrise die Finanzmärkte verunsichert. Warum Experten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nissan Qashqai im Test: Elektrogefühl ohne Ladekabel
06.10.2026

Der Nissan Qashqai e-Power ist ein Hybrid, funktioniert aber anders als die meisten Konkurrenten. Die Räder treibt immer ein Elektromotor...

DWN
Technologie
Technologie Warum Fernwärme nicht überall funktioniert
06.10.2026

Fernwärme soll ein wichtiger Baustein der Wärmewende werden – doch nicht jedes neue Netz ist wirtschaftlich sinnvoll. Entscheidend sind...

DWN
Politik
Politik Nicht nur das BSW verhilft AfD-Mann zum Posten des Landtagspräsidenten
06.10.2026

Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit fast 44 Prozent der Stimmen gewonnen und wird mit Tobias Rausch nun auch den...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Kündigungsschutzklage: Das müssen Sie wissen
06.10.2026

Wer entlassen wird, kann und sollte sich dagegen wehren. Lohnnachzahlungen oder eine Abfindung sind jedoch kein Selbstläufer. Was...

DWN
Immobilien
Immobilien Superreiche fliehen aus London: Luxusimmobilien stürzen ab
06.10.2026

Londons Luxusimmobilien verlieren dramatisch an Wert, in manchen Nobelvierteln beträgt das Minus mehr als 25 Prozent. Während die...