Unternehmen

Gallup-Studie: Arbeitnehmer kämpfen weltweit gegen Stress

Der neueste Gallup-Bericht zeigt: Trotz wirtschaftlichem Fortschritt erleben viele Arbeitnehmer weltweit hohen Stress und sinkende Zufriedenheit. Schlechte Führung und fehlende Ressourcen verschärfen die Lage. Wie kann das Problem gelöst werden? Und welche Rolle sollten Führungskräfte einnehmen?
25.06.2024 11:57
Aktualisiert: 17.05.2030 18:00
Lesezeit: 3 min
Gallup-Studie: Arbeitnehmer kämpfen weltweit gegen Stress
Manager sind laut einer Studie zu 70 Prozent dafür verantwortlich, wie stark sich ihre Teammitglieder engagieren (Foto: iStockphoto/fizkes). Foto: fizkes

Die globale Arbeitswelt steht vor einem Paradoxon: Wirtschaftlicher Fortschritt und technologische Innovationen schaffen viele neue Möglichkeiten, doch die mentale Gesundheit der Arbeitnehmer verschlechtert sich zunehmend. So ist das Ergebnis einer neuen Studie des Meinungsforschungsinstituts Gallup in den USA.

Gallup warnt in seinem neuesten Lagebericht „State of the Global Workplace“ vor alarmierenden Trends, die die Arbeitswelt prägen. Die Untersuchung basiert auf der weltweit größten laufenden Studie zu den Mitarbeitererfahrungen am Arbeitsplatz.

Resultierend daraus verschlechtert sich die mentale Gesundheit der Menschen rapide, und das in einer Ära des Fortschritts und Wohlstands – ein beunruhigendes Paradoxon unserer Zeit.

Stress am Arbeitsplatz: ein wachsendes Problem

Laut der Gallup-Studie erleben 41 Prozent der Arbeitnehmer weltweit viel Stress. In Unternehmen mit schlechten Managementpraktiken ist dieser Stress um 60 Prozent höher als in gut geführten Unternehmen. „Das Problem kann nicht mit einer Yogamatte gelöst werden; es erfordert Handeln seitens des Managements“, erklärt Jon Clifton, der Geschäftsführer des globalen Analyse- und Beratungsunternehmens Gallup. Die Diskrepanz zwischen den Investitionen der Unternehmen in Wohlfühlprogramme und den tatsächlichen Bedürfnissen der Mitarbeiter verschärft die Stresssituation.

Ein Viertel der Führungskräfte fühlt sich oft oder immer ausgebrannt, und zwei Drittel fühlen es zumindest manchmal. Trotz zahlreicher Initiativen zur Stressbewältigung zeigen Studien der Universität Oxford „wenig bis keine Beweise“ für deren Wirksamkeit. Im Gegenteil könnten einige Interventionen sogar schaden.

„Unsere Studie zeigt, dass Organisationen, die sich auf Verbesserungen in den Managementpraktiken und Ressourcen konzentrieren, bessere Ergebnisse erzielen“, sagt Christine Porath, Professorin an der Georgetown University.

Psychische Gesundheit und Engagement

In einer Zeit, in der mentale Gesundheit eine wachsende Herausforderung darstellt, zeigt der Gallup-Bericht, dass schlechte Arbeitsbedingungen und unzureichendes Management die Situation verschlimmern.

Laut einer Gallup-Studie kosten niedrige Mitarbeiterbindung und mangelndes Engagement die globale Wirtschaft jährlich 8,9 Billionen US-Dollar (umgerechnet rund 8,1 Billionen Euro). Dies entspricht etwa neun Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Steven, ein Produktionsmitarbeiter aus Kanada, beschreibt seine Frustration so: „Ich könnte mich anstrengen, aber ich bin so frustriert über den Verlauf des Tages, dass ich nichts mache.“ Archana, eine Marketing-Managerin aus Indien, empfindet ihre Arbeit als monoton: „Ich bekomme ein Gehalt, also muss ich arbeiten, aber es gibt eine gewisse Langeweile bei der täglichen Wiederholung der gleichen Aufgaben.“

Zudem gibt es auch positive Beispiele. Calista, Vertragsmanagerin in Australien, betont laut Studie: „Ich genieße meinen Job wirklich. Ich arbeite mit fantastischen Leuten, und die Arbeit, die wir leisten, ist wirklich bedeutungsvoll.“

Die Rolle der Führungskräfte

Führungskräfte spielen eine zentrale Rolle im Engagement und Wohlbefinden der Mitarbeiter. Sie sind zu 70 Prozent dafür verantwortlich, wie stark sich ihre Teams engagieren. Gute Führungskräfte motivieren ihre Mitarbeiter durch klare Zielsetzungen, regelmäßiges Feedback und Verantwortung. Sie bauen eine respektvolle Beziehung auf, die auf Positivität und einem Verständnis für die individuellen Stärken der Mitarbeiter beruht.

„Ein guter Job ist ein Job, bei dem ich einen Chef habe, der mich kennt, meine Arbeit schätzt und sich um meine Zukunft kümmert“, sagt Olivia, Projektmanagerin in Kanada. Vikash, Handelsberater in Indien, lobt in der Studie die Unterstützung seines Managers: „Während des Gesprächs mit den Führungskräften herrscht immer eine Atmosphäre des Verständnisses. Sie verstehen meine Probleme und leiten mich in die richtige Richtung.“

Nach Ansicht des Gallup-Analysten Jim Harter „sind die besten Organisationen diejenigen, die Engagement in jede Phase der Zusammenarbeit und des Managements integrieren.“

Regionale Unterschiede und globale Einblicke

Die Situation der Mitarbeiterbindung variiert stark je nach Region. Die Studie umfasst Daten aus verschiedenen Regionen weltweit, darunter Nordamerika (USA und Kanada), Lateinamerika und Karibik, Europa (einschließlich Deutschland, Frankreich, Großbritannien), Naher Osten und Nordafrika, Subsahara-Afrika, Ost-, Süd- und Südostasien sowie Australien und Neuseeland.

In Deutschland berichten 41 Prozent der Arbeitnehmer von täglichem Stress, womit das Land zu den Ländern mit den höchsten Stresswerten in Europa gehört. In den USA und Kanada gaben 49 Prozent der Arbeitnehmer an, bereits viel Stress erlebt zu haben, während dieser Wert in Südasien bei 31 Prozent lag.

Gleichzeitig ist die Mitarbeiterbindung in Westeuropa, wo es starke Arbeitsgesetze gibt, vergleichsweise niedrig. Im Gegensatz dazu weisen die USA weniger Arbeitsschutzgesetze, aber eine höhere Mitarbeiterbindung auf. Die Unterschiede innerhalb der Länder sind ebenfalls signifikant. Engagierte Mitarbeiter erleben höhere Lebenszufriedenheit sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft. Jonathan, Wartungsmanager in Mexiko, beschreibt die Herausforderungen: „Manchmal habe ich nicht die Ersatzteile oder Werkzeuge, die ich brauche, weil ich keine Möglichkeit der Finanzierung habe, und das Unternehmen stellt sie nicht zur Verfügung.“

Der Weg der Zukunft

Der Gallup-Bericht zeigt, dass Veränderungen auf Organisationsebene notwendig sind, um das Wohlbefinden der Mitarbeiter zu verbessern. Dazu gehören bessere Zeitpläne, Managementpraktiken, Mitarbeiterressourcen und maßgeschneiderte Arbeitsaufgaben. Unternehmen müssen den Fokus auf das Management der Mitarbeiter legen und eine Kultur der Unterstützung und des Respekts fördern.

„Wenn ich bei der Arbeit nicht gut bin, bin ich auch im Leben nicht gut. Es ist einfach so“, sagt Emilia, eine Lehrerin aus Deutschland. Diese Worte fassen die zentrale Erkenntnis des Berichts zusammen: Die mentale Gesundheit und das Engagement der Mitarbeiter sind entscheidend für das Wohlbefinden und die Produktivität weltweit.

„Unsere Daten zeigen, dass das Management auf organisatorischer Ebene der Schlüssel zur Verringerung von Stress und zur Verbesserung des Wohlbefindens ist“, betont Gallup-Experte Harter.

Die Herausforderungen sind groß, doch mit gezielten Maßnahmen und einem echten Verständnis für die Bedürfnisse der Mitarbeiter können Unternehmen der Gallup-Studie zufolge nicht nur ihre mentale Gesundheit verbessern, sondern auch die eigene Leistung und den Erfolg des Unternehmens steigern.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Online-Broker-Vergleich: Die besten Aktiendepots für Anleger – Tipps zur Anbieterauswahl

Ein Online-Broker-Vergleich beginnt beim Wertpapierdepot: Ein Depot ist die Eintrittskarte zur Börse, nur mit einem Depot können Anleger...

 

avtor1
Farhad Salmanian

Zum Autor:

Farhad Salmanian arbeitet bei den DWN als Online-Redakteur. Er widmet sich den Ressorts Politik und Wirtschaft Deutschlands sowie der EU. Er war bereits unter anderem für die Sender BBC und Radio Free Europe tätig und bringt mehrsprachige Rundfunkexpertise sowie vertiefte Kenntnisse in Analyse, Medienbeobachtung und Recherche mit.

DWN
Unternehmen
Unternehmen KI für Anwälte: Der 26-Jährige, dem Investoren Milliarden hinterhertragen
27.09.2026

Drei Gründer, drei Jahre und inzwischen eine mögliche Milliardenbewertung: Der erst 26-jährige Max Junestrand baut mit Legora eines der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Autoindustrie Slowakei: Der Autoriese ohne eigene Automarke
26.09.2026

Kein anderes Land produziert gemessen an seiner Einwohnerzahl so viele Autos wie die Slowakei. Volkswagen, Kia, Porsche und Land Rover...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Frankreichs Wirtschaft: Fünf Warnsignale vor der Präsidentenwahl
26.09.2026

Frankreichs Wirtschaft kommt kaum noch vom Fleck, während der Schuldenberg weiter wächst und Anleger höhere Zinsen verlangen....

DWN
Finanzen
Finanzen Ölpreis im Aufwärtsmodus: Während KI träumt, verdienen Ölkonzerne Milliarden
26.09.2026

Der Ölpreis steigt rasant und stellt die Weltwirtschaft vor unbequeme Fragen. Teure Energie kann Inflation anheizen, Wachstum bremsen und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Unternehmenskultur: Was Firmen von Netflix wirklich lernen können
26.09.2026

Netflix gilt vielen Unternehmen als Vorbild für Freiheit, Verantwortung und weniger Bürokratie. Doch wer erfolgreiche Managementmodelle...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Toyota Corolla Cross im Test: Der Hybrid, der an einen Diesel erinnert
26.09.2026

Der Toyota Corolla Cross verbindet Hybridtechnik mit viel Komfort und erstaunlich niedrigem Verbrauch. In der getesteten GR-Sport-Version...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volvo überrascht mit neuem Chef aus Deutschland: Eine große Chance für Volvo
26.09.2026

Der Verwaltungsrat von Volvo Cars überrascht erneut mit der Wahl eines Vorstandschefs, diesmal aber mit einem unerwartet starken Namen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kampf ums Wasser: Die wasserhungrigen Industrien
26.09.2026

Sechs Zentimeter am Rheinpegel Kaub, Lieferprobleme bei BASF, schwächelnde Wasserkraftwerke: Der Dürresommer 2026 macht endgültig klar,...