Politik

„Ich fühlte mich frei“: Gedenken an den Warschauer Aufstand vor 80 Jahren

Am 1. August 1944 erhob sich Polens Untergrundarmee gegen die Besatzer aus Deutschland. Die Kämpfer wollten ihr Schicksal selbst bestimmen - und scheiterten. Die Deutschen nahmen grausam Rache.Der Bundespräsident kommt zum Gedenken.
28.07.2024 14:00
Lesezeit: 3 min
„Ich fühlte mich frei“: Gedenken an den Warschauer Aufstand vor 80 Jahren
Bestimmend für die Identität Polens: Feierlichkeiten und Gedenken an den Aufstand im Warschauer Gehetto im vergangenen Jahr. (Foto: dapa) Foto: Szymon Pulcyn

An einem warmen Tag im August 1944 steht Janusz Maksymowicz im Obergeschoss eines zerbombten Hauses in der Warschauer Altstadt. Der 16-Jährige ist Soldat der polnischen Untergrundarmee Armia Krajowa (Heimatarmee). Gemeinsam mit zwei anderen jugendlichen Kämpfern ist er auf diesen Spähposten geschickt worden.

„Unten auf der Straße rückten die Deutschen mit drei Panzern an, dazwischen marschierte Infanterie“, erinnert sich Maksymowicz (96) heute. Auf den ersten Panzer werfen die Jungs eine Granate und ein paar Molotow-Cocktails. „Die Explosion zerriss die linke Kette, sie schleuderte lose herum. Der Panzer drehte sich auf der rechten Kette im Kreis, dann fing er Feuer. Die Besatzung stieg aus, wir schossen auf sie.“ Am Ende ziehen sich die Deutschen zurück. Es ist ein kleiner Triumph des polnischen Widerstands gegen die übermächtigen deutschen Besatzer.

Vor 80 Jahren, am 1. August 1944, begann der Warschauer Aufstand. Es war die größte bewaffnete Aktion der polnischen Widerstandsbewegung im von Nazi-Deutschland besetzten Polen. Die Hauptstadt sollte aus eigener Kraft befreit werden. Doch der Aufstand, der 63 Tage dauerte, scheiterte. An die 200.000 Menschen kamen ums Leben, rund 90 Prozent von ihnen waren Zivilisten. Warschau wurde in einer Strafaktion von den Deutschen weitgehend zerstört. Die Niederschlagung des Widerstands war eines der schlimmsten deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Zum 80. Jahrestag wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Warschau kommen, um der Opfer zu gedenken.

Heimliches Schießtraining mit dem Vater

Geführt wurde die Untergrundarmee von Offizieren der polnischen Armee, die nach Beginn des deutschen Einmarsches in Polen 1939 abgetaucht waren. Viele Pfadfinder im Alter zwischen 14 und 16 Jahren schlossen sich ihr an. „Mein Vater war im Widerstand und gab Jugendlichen im Wald Schießtraining. Irgendwann fragte ich ihn, ob ich mitmachen darf“, erzählt Maksymowicz.

Ein anderer Aufständischer, Jerzy Substyk, kommt über einen Freund von den Pfadfindern zum Widerstand. Er ist 16 Jahre alt, als er am 1. August den Mobilisierungsbefehl bekommt. „Als der Aufstand ausbrach, wehten weiß-rote Fahnen auf den Straßen. Ich fühlte mich frei. Ich war Soldat, mit der Waffe in der Hand, dem Gegner ebenbürtig. Ich musste nicht mehr weglaufen“, erzählt der heute 96-Jährige. Von einem schnellen Erfolg des Aufstands sei er so überzeugt gewesen, dass er bei der Mobilisierung gleich seine Sonntagskleidung einpackt. „Die wollte ich bei der Siegesparade tragen.“

„Den Aufständischen war völlig klar, dass sie einen Kampf gegen die Deutschen, gegen die Wehrmacht, auf Dauer nicht gewinnen können“, sagt der Berliner Historiker Stephan Lehnstaedt, Autor eines kürzlich erschienenen Buchs über den Warschauer Aufstand. „Die Führungskreise der Armia Krajowa gingen damals davon aus, dass man gegen die Deutschen fünf Tage lang Erfolge erzielen kann. Danach muss man dann nur noch darauf warten, dass sie den Aufstand niederschlagen.“

Allerdings rechneten die Aufständischen damit, dass ihnen die Sowjetunion, deren Rote Armee von Osten auf Warschau vorrückte, zu Hilfe kommen würde. „Die Planung war: Wir machen unseren Aufstand und begrüßen die Rote Armee, die dann kommt, als Hausherr“, so Lehnstaedt. Doch das Kalkül geht nicht auf. Zum einen rückt die Rote Armee nicht so schnell vor wie gedacht. Sie erleidet am 3. und 4. August in der Panzerschlacht von Radzymin vor Warschau eine Niederlage. Zum anderen hat Sowjetdiktator Josef Stalin kein Interesse daran, den widerspenstigen Polen zu helfen. „Gescheitert ist der Warschauer Aufstand daran, dass die Rote Armee nicht gekommen ist“, bilanziert Historiker Lehnstaedt.

Gefährliche Flucht durch stinkende Abwässer

In Warschau wird das Leben für Untergrundkämpfer und Zivilisten zur Hölle. Die Luftwaffe der Wehrmacht bombardiert die Stadt. Einheiten wie das berüchtigte Regiment Dirlewanger, das aus Berufsverbrechern, Wilderern und verurteilten SS-Männern besteht, ermorden massenweise Zivilisten. Die Deutschen lassen die Wasserversorgung abstellen. Lebensmittel werden knapp.

Die Aufständischen werden aus der Altstadt zurückgedrängt. Sie fliehen durch die Kanalisation. „Es war schrecklich: der Gestank, die Dunkelheit und das Wasser“, erinnert sich Maksymowicz. „Wir hatten eine Schnur, an der man sich festhalten musste. Einmal ziehen bedeutet: Ruhe. Zweimal ziehen: Stehenbleiben.“ Bemerken die Besatzer die Bewegung, werfen sie Granaten in die Gullys.

Die Deutschen zerstören Polens Hauptstadt

Am 2. Oktober unterzeichnen die Führer der Armia Krajowa die Kapitulationsurkunde. Die Kämpfer werden als Kriegsgefangene nach dem Genfer Abkommen behandelt. «Schreckliche Bitterkeit» habe er empfunden, erinnert sich Maksymowicz, der das Ende des Aufstands verletzt in einem Lazarett erlebt. Seine Heimatstadt Warschau ist zu 30 Prozent zerstört. Nach der Niederschlagung des Aufstands sprengen die Deutschen systematisch die meisten noch stehenden Gebäude. Die Massaker an der Zivilbevölkerung gehen weiter.

„Der Warschauer Aufstand hat sich für die Polen überhaupt nicht gelohnt. Das Resultat waren ein zerstörtes Warschau und 150.000 bis 180.000 zivile Opfer“, ist die Bilanz von Historiker Lehnstaedt. Die Frage sei eher, warum dieser Aufstand aus der damaligen Logik heraus notwendig gewesen sei. „Dahinter stand das Prinzip Hoffnung. Es war der Versuch, das eigene Schicksal selbst zu bestimmen.“ Deswegen ist das Gedenken an den Warschauer Aufstand ein Heldengedenken und ein Opfergedenken zugleich.

In Polen wird über den Aufstand und seine Folgen immer wieder diskutiert. Die Erhebung sei für die Polen eine „Quelle der Aufrechterhaltung der Würde“ geworden, sagte Wladyslaw Bartoszewski (1922-2015) einmal – selbst AK-Kämpfer und in einem langen politischen Leben ein Vorreiter europäischer Versöhnung. Die Erinnerung habe den Polen Zuversicht gegeben in den vier Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft. Der Traum der Aufständischen von der Unabhängigkeit habe sich erst mit der Entlassung Polens aus dem sowjetischen Herrschaftsbereich 1989 erfüllt.

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