Politik

Machtprobe in Venezuela - Proteste gegen Maduros Wahlsieg

Nach der umstrittenen Wiederwahl des autoritären Präsidenten fühlt sich die Opposition in Venezuela um ihren Sieg betrogen. Auch im Ausland gibt es Zweifel am Ergebnis.
30.07.2024 16:07
Aktualisiert: 30.07.2024 16:07
Lesezeit: 3 min
Machtprobe in Venezuela - Proteste gegen Maduros Wahlsieg
Polizisten feuern in der venezolanischen Hauptstadt Tränengas auf Menschen, die nach der Erklärung von Präsident Nicolas Maduro zum Sieger der Präsidentschaftswahlen protestieren.(Foto: dpa) Foto: -

Nach der umstrittenen Auszählung der Präsidentenwahl in Venezuela steigt der Druck auf der Straße. Bei Protesten gegen das Wahlergebnis kam mindestens ein Mensch ums Leben, wie die regierungsunabhängige Organisation Foro Penal mitteilte. Fünf weitere hätten Schussverletzungen erlitten. Zudem seien 46 Demonstranten festgenommen worden.

Der Nationale Wahlrat hatte den seit 2013 regierenden Nicolás Maduro offiziell zum Sieger der Präsidentschaftswahl vom Sonntag erklärt. Die Opposition warf der Regierung Wahlfälschung vor und reklamierte den Sieg für ihren Kandidaten Edmundo González Urrutia. Die Regierungsgegner hätten Zugang zu 73 Prozent der Ergebnislisten, die einen uneinholbaren Vorsprung des Herausforderers belegten, sagte Oppositionsführerin María Corina Machad.

USA und Europa hegen Zweifel am Wahlergebnis

Auch in den USA, der EU und einer Reihe lateinamerikanischer Länder wurden Zweifel an dem offiziellen Wahlergebnis laut. Die venezolanische Regierung verwies daraufhin die Botschafter von Argentinien, Chile, Costa Rica, Peru, Panama, der Dominikanischen Republik und Uruguay des Landes und zog ihrerseits ihr diplomatisches Personal aus diesen Ländern ab.

Russland ruft Opposition zur Anerkennung des Wahlsiegs auf

Unterstützung erhielt die autoritäre Regierung in Caracas hingegen von ihren Verbündeten in Russland, China, Kuba und Nicaragua. Moskau forderte die Opposition in Venezuela auf, ihre Niederlage einzugestehen und den Sieg Maduros anzuerkennen. „Natürlich ist es sehr wichtig, dass diese Versuche, die Lage in Venezuela zu verschärfen, nicht von Drittstaaten angeheizt werden und Venezuela von äußerer Einmischung frei bleib“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Die Russen hatten schon immer überzeugende Argument bei solchen Wahlen parat.

Im Land wuchs die Angst vor einer Eskalation. Die Opposition kündigte große Proteste an, auch die Regierung will ihre Anhänger auf die Straße bringen. Nach der Wahl habe es über 100 Angriffe gegeben, sagte Präsident Maduro. Dahinter steckten die USA und die Opposition. „Das ist eine faschistische, konterrevolutionäre und kriminelle Gruppe.“

Die Sicherheitskräfte gingen hart gegen die Demonstranten vor: Im Fernsehen war zu sehen, wie Polizisten Tränengas einsetzten und auf Menschen einschlugen. Außerdem wurden Schüsse auf Demonstranten abgegeben, die zum Präsidentenpalast in der Hauptstadt Caracas zogen, wie die Zeitung „El Nacional“ berichtete und in einem Video zu sehen war. Bei den Schützen könnte es sich um sogenannte Colectivos handeln – regierungsnahe paramilitärische Gruppen, die die Agenda der Regierung mit Gewalt durchsetzen.

Auch bislang treue Anhänger von linker Regierung enttäuscht

Maduro will nun im Januar 2025 seine dritte sechsjährige Amtszeit antreten. Dabei waren die Chancen auf einen Politikwechsel in Caracas nach Einschätzung von Beobachtern so gut wie lange nicht mehr. Im Gegensatz zu den Wahlen vor sechs Jahren zeigte sich die Opposition diesmal geschlossen. Zudem waren angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage auch bislang treue Anhänger von der sozialistischen Regierung enttäuscht.

Nach Einschätzung von Experten besteht trotz des offiziellen Wahlergebnisses aber weiterhin die Chance auf einen Wandel in Venezuela. «Ein politischer Wechsel kann auch nach dieser umstrittenen Wahl stattfinden, selbst wenn einige Personen in Machtpositionen sich weigern abzutreten», schrieb Tamara Taraciuk Broner vom Forschungsinstitut Inter-American Dialogue im Fachblatt „Americas Quarterly“. „Die Schlüsselfrage für die Zukunft ist, wie Anreize für Personen geschaffen werden können, die dem Land helfen können, sich von dem derzeitigen repressiven Apparat zu lösen und den komplizierten Weg zur Demokratie einzuschlagen.“

Maduro hat schon einmal eine Protestwelle ausgesessen

Schon die Wiederwahl Maduros 2018 war international von vielen Ländern nicht anerkannt worden. Der damalige Parlamentspräsident Juan Guaidó erklärte sich 2019 zum Interimspräsidenten, konnte sich aber im Land nicht durchsetzen – vor allem, weil das Militär hinter Maduro stand. So konnte er die damaligen Proteste einfach aussitzen.

„Viele Mitglieder der Sicherheitskräfte, der Justiz und der Wahlbehörden könnten in einem demokratischen Venezuela eine bessere Zukunft haben, wenn sie sich in den kommenden Wochen entscheiden, nicht blind an der Macht zu kleben, die Öffentlichkeit und die politische Opposition nicht zu unterdrücken und den durch die Wahl zum Ausdruck gebrachten Willen des Volkes zu respektieren“, schrieb Taraciuk Broner. „Sie müssen von einer vereinten Opposition und den wichtigsten internationalen Akteuren laut und deutlich hören, dass dies ihre beste Option für die Zukunft ist.“

Venezuela steckt seit Jahren in einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise. In dem einstmals reichen Land mit großen Erdölvorkommen leben mehr als 80 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Immer wieder kommt es zu Stromausfällen. Benzin, Gas und Medikamente sind knapp. Mehr als sieben Millionen Menschen – ein Viertel der Bevölkerung – haben Venezuela in den vergangenen zehn Jahren wegen Armut und Gewalt verlassen.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Wall Streets wechselhafte Woche: Trumps Entscheidung beruhigte, Intel verschreckte und Gold lockte
23.01.2026

Eine turbulente Woche an der Wall Street endete in einer Stimmung, in der geopolitische Fragen auf die Abkühlung im Technologiesektor und...

DWN
Politik
Politik Drei Mächte, ein Krisengebiet: Neue Verhandlungen über den Donbass
23.01.2026

Nach langer Funkstille nehmen die Ukraine und Russland erstmals wieder direkte Gespräche auf – unter Beteiligung der USA. Im Zentrum...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt United Manufacturing Hub: Wie ein Kölner Startup den Datenschatz der Industrie hebt
23.01.2026

Daten gelten als Treibstoff der Industrie 4.0 – doch in vielen Fabriken bleiben sie ungenutzt. Das Start-up United Manufacturing Hub will...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Rekordhoch: Nach Allzeithoch nimmt Gold 5.000 Dollar in den Blick – Silberpreis kratzt an 100 Dollar
23.01.2026

Nach dem Goldpreis-Rekordhoch im frühen Donnerstagshandel oberhalb der Marke von 4.900 Dollar geht die Aufwärtsrallye des gelben...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Autonomes Fahren: Musk sieht zeitnahe Fortschritte bei der EU-Genehmigung
23.01.2026

Globale Machtverschiebungen und technologische Umbrüche verdichten sich derzeit spürbar. Welche Folgen ergeben sich daraus für Europas...

DWN
Politik
Politik Grönlands Ressourcen: NATO und USA sprechen über Zugriff auf seltene Erden
23.01.2026

Die strategische Bedeutung Grönlands rückt stärker in den Fokus westlicher Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen. Welche Folgen hat...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zalando-Aktie: Osten ringt um Erfurter Logistikzentrum – Ramelow setzt auf Rettung
23.01.2026

Thüringens Ex-Ministerpräsident Bodo Ramelow sieht die Zukunft des von Schließung bedrohten Zalando-Standorts in Erfurt mit 2.700...

DWN
Politik
Politik Kriegstüchtigkeit in Europa: Deutschland und Italien stärken Rüstungspartnerschaft
23.01.2026

Kanzler Merz und Ministerpräsidentin Meloni bauen die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Italien in den Bereichen Rüstung,...