Politik

Schattenseiten beim Solarboom - Stromnetze in Deutschland zu sehr belastet

Zuviel Solaranlagen und Balkonkraftwerke auf einmal? Offenkundig sind unsere Netze nicht hinreichend auf die Strommengen vorbereitet. Speicherkapazitäten würden helfen, Sie gibt es allerdings noch längst nicht genug. Die Wirtschaft ruft nach Regulierung. Ernsthaft?
15.08.2024 13:00
Lesezeit: 2 min

Der Boom der Solarenergie in Deutschland erschwert laut einer Untersuchung zunehmend die Steuerung der Stromnetze. In einer Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin heißt es, die Solarstromerzeugung sei stark um die Mittagsstunden sonniger Tage konzentriert. „Dies kann in den Stromnetzen, vor allem auf der Verteilnetzebene, zu zeitweisen Engpässen führen.“

Bereits vorhandene Flexibilität bei der Netzintegration von Photovoltaik (PV) werde nicht immer optimal eingesetzt, heißt es. So seien zuletzt viele PV-Anlagen in Gebäuden in Kombination mit Batteriespeichern installiert worden. Diese erlaubten es den Haushalten oder Gewerbetreibenden, den Anteil ihres selbst genutzten PV-Stroms zu vergrößern.

„Allerdings gibt es kaum Anreize, diese Speicher möglichst netz- oder marktorientiert einzusetzen, da weder die Einspeisevergütung noch in der Regel die Haushaltsstromtarife entsprechende Signale dafür geben: Vergütungen und Preise sind für jede Kilowattstunde gleich, unabhängig vom aktuellen Marktpreis“, heißt es in der Studie.

Belastung der Netze

So könne es beispielsweise zu der Situation kommen, dass die PV-Speicher in den Sommermonaten in den Stunden der höchsten PV-Erzeugung bereits vollgeladen seien und die Anlagen dann mit voller Leistung in das Netz einspeisen. Dies belaste die lokalen Stromnetze. Um Stromnetze effizienter zu steuern, ist laut Studie mehr Tempo beim Einbau „intelligenter“ Stromzähler erforderlich.

Energieverband hält Maßnahmen für nötig

„Durch den erfreulich hohen Ausbau der PV ergibt sich nun eine zunehmende Spitzeneinspeisung mit Schwerpunkt an sonnigen Tagen im Sommer über die Mittagszeit“, sagte Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft. Dieser wachsende Anteil erneuerbarer Energien stelle Stromnetzbetreiber immer häufiger vor Herausforderungen.

„Damit systemkritische Netzzustände gar nicht erst entstehen, sind kurz- aber auch mittelfristig Maßnahmen nötig, die drei Bedingungen erfüllen: Netzstabilität weiter auf hohem Niveau gewährleisten, den Ausbau der Erneuerbaren Energien weiter ermöglichen, Machbarkeit für die Netzbetreiber sicherstellen“, so Andreae.

Weniger Leistung?

Sie sprach sich dafür aus, die Wirkleistungs-Begrenzung wieder einzuführen, die im Zuge der Energiekrise 2022 abgeschafft worden sei. „Sie bewirkt, dass PV-Anlagen noch vor dem Erreichen ihrer maximalen Leistung gebremst werden - ähnlich wie das bei Sportwagen der Fall ist, die zwar theoretisch 300 km/h fahren könnten, aber aus Sicherheitsgründen bei 250km/h abgeregelt werden. Eine weitere Maßnahme wäre eine bessere Steuerbarkeit der Einspeisung durch die Netzbetreiber. Hierfür bräuchte es jedoch einen schnellen Hochlauf intelligenter Messsysteme.“

Boom von Solaranlagen

Der Ausbau der Solaranlagen hat deutlich Fahrt aufgenommen. Im vergangenen Jahr verdoppelte sich der Zubau nach Zahlen der Bundesnetzagentur im Vergleich zum Vorjahr auf nahezu 14 Gigawatt. Ein wesentlicher Grund des zuletzt starken Wachstums ist laut DIW der Verfall der Preise für Solarmodule.

Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums betrug Ende Juni die gesamte Leistung der installierten Solaranlagen mehr als 90 Gigawatt. Damit ist bereits das Ziel der Bundesregierung einer installierten Leistung von 88 Gigawatt im Jahr 2024 erreicht. 2030 soll die installierte Leistung dann bei 215 Gigawatt liegen.

Um dieses Ausbauziel zu erreichen, müsse die Geschwindigkeit noch weiter steigen, heißt es in der DIW-Studie. Haupttreiber des Ausbaus sei derzeit ein kräftiger Zubau von kleineren PV-Anlagen auf Gebäuden, die aufgrund von Eigenverbrauchs-Vorteilen attraktiv sei. „Neben viel Licht gibt es aber auch Schatten: Bei den Freiflächenanlagen gibt es noch Potenzial.“

Abhängigkeit von China

In den vergangenen Jahren seien vor allem in China sehr große Produktionskapazitäten aufgebaut worden. Diese seien aber zurzeit bei weitem nicht ausgelastet, was die Modulpreise drücke, so die DIW-Studie. China dominiere die globale PV-Produktionskette. Der PV-Ausbau habe damit noch eine weitere „Schattenseite“. Da es kaum noch eine Produktion von Solarzellen in Deutschland oder der EU gebe, sei der weitere Zubau stark auf Importe aus China angewiesen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Zufall mit System: Die entscheidende Rolle von RNGs im Gaming

Viel mehr als Würfel-Glück: Erfahre, wie Zufallsgeneratoren von Slot-Klassikern bis hin zu KI-Welten für Fairness, Immersion und echten...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Chip-Aktien erholen sich, Waffenstillstand hält
08.06.2026

Zwischen geopolitischen Entwicklungen und überraschenden Marktbewegungen: Erfahren Sie, was die Börse aktuell antreibt.

DWN
Panorama
Panorama Teure Störungen am Himmel: Drohnen belasten den Luftverkehr
08.06.2026

Immer häufiger zwingen Drohnensichtungen deutsche Flughäfen zu Einschränkungen oder sogar Betriebspausen. Die wirtschaftlichen Schäden...

DWN
Finanzen
Finanzen Digitaler Yuan: Peking setzt auf eine Alternative zur Dominanz des Dollars
08.06.2026

China treibt den digitalen Yuan mit neuer Entschlossenheit voran. Peking sieht im e-CNY nicht nur ein Zahlungsmittel, sondern ein...

DWN
Finanzen
Finanzen SpaceX-IPO zeigt die gefährliche Macht der Musk-Erzählung
08.06.2026

Elon Musk verkauft den Kapitalmärkten nicht nur Raketen und Satelliten, sondern eine Zukunft, die bis zum Mars reicht. Doch das SpaceX-IPO...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wie viel Markterfolg hat sich China mit staatlichen Subventionen erkauft?
08.06.2026

Chinesische Unternehmen erhalten bis zu achtmal mehr Subventionen als ihre Konkurrenten, stellt die OECD in einem Bericht über...

DWN
Finanzen
Finanzen Magnificent Seven-Aktien: Wo Analysten jetzt die größten Chancen sehen
08.06.2026

Sieben Tech-Konzerne dominieren den S&P 500, doch ihre Aktien laufen längst nicht mehr im Gleichschritt. Der KI-Boom treibt Umsätze,...

DWN
Technologie
Technologie Dokumentenanalyse mit KI: Was Unternehmen jetzt beachten sollten
08.06.2026

KI revolutioniert die Dokumentenanalyse und stellt Unternehmen, Verwaltungen und Beschäftigte vor eine neue Arbeitsteilung. Welche Rolle...

DWN
Panorama
Panorama Fußball-WM 2026 in USA, Kanada und Mexiko: UN-Experten warnen vor gefährlichen Hitzewellen
08.06.2026

Millionen Fans freuen sich auf die größte Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. Doch die klimatischen Bedingungen in Teilen...