Panorama

66 Jahre und noch längst kein Ende: Was bedeutet es, heute alt zu sein?

Die Generation der aktiven Senioren fährt E-Bike und trainiert im Fitnessstudio: Immer mehr Menschen in Deutschland werden deutlich älter als 70. Ist das eine Chance oder eine Herausforderung – und diskutieren wir das ausreichend?
06.10.2024 07:25
Lesezeit: 4 min

Am Barren turnen? Für Johanna Quaas ist das mit 98 Jahren kein Problem. Wettkämpfe hat die "Turn-Oma" aus Sachsen-Anhalt erst vor einigen Jahren aufgegeben. Doch noch immer macht sie täglich Gymnastik. "Hannchen", wie ihre Freunde sie nennen, stand bereits vor etwa zehn Jahren als älteste Turnerin der Welt im Guinness-Buch der Rekorde. Privat ist sie längst Urgroßmutter.

Zum Tag der älteren Menschen am 1. Oktober stellt sich die Frage: Werden bald fitte Senioren über 70 und Vier-Generationen-Familien die Norm sein? Und was bedeutet es heutzutage, alt zu sein?

Hundertjährige könnten eine Stadt füllen

Die deutsche Statistik zeigt es genau: Ende 2023 lebten hierzulande exakt 26.615 Menschen, die 100 Jahre oder älter waren. Das entspricht der Einwohnerzahl einer mittelgroßen Stadt. Musiker stehen mit über 80 auf der Bühne, Bestseller würdigen das hohe Alter. Paare feiern ihre diamantene Hochzeit und erleben ihre Urenkel heranwachsen. Einige sehen sogar ihre Kinder im Seniorenalter vor ihnen sterben.

Diese Generationen haben auch politisch Gewicht. Mehr als jeder fünfte Wahlberechtigte in Deutschland ist über 70 Jahre alt. Ist das etwas völlig Neues?

"Historisch ist das eine völlig neue Dimension", erklärt Adelheid Kuhlmey, Altersforscherin an der Charité in Berlin. "Es verändert vieles. Die mittlere Generation steht nun zwischen ihren meist erwachsenen Kindern und ihren älteren Eltern." Dies könne ein Vorteil sein, betont die Medizinsoziologin. "Denn so bleibt die Vergangenheit in Familien lebendig und es gibt einen großen Erfahrungsschatz."

Demografie: Pilz statt Pyramide

Der demografische Wandel von einer Pyramide zu einem Pilz – mehr Ältere an der Spitze, weniger Jüngere an der Basis – kann jedoch auch bedrohlich wirken. Die Zahl der Menschen über 70 ist in Deutschland zwischen 1990 und 2022 von 8 auf 14 Millionen gestiegen.

"Für die pflegerische Versorgung steuern wir auf eine Katastrophe zu", warnt Kuhlmey. Es sei dringend notwendig, das öffentliche Bewusstsein zu schärfen: "Wir sind zu wenig darauf vorbereitet, die nachberufliche Phase zu gestalten. Dabei ist diese nun eine der längsten Lebensabschnitte geworden." Manche sprechen von "Restlaufzeit", als wäre der Mensch ein Kraftwerk.

Vor 150 Jahren betrug die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland nur 35 bis 38 Jahre. Fortschritte in Medizin, Ernährung und Arbeitsbedingungen sowie der wachsende Wohlstand haben das geändert. Bis 2070 könnte die Lebenserwartung auf 86 bis 90 Jahre steigen, so aktuelle Prognosen.

Mit 66 Jahren geht es weiter

"Mit 66 Jahren fängt das Leben an", sang Udo Jürgens in den 1970er Jahren. Der Komponist wurde 80. Eine aktuelle Erhebung des Deutschen Alterssurveys belegt den Hit: 65-jährige Männer und Frauen können heute noch 16 bis 17 Jahre ohne schwere gesundheitliche Probleme leben. Experten meinen, 70 sei das neue 65.

Trotzdem bleibt die Diskrepanz zwischen dem kalendarischen und dem biologischen Alter. Der menschliche Körper ist nicht auf ein Leben von über 90 Jahren ausgelegt. Trotz aller Fitness-Aktivitäten gibt es keine Garantie, nur Krankheiten, die vor allem im hohen Alter auftreten. Am gefürchtetsten ist Demenz.

Die Turnerin Johanna Quaas wird im November 99. Ihr Lebensmotto lautet: stets in Bewegung bleiben. "Das hat mir geholfen", sagt sie.

Auch nach einem Oberschenkelhalsbruch vor drei Jahren. "Ich konnte natürlich nicht trainieren. Aber nach der Reha bin ich zurück in die Turnhalle gegangen." Dadurch konnte sie auch wieder Rad fahren. Natürlich plagen sie Beschwerden: "Arthrose im Knie und in den Fingern, aber es wird nicht besser, wenn man sich schont." Eine Einschränkung hat sie akzeptiert: kein Barren mehr mit 99. Versprochen.

Ab 85 Jahren wird es schwieriger

Ist Johanna Quaas ein Blick in die Zukunft? Altersforscherin Kuhlmey sieht das anders: "Das ist eine absolute Ausnahme mit idealen genetischen Voraussetzungen." Im Durchschnitt beginnt mit 85 die Phase des Hochalters, in der die Gesundheit nachlässt, sowohl körperlich als auch geistig. "Das Leben kann weiterhin erfüllend sein, aber es ist nicht mehr das gleiche wie mit 70."

Die Vielfalt des Alters macht es kompliziert – politisch, wirtschaftlich und persönlich. Schon unter den Menschen unter 70 gibt es diejenigen, die biologisch zehn Jahre älter oder jünger sind. "Diese Spanne von 20 Jahren gibt es in keiner anderen Generation", sagt die Forscherin der Charité.

Das erschwert auch die Festlegung des Rentenalters: "Am besten wäre es, wenn wir nach Leistungsfähigkeit in Rente gehen könnten." Kuhlmey, die bald 69 wird, hat nun eine Senior-Professur. Warum sollte Wissen ab 66 Jahren verloren gehen? Der demografische Wandel erfordert ein Umdenken. Auch Migration könnte dann anders bewertet werden.

Babyboomer müssen anders planen

Kuhlmey setzt ihre Hoffnung auf die Kreativität der Babyboomer, geboren zwischen Mitte der 1950er und Ende der 1960er Jahre. Diese Generation hat eine Vorstellung davon, was Altern bedeutet. Viele kümmern sich um ihre älteren Eltern, organisieren Arzttermine und Pflegedienste.

Kuhlmey sieht auch, dass diese Generation lernt: "So soll es bei mir nicht sein. Das will ich meinen Kindern nicht zumuten."

Sie hofft, dass die Boomer anders vorsorgen, etwa durch Mehrgenerationenwohnen oder Alters-WGs. Auch die Digitalisierung könnte im Alter unterstützen. Die Boomer sind gebildet, finanziell abgesichert und zahlenmäßig stark. Doch das Pflegesystem steht bereits unter Druck.

Mehr Debatten über die letzten Lebensjahre

"Wir gehen das Thema Altern immer noch zu naiv an", fasst Forscherin Kuhlmey zusammen. Es gibt zu wenig Patientenverfügungen und zu wenig öffentliche Debatten über die letzten Jahre des Lebens. Welche Aufgaben soll die Medizin ab 85 Jahren noch übernehmen? Und welche nicht mehr? Sollte das Gesundheitssystem nicht jetzt stärker auf Prävention setzen?

Die Forschung weiß, dass gesellschaftliche Teilhabe für ein langes Leben essenziell ist. Doch gibt es diese Teilhabe für Menschen über 100 Jahre? "Wir verdrängen das Thema Hochalter noch immer zu sehr", schließt Kuhlmey. Es fehlen Debatten und ein gesellschaftlicher Konsens, auch über das Thema Sterbehilfe. Das ist unangenehm und schmerzhaft, doch: "Man bekommt im Leben nichts, ohne einen Preis zu zahlen."

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