Politik

US-Wahlen: Es gibt sie, die vernünftigen Republikaner! Viele wollen für Harris stimmen

Konservativ, aber aufgeklärt. Patrioten zwar, doch keine Eiferer. Republicans der alten Schule! Der frühere Senator John McCain aus Arizona, ein Kriegsheld, vom Vietkong gefangen und gefoltert worden, gilt selbst posthum als Vorbild des aufrechten Politikers in der Tradition Lincolns. Mitt Romney aus Utah ist auch so ein Typ - mit mächtig Einfluss. Er hat sich eingereiht in die Anti-Trump-Rebellion seiner Partei. Weil die sich dezidiert pro Kamala Harris engagiert und ausspricht, zeitigt das landesweit Wirkung.
21.10.2024 12:30
Lesezeit: 5 min
US-Wahlen: Es gibt sie, die vernünftigen Republikaner! Viele wollen für Harris stimmen
Republicans pro Harris: Die demokratische US-Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung vor der ehemaligen republikanischen Kongressabgeordneten Liz Cheney (r.) am Ripon College. (Foto: dpa)

Auch Brad Raffensperger, Georgias Staatssekretär, ist so ein kerzengerader Amerikaner, der die Verfassung hochhält und sich nicht von Trump und sein Kamarilla kaufen lässt. Wen er wählen wird, hat er nicht kundgetan. Aber er gilt vielen als Held beim Abwehr der stetigen Angriffe auf die US-Demokratie. Nach seiner berühmt gewordenen Weigerung, Trumps Aufforderung zur Manipulation der Wahlergebnisse 2020 nachzugeben und „irgendwo 11.800 mehr Stimmen" aufzutreiben, ist der Republikaner zum Feindbild der wahlleugnenden Anhänger avanciert. Sein Bundesstaat, in dem vergangene Woche mit Rekordbeteiligung das „Early voting“, also die vorzeitige Stimmabgabe, begonnen hat, gilt als einer der sieben umkämpften Staaten, die wohl über den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl entscheiden.

Trump hatte die Wahl 2020 in Georgia gegen den Demokraten Joe Biden verloren und unbegründete Vorwürfe des Wahlbetrugs erhoben. Ob seine Einflussnahme auf Raffensberger Nötigung war, ist noch immer nicht strafrechtlich aufgearbeitet und bis nach der Wahl im November aufgeschoben worden. Man könnte mit Fug und Recht sagen: Donald Trump gehört in Sachen Georgia entweder in den Knast und genießt als erneut gewählter US-Präsident Immunität.

Raffensberger freilich wird auch diesen Herbst nicht müde, die Rechtsordnung im Swing State aufrecht zu erhalten. Er widersteht stoisch den beständigen Attacken aus dem Trump-Lager. Deshalb konnte ein Richter jetzt gerade (von Republikanern erzwungene) Änderungen des Wahlrechts für ungültig erklären. Im Kern ging es um die Auszählung der Wahlstimmen per Hand. Richter Thomas Cox wies die Wahlbehörde an, die neuen Regeln unverzüglich zu streichen und die Wahlhelfer über deren Ungültigkeit zu informieren.

Ex-Vizepräsident Dick Cheney verweigert Trump seine Stimme

Und die prominenten Stimmen in Reihen der Republikaner werden immer lauter. Bislang war es fast nur Liz Cheney aus Wyoming, die älteste Tochter Dick Cheney, der einst als Vizepräsident George W. Bushs zu den Scharfmachern in der Republican Party gezählt hat. Sie führte im Kongress die Ermittlungen ihrer Partei wegen der strafrechtlichen Vorwürfe gegen Trump an und dessen Rolle beim Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 an. Die MAGA-Trumpisten hassen sie - gerade deshalb gilt sie als Leitfigur bei den Zweiflern. „Ich habe bisher nie für einen Demokraten gestimmt, aber dieses Jahr werde ich meine Stimme stolz für Kamala Harris abgeben“, sagte sie bei einem gemeinsamen Wahlkampfauftritt mit Kamala Harris in Ripon, Wisconsin (siehe Foto). Ein symbolischer Ort: Die beiden dürften sich den kleinen Ort im Bundesstaat Wisconsin bewusst ausgesucht haben hier wurde anno 1854 mal hier die Republikanische Partei gegründet. Harris zeigte sich erkenntlich und lobte sie und ihren Vater Dick Cheney „für ihren Einsatz für unser Land“. Unterdessen gibt es namhafte Unterstützer, die den Weg der Cheneys Folge leisten.

Allen voran Mitt Romney. der Senator aus Utah, der gleichfalls mal wie zuvor schon John McCain als republikanischer Kandidat um das Weiße Haus gegen die Demokraten angetreten war und unterlegen blieb. „Ich habe sehr deutlich gemacht, dass ich nicht will, dass Donald Trump der nächste Präsident der USA wird“, bekannte Mitt Romney vergangene Woche erst an einer Universität in Salt Lake City im Mormonenstaat Utah. Er sagte nicht explizit, wie er letztlich abstimmen wird, sprach sybillinisch von schwierigen Berechnungen“ und Abwägungsfragen. In den Medien schlug die Meldung in der heißen Phase des Wahlkampfs dennoch so wuchtig ein wie ein Leberhaken gegen Trump. Seither macht der Begriff Anti-Trump-Rebellion verstärkt die Runde, das war bisher noch nie so krass in einem Präsidentschaft-Wahlkampf zu erleben. Denn auch Liz Cheneys Vater sagte sich final von Trump los - und verweigert ihm seine Stimme.

„Ich denke, dass Dick Cheneys Stimme unglaublich wichtig ist, weil sie einige traditionellere Konservative dazu bringen wird, für eine Sekunde innezuhalten und sich seinen Sinneswandel zu Gemüte zu führen.“ So sieht es Olivia Troye, ehemalige Sicherheitsbeauftragte von Trumps Vizepräsident, Mike Pence. Denn eigentlich müsste sich jeder Beobachter des US-Politik darüber wundern, warum es überhaupt noch eine Frage ist, ob Trump für das Amt des US-Präsidenten überhaupt geignet ist. Mike Pence, sein einstiger Stellvertreter im Weißen Haus, sollte es am besten wissen. Auch er hat einen Offenen Brief vs. Trump mit verfasst und unterzeichnet, in dem die namhaften Vertreter der wahren Republikaner opponieren und nun offen für Kamala Harris werben. Gefolgt von wahren Heerscharen ehemaliger Beamter, Minister und Strategen aus vergangenen US-Administrationen unter Führung der Republican Party.

Trumps Administration ist fast geschlossen von der Fahne gegangen

Mit Trumps beiden Nationalem Sicherheitsberatern, John Bolton und Henry MacMaster, dem Verteidigungsminister Mark Esper und selbst Trumps früheren Stabschef John Kelly ist quasi die Hälfte seiner alten Administration von der Fahne gegangen und warnt im Kollektiv vor dem unberechenbaren „Agent Orange“, der immer wieder mal mit Putin telefoniert, auf Staatsmänner á la Viktor Orbán schwört und sich mit Verschwörungstheoretikern umgibt und auf rechtsextreme, geradezu kriminelle Milizen wie die Prouds Boy zählt.

Auf Wikipedia gibt es unterdessen sogar eine extra Seite, in der alle Namen jener gemeinsamen Bewegung gegen Donald Trumps Kampagne vollständig aufgelistet sind. Selbst der Name von Stephanie Grisham lässt sich da finden - sie war einst Sprecherin und bei Pressekonferenzen das schöne Gesicht Trumps. Aus deutscher Sicht bemerkenswert: Auch Richard Burt, lange Zeit US-Botschafter in der Bundesrepublik, ist unter den Namen zu finden. Ein geradezu unfassbares Bekenntnis erfahrener Amerikaner, die als - ultima ratio - aufgestanden sind gegen Trump und seine zwielichtigen Unterstützer.

Angesichts von mehr als einer Million Republikaner, die bei den Vorwahlen die Widersacherin Nikki Haley gegen Trump, unterstützt haben, dürfte es viele Parteigänger geben, die das Bündnis gegen Trump durchaus beeindruckt und bei der Wahl beeinflussen könnte. Im Team Trump geht jedenfalls vielen schon die Düse, angesichts der vergleichsweise wenigen Stimmen, die die Gerechtigkeits-Waage gewichtig in die eine oder andere Richtung niederdrücken wird. Die „New York Times“ hat unterdessen ermitteln lassen und herausgefunden, dass etwa neun Prozent der registrierten Republikaner Kamala Harris zuneigen.

Das könnte den Unterschied machen, hofft man im Team Harris. In Deutschland wohl auch, wo erst am Wochenende Joe Biden für die transatlantische Partnerschaft gewürdigt und ausgezeichnet wurde im Schloss Bellevue. Denn: Ob es mit Donald Trump so harmonisch weitergeht, ist mehr als fraglich und sollte uns Sorgen bereiten. Harris indes dürfte außenpolitisch für Kontinuität sorgen. Viele Republikaner in den USA, denen das über Jahrzehnte Richtschnur und wichtiges Anliegen war, wissen das nur zu gut - und könnten sich bei der Wahl deshalb taktisch verhalten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Finanzen
Finanzen Volatile Siemens Energy-Aktie: Kurssprung nach schwachem Start – was Anleger jetzt wissen müssen
23.03.2026

Ein turbulenter Handelstag bringt die Siemens Energy-Aktie erneut in den Fokus. Zwischen Kursverlusten und kräftiger Erholung schwankt der...

DWN
Politik
Politik Von der Leyen will Wege finden, Ukraine-Kredit trotz Ungarn auszuzahlen
23.03.2026

Die EU sucht nach Lösungen, um die zugesagten 90 Milliarden Euro an die Ukraine auszuzahlen, obwohl Ungarn weiterhin blockiert.

DWN
Panorama
Panorama Hybride Angriffe: Kein Strom, kein Geld, kein Arzt – was Menschen Sorgen bereitet und was hilft
23.03.2026

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen rechnet mit schweren Krisen durch hybride Angriffe. Dennoch fühlen sich nur 15 Prozent der Haushalte...

DWN
Politik
Politik Ukraine im Schatten des Iran-Kriegs: Droht ein strategischer Nachteil?
23.03.2026

Der Ukraine-Krieg gerät zunehmend aus dem Fokus der Weltpolitik, während der Iran-Krieg neue Prioritäten setzt. Droht der Ukraine...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX-Kurs aktuell unter Druck: Märkte reagieren auf geopolitische Eskalation
23.03.2026

An den Märkten herrscht Alarmstimmung: Der DAX-Kurs verliert deutlich, Ölpreise steigen, selbst der Goldpreis schwächelt. Was steckt...

DWN
Finanzen
Finanzen Salzgitter-Aktie: Umsatz soll wieder wachsen – Anleger von Salzgitter-Zahlen nicht überzeugt
23.03.2026

Die jüngsten Salzgitter-Zahlen sorgen für Aufmerksamkeit an den Märkten. Der Konzern hat seinen Verlust deutlich reduziert und peilt...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Historischer Absturz schockt Anleger – was steckt dahinter?
23.03.2026

Ein dramatischer Einbruch erschüttert den Goldpreis aktuell und stellt alte Marktregeln infrage. Trotz Krisen fällt der Goldkurs...

DWN
Politik
Politik Verbrenner-Aus 2030? BGH-Urteil bringt Klarheit zu Klagen gegen Autobauer
23.03.2026

Das Verbrenner-Aus bleibt eines der umstrittensten Themen der deutschen Wirtschaft. Während die Politik ringt, schafft ein BGH-Urteil...