Finanzen

Nächste Finanzkrise durch Schattenbanken? EZB warnt vor Risiken durch NBFIs


Die Stabilität des europäischen Finanzsystems mag sich laut der EZB verbessert haben. Doch mit der zunehmenden Macht der Schattenbanken am Kapitalmarkt, Stichwort NBFIs, könnte sich bereits die nächste Finanzkrise anbahnen.
09.11.2024 16:00
Aktualisiert: 10.11.2024 16:13
Lesezeit: 5 min

In ihrem 184 Seiten umfassenden Bericht zur Finanzstabilität im Euroraum, dem Financial Stability Review, warnte die Europäische Zentralbank (EZB) vor den Risiken durch das rasante Wachstum des Schattenbankensektors. Laut Elizabeth McCaul, Mitglied des EZB-Aufsichtsgremiums, stellt die Expansion privater Fonds außerhalb der regulierten Banken derzeit eine der größten Bedrohungen für die Stabilität in der Eurozone dar. Besonders kritisch sieht McCaul die undurchsichtigen Verbindungen zwischen Schattenbanken und traditionellen Banken, etwa bei Rückkaufvereinbarungen, Kreditlinien und Derivaten.

NBFI’s: Kapitalmarktrisiko außerhalb des Bankensystems

Laut dem EZB-Bericht, der im Mai dieses Jahres erschienen ist, verwalten Schattenbanken weltweit ein Finanzvermögen von etwa 220 Billionen US-Dollar. In der Eurozone belaufe sich das Gesamtvermögen auf rund 44,8 Billionen Euro, was etwa 41 Prozent der gesamten Finanzsektor-Assets ausmache. Diese Summe habe sich in den letzten Jahren stetig erhöht, von etwa 42,7 Billionen Euro Ende 2022, angetrieben durch Bewertungseffekte und eine Zunahme der Aktivitäten im Schattenbankensektor.

Auch nationale Aufsichtsbehörden warnen daher verstärkt vor der wachsenden Macht solcher Non-Bank Financial Intermediaries (NBFIs, Nichtbanken-Finanzintermediäre). So erklärte BaFin-Präsident Marc Branson im Mai in Frankfurt, dass kapitalmarktgetriebene Risiken besonders dann gefährlich seien, wenn sie durch hohe und undurchsichtige Hebelungen verstärkt würden. „Wir dürfen die Kalibrierung unserer Regulierung nicht lockern, denn dadurch bereiten wir den Weg für die nächste Finanzkrise“, betonte Branson. Es sei entscheidend, diese Risiken gezielt zu überwachen und klare sowie proportionale Regeln einzuführen, „die wir als Aufsichtsbehörden in allen EU-Mitgliedsstaaten einheitlich umsetzen können.“

Allerdings ist die Frage der Absicherung dieser Geschäfte weiterhin unbeantwortet. Diese erfolgt häufig über den Bankensektor, der im schlimmsten Fall durch Domino-Effekte in Mitleidenschaft gezogen wird. Entsprechend äußerte Branson die Sorge, dass eine hohe Konzentration von NBFI-Finanzierungen innerhalb bestimmter Banken während finanzieller Stressphasen schwer zu ersetzen sei: „Ein hohes Maß an Konzentration von NBFI-Finanzierungen in einigen Banken, zusammen mit den Präferenzen des NBFI-Sektors für spezifische Finanzierungsinstrumente, könnte die rasche Substitution erschweren, falls es zu Kapitalabflüssen kommt.“

IWF: “NBFIs essentiell für die wirtschaftliche Transformation“

Laut dem im Oktober 2024 vom Internationalen Währungsfonds (IWF) veröffentlichten Global Financial Stability Report (GFSR) seien Finanzierungen durch NBFIs nicht nur notwendig, sondern „essentiell für die wirtschaftliche Transformation“, da diese Institutionen eine breitere Basis für Kapitalbeschaffung bieten. Besonders in den Bereichen Unternehmensfinanzierung, Immobilien und strukturierte Finanzierungen würden NBFIs den Bankensektor sinnvoll ergänzen. So betont der IWF-Bericht, dass NBFIs Vorteile bieten, indem sie zwar riskantere, aber produktivere Segmente finanzieren und alternative Kapitalquellen bereitstellen. Dadurch könnten sie zu einer besseren Kapitalallokation beitragen und die Märkte durch Risikodiversifikation stabilisieren.

BaFin-Chef fordert weniger Komplexität in Deutschland

Vor diesem Hintergrund sieht BaFin-Chef Branson dringenden Handlungsbedarf bei der Vereinfachung der Finanzregulierung in Deutschland. Branson betonte: „Wir haben hier in Deutschland die Tendenz, zusätzliche Komplexität zu schaffen. Gute Absichten führen nicht immer zu guter Umsetzung“. Er fügte hinzu: „Es gibt einige spezifisch deutsche Lösungen, die wir nicht wirklich brauchen - oder nicht mehr brauchen“. In den vergangenen Monaten habe die BaFin mehrere Dutzend Vorschriften identifiziert, die der Deutsche Bundestag vereinfachen könnte, ohne die Wirksamkeit der Regulierung zu beeinträchtigen.

Lindner: „Die BaFin ist nicht mehr auf Augenhöhe“

Aber auch die BaFin selbst geriet in die Kritik. Im Jahr 2020 warf der damalige Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Christian Lindner, der Behörde im Zusammenhang mit dem Wirecard-Skandal schwere Versäumnisse vor: „Die BaFin ist nicht mehr auf Augenhöhe mit den neuen Entwicklungen am Kapitalmarkt“, sagte Lindner damals gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung. Er betonte, dass die Behörde internationaler arbeiten und mehr Wissen über die internationalen Kapitalmärkte aufbauen müsse. Lindner forderte zudem eine umfassende Reform: „Wirecard ist nicht nur ein Totalschaden, sondern auch ein Anlass für eine Modernisierung der staatlichen Aufsicht.“

Die notwendigen Reformen wurden schließlich 2021 unter dem damaligen Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) angegangen. Mit dessen Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (FISG) erhielt die BaFin erweiterte Befugnisse und strengere Regeln, um ähnliche Versäumnisse künftig zu verhindern. Durch die gestärkten Kontrollmechanismen und Befugnisse der BaFin wurden wiederum die Institute gezwungen, ihre internen Strukturen und Prozesse zu überprüfen und anzupassen, um die Anforderungen zu erfüllen.

Im Oktober 2024 zeigte sich bei einem Stresstest, den Bundesbank und BaFin durchführten, dass die meisten der rund 1.200 getesteten kleinen und mittleren Banken hierzulande widerstandsfähig sind. „Die Ausgangslage der Banken ist besser geworden“, sagte Exekutivdirektor Raimund Röseler bei der Vorstellung der Ergebnisse in Frankfurt. Durch die Zinswende hätten sie mehr verdient und seien solide aufgestellt.

Dennoch äußern Branchenexperten Zweifel, ob die gestärkten Aufsichtskompetenzen der BaFin ausreichen, um die komplexen internationalen Verflechtungen und Risiken bei NBFIs zu überwachen. Sie bemängeln, dass die Reformen zwar auf nationaler Ebene greifen, aber Defizite im Hinblick auf globale Herausforderungen und schnelle Marktveränderungen bestehen bleiben.

Mehr Widerstandsfähigkeit, aber keine Entwarnung

Während die Debatte über die Wirksamkeit der BaFin weiter anhält, scheint sich die Widerstandsfähigkeit des europäischen Bankensektors insgesamt verbessert zu haben. So hob Claudia Buch, seit Januar 2024 amtierende Vorsitzende des EZB-Aufsichtsgremiums, hervor, dass die gestiegenen Zinsen es den Instituten ermöglicht hätten, ihre Kapitalpuffer zu stärken und ihre IT-Infrastrukturen zu modernisieren. Dennoch, so Buch, gebe es keinen Grund zur Selbstzufriedenheit, da neue Risiken und strukturelle Veränderungen die Geschäftsmodelle der Banken in Frage stellen könnten.

Besonders der digitale Wandel, geopolitische Unsicherheiten und der verstärkte Wettbewerb setzen die Finanzinstitute zusätzlich unter Druck. Seit der letzten Finanzkrise 2008 wurden in Europa zwar striktere Regelungen zur Sicherung des Finanzsystems eingeführt. Dennoch bleibt die Qualität der Vermögenswerte vieler Banken eine Herausforderung, da zuletzt wieder mehr ausfallgefährdete Kredite verzeichnet wurden. Vor diesem Hintergrund richtet sich die Aufmerksamkeit der Aufsichtsbehörden zunehmend auf die Risiken, die sich aus der Verflechtung und Hebelung im Finanzsektor ergeben.

Risiken durch Verflechtungen und Hebelungen

So zeigt der aktuelle „Non-bank Financial Intermediation Risk Monitor“ des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken (ESRB), dass die Verflechtungen zwischen Investmentfonds und anderen Finanzakteuren in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben. Das erhöhe das Risiko, dass negative Schocks auf das gesamte Finanzsystem übertragen und verstärkt würden.

Besondere Aufmerksamkeit widmet der Ausschuss Investmentfonds, die zur Maximierung ihrer Renditen häufig hohe Fremdkapitalquoten einsetzen. Das berge das Risiko, dass diese Fonds in Stressphasen gezwungen seien, ihre Vermögenswerte schnell zu verkaufen, was die Marktvolatilität erhöhen könnte. Angesichts dieser Entwicklungen warnte Colm Kelleher, Verwaltungsratspräsident der Schweizer Bank UBS: „Ich glaube, dass die nächste Krise, wenn sie denn ausbricht, in diesem Sektor stattfinden wird.“

UBS-Chef kritisiert verschärfte Kapitalanforderungen

Anfang Oktober äußerte Kelleher zudem Bedenken über die verschärften Kapitalanforderungen in der Schweiz und forderte, sich auf wichtigere Aspekte wie das Liquiditätsmanagement und die Abwicklungsfähigkeit von Banken zu konzentrieren. Hintergrund: Anfang April legte die Schweizer Regierung einen Bericht vor, der über 300 Seiten umfasst und 22 Maßnahmen enthält. Diese sollen das „too big to fail“-Regelwerk (TBTF) weiterentwickeln, um die Stabilität des Schweizer Finanzplatzes in Krisensituationen zu erhöhen.

Als Teil der Maßnahmen sieht die zuständige Finanz-Bundesrätin Karin Keller-Sutter deutlich dickere Kapitaldecken für Schweizer Banken vor. Allein für die UBS sieht das sieht Keller-Sutters Regelwerk bis zu 25 Milliarden US-Dollar an zusätzlicher Liquidität vor. Auch die verstärkte Überwachung der Verbindungen zwischen systemrelevanten Banken und NBFIs sowie eine klare Verantwortungszuweisung für Krisenfälle zählen zu den neuen Regelungen, um das Schweizer Finanzsystem widerstandsfähiger zu machen.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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