Politik

Saidnaja: Befreiung aus dem „Schlachthaus“ der industriellen Tötung und Folter

Das syrische Militärgefängnis Saidnaja, bekannt als das "Schlachthaus", steht für Folter und Tötung auf industriellem Maßstab. Mit der jüngsten Befreiung tausender Häftlinge kommen grausame Details ans Licht, während Überlebende und Angehörige versuchen, das Unvorstellbare zu verarbeiten.
10.12.2024 18:02
Lesezeit: 3 min
Saidnaja: Befreiung aus dem „Schlachthaus“ der industriellen Tötung und Folter
Zwei Frauen, deren Angehörige inhaftiert waren, reagieren auf das, was sie in dem befreiten Saidnaja-Militärgefängnis vorfinden (Foto: dpa). Foto: Hussein Malla

Um das eigentlich unbeschreibliche Grauen irgendwie greifbar zu machen, nutzten Ex-Häftlinge für das Militärgefängnis Saidnaja in Syrien bald einen besonderen Spitznamen: „Schlachthaus“ . Wie wohl kein anderes Gebäude im Land ist es zum Symbol geworden für den blanken Horror aus Zeiten der nun gestürzten Regierung von Baschar al-Assad. Auf „industriellem Maßstab“ sollen Assads Offiziere hier und in anderen Gefängnissen gefoltert und getötet haben.

Nach der Blitzoffensive der Aufständischen, angeführt von der Islamistengruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS), kommen aus Saidnaja jetzt Tausende Menschen frei. Die Zivilschützer von den Weißhelmen schätzen, dass 20.000 bis 50.000 Häftlinge an nur einem Tag aus dem Gebäudekomplex nördlich der Hauptstadt Damaskus gerettet wurden. Bis zu 150.000 könnten dort inhaftiert gewesen sein - viele werden weiterhin vermisst.

Mit der Befreiung kommen neue Details ans Licht zu den Zuständen in Saidnaja, wo nach Schätzungen der Weißhelme wohl jeden Tag 50 bis 100 Menschen hingerichtet und dann in Öfen verbrannt wurden.

Suche nach Vermissten: Ein Funken Hoffnung für Angehörige

Für die Angehörigen beginnt eine fieberhafte Suche nach Hinweisen zu inhaftierten oder verschwunden Verwandten, von denen sie Jahre oder Jahrzehnte nichts gehört haben. Mohammed Abel Asis, der aus Aleppo nach Damaskus gekommen ist, suchte in Saidnaja etwa nach seinem Vater. Als die Sicherheitskräfte diesen im Jahr 2000 verhafteten, war Mohammed sieben Jahre alt. „Wir haben nach einem Funken Hoffnung gesucht“ , sagt er der Deutschen Presse-Agentur, vergeblich.

Einige, die mit leeren Händen vom Gefängnis heimkehren, halten danach symbolische Beerdigungen und Trauerfeiern ab für ihre wohl für immer verlorenen Angehörigen, wie Augenzeugen berichten.

Andere wandern wie Schatten ihrer selbst in die unerwartete Freiheit, nach teils Jahrzehnten in Haft. Der Nachrichtensender Al Jazeera zeigt einen Mann, der sich nach mutmaßlich schwerster Folter nicht an seinen eigenen Namen erinnern kann. Andere, die noch zur Regierungszeit von Assads Vater Hafis inhaftiert wurden, erfahren nun, dass dieser im Jahr 2000 verstarb und dass der - nun gestürzte - Sohn Baschar die Macht damals übernahm.

Der britischen Zeitung „Guardian“ zufolge ist ein Ex-Pilot unter den Befreiten, der sich während eines Aufstands gegen Hafis al-Assad in den 1980er Jahren weigerte, die Stadt Hama zu bombardieren - und der jetzt nach 43 Jahren ein völlig anderes Syrien betritt.

Tötungen und Folter auf industriellem Maßstab

Die Methoden der Offiziere von Armee und Sicherheitsbehörden müssen so brutal gewesen sein, dass der Jurist und frühere UN-Chefankläger David Crane, der Folterbilder des syrischen Überläufers „Caesar“ sichtete, sie mit der Nazi-Herrschaft verglich. 2014 sprach er von „Tötungen auf industriellem Maßstab“ .

Der Organisation Amnesty International zufolge gab es in Saidnaja einen Raum mit 30 Schlingen, um Häftlinge zu erhängen, und nach Angaben der US-Regierung ein Krematorium neben dem Hauptgebäude, um Leichen zu verbrennen. Auch Weißhelme-Leiter Raid al-Saleh sagt, er und sein Team hätten Leichen in Öfen entdeckt.

Bis zum möglichen Tod in dem Komplex müssen Häftlinge unzählige weitere Tode gestorben sein. Überlebende und frühere Aufseher berichteten Amnesty International von einer Menschenpresse, bekannt als „fliegender Teppich“ , und der „Reifen“ -Methode, in der Opfer mit dem Kopf zwischen den Knien in einen Autoreifen gezwängt und dann geschlagen wurden. Häftlinge seien vergewaltigt und geprügelt worden, andere in Psychosen verfallen und in ihrer Zelle verstorben. Schon seit den 1970er Jahren existierten in Syrien Gefängnisse, in denen Oppositionelle verschwanden wie in schwarzen Löchern.

Überlebende kämpfen um Normalität- Freiheit nach Jahrzehnten in Haft

Die Assad-Regierung hatte die Vorwürfe als „haltlos“ und falsch bezeichnet. Menschenrechtler schätzten dennoch, dass allein zwischen 2011 und 2018 mehr als 30.000 Häftlinge in Saidnaja entweder hingerichtet wurden oder nach Folter, Verweigerung von ärztlicher Versorgung oder an den Folger von Hunger starben. Zivilschützer und Angehörige, die in diesen Tagen nach angeblich versteckten unterirdischen Zellen suchen, könnten noch weitere grauenvolle Entdeckungen machen.

Die Befreiten bemühen sich, im neuen Leben Fuß zu fassen. Suhail Hammuji wurde vor mehr als 30 Jahren verhaftet und verbrachte etwa die Hälfte der Zeit in Saidnaja. „Wir lebten Stunde für Stunde. Die größte Sorge war, am Leben zu bleiben“ , sagt er der dpa nach seiner Rückkehr in sein Heimatland Libanon. „Als ich ins Gefängnis kam, hatte ich einen zehn Monate alten Sohn. Mein Sohn ist jetzt, nach meiner Rückkehr, verheiratet, und ich bin ein Großvater.“

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