Politik

Bittere Wahrheiten: Europäischer Nato-Gipfel will mit Selenskyj reden

Europa zerbricht sich den Kopf über einen Ausweg aus Russlands Krieg gegen die Ukraine. Ein Bombardement aus Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen bringt das Land weiter in Bedrängnis.
13.12.2024 16:33
Lesezeit: 2 min
Bittere Wahrheiten: Europäischer Nato-Gipfel will mit Selenskyj reden
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, an vorderster Front, während er die vom Krieg betroffene Region Luhansk im Osten der Ukraine besucht. (Foto: dpa) Foto: Uncredited

Die führenden europäischen Nato-Staaten wollen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj über weitere Unterstützung für das von Russland angegriffene Land beraten. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Bündniskreisen lädt Nato-Generalsekretär Mark Rutte zu dem Treffen am kommenden Mittwoch (18.12.) in Brüssel ein. Dabei soll es auch um mögliche Sicherheitsgarantien für den Fall eines Waffenstillstands gehen.

Neben Selenskyj werden zu dem Ukraine-Gipfel Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sowie die Staats- und Regierungschefs von Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen in Brüssel erwartet. Zudem sollen Spitzenvertreter der EU wie Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen dabei sein.

Ein Thema soll demnach sein, wie ein möglicher künftiger Waffenstillstand in der Ukraine überwacht werden könnte. Als eine Option gilt dabei, eine internationale Friedenstruppe in der Ukraine zu stationieren.

Hintergrund der Überlegungen zu Sicherheitsgarantien ist das Szenario, dass Donald Trump als US-Präsident versuchen könnte, die Ukraine und Russland zu Verhandlungen zu drängen. Dafür könnte er beispielsweise der Ukraine androhen, im Fall einer Weigerung die Militärhilfe einzustellen. Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin wiederum könnte er drohen, die Militärhilfe für Kiew auszubauen, falls der Kremlchef sich Verhandlungen verweigern sollte.

Schwere Raketenschläge gegen Energieversorgung

Die Notwendigkeit eines Auswegs aus dem Krieg belegte ein weiterer schwerer Luftangriff, mit dem Russland die Ukraine am Freitagmorgen überzog und vor allem die Energieversorgung ins Visier nahm. Der staatliche ukrainische Energieversorger Ukrenerho und das private Unternehmen DTEK meldeten neue Schäden an ihren Kraftwerken. Es war nach Kiewer Zählung der zwölfte derartige Angriff in diesem Jahr.

Selenskyj teilte mit, es seien mehr als 90 russische Raketen auf Ziele in seinem Land abgefeuert worden. "Es gelang, 81 Raketen abzuschießen", schrieb er bei Telegram. Allein die aus dem Westen gelieferten Kampfflugzeuge F-16 hätten russische elf Marschflugkörper abgefangen. Vor der Raketenattacke am Morgen habe Russland über Nacht zudem knapp 200 Kampfdrohnen eingesetzt. "Das ist einer der größten Angriffe auf unser Energiesystem", schrieb der Staatschef. Nach Angaben des ukrainischen Militärs wurden vier Hyperschallraketen Kinschal von russischen Kampfjets MiG-31 aus gestartet.

In mehreren Regionen wurden vorsorglich Stromsperren eingeführt, um eventuellen Überlastungen des Netzes vorzubeugen. Wegen des Luftangriffs mussten die ukrainischen Atomkraftwerke zum wiederholten Mal ihre Leistung drosseln. Betroffen seien diesmal fünf von neun laufenden Reaktoren, teilte die Internationale Atomenergieorganisation IAEA in Wien im Netzwerk X mit. Starke Schwankungen der Spannung im Netz, Treffer auf Leitungen oder Umspannwerke bewirken, dass die Reaktoren gedrosselt werden müssen. Die IAEA warnt seit längerem davor, dass die Angriffe indirekt das Risiko von Zwischenfällen erhöhen.

Selenskyj bittet um Flugabwehr

Selenskyj erneuerte seine Aufrufe an die westlichen Verbündeten, mehr Flugabwehrsysteme zu liefern. Auch seien wirksamere Sanktionen gegen Russland nötig. "Erdöl gibt Putin ausreichend Geld, um an die eigene Straflosigkeit zu glauben", betonte der Präsident. Auf massive russische Angriffe müsse es eine massive Reaktion geben. "Nur so wird der Terror gestoppt", unterstrich Selenskyj.

Moskau wiederum nannte den Luftangriff die Reaktion auf einen Angriff der Ukraine mit angeblich westlichen Waffen. Es sei unter anderem um eine ukrainische Attacke auf einen russischen Militärflughafen in Taganrog vom Mittwoch gegangen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der russischen staatlichen Nachrichtenagentur Tass zufolge.

Das Verteidigungsministerium in Moskau schrieb bei Telegram, russische Streitkräfte hätten als Antwort einen massiven Schlag gegen die ukrainische Kraftstoff- und Energieinfrastruktur geführt. Diese versorge Militär und Industrie des Gegners.

Kreml: Planungen für Kriegsende zu früh

Zu der europäischen Diskussion über Auswege aus dem Krieg sagte der Kremlsprecher, es sei voreilig, über eine internationale Truppe zur Sicherung eines Waffenstillstands nachzudenken. "Das kann alles in Verhandlungen besprochen werden", sagte Peskow. Einstweilen sei aber - wie er es darstellte - nur Moskau gesprächsbereit, nicht die Ukraine.

Die Ukraine sei derzeit nicht stark genug für Verhandlungen mit Moskau, sagte der ukrainische Präsidialamtschef Andrij Jermak. "Heute sind wir noch nicht so weit. Uns fehlen Waffen, uns fehlt ein Status", sagte er am Donnerstag im ukrainischen TV. "Wir sprechen über eine Einladung in die Nato und klare Garantien, die sicherstellen würden, dass Putin nicht in zwei oder drei Jahren zurückkehrt."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Immobilien
Immobilien Mietrechtsreform: Die neue Indexmiete
02.07.2026

Ab 01. Juli 2026 tritt eine vom Kabinett beschlossene Mietrechtsreform in Kraft, welche die Rechte und Möglichkeiten von Mietern und...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street gibt in letzter Minute nach, trotz Warshs Inflationsoptimismus
01.07.2026

Überraschende Kehrtwende kurz vor Handelsschluss: Erfahren Sie, welche Faktoren die US-Märkte am Abend bewegten.

DWN
Politik
Politik Er war Bill Clintons engster Berater – nun sieht er eine einzigartige Möglichkeit, nach Trump die Macht zu übernehmen
01.07.2026

Doug Sosnik war einer der engsten Berater von Bill Clinton. Heute räumt er ein, dass die Demokraten den schleichenden Verlust ihrer...

DWN
Finanzen
Finanzen Wären Sie gern ein besserer Investor? KI kann helfen, doch Experten sind uneins, ob sie das sollte
01.07.2026

KI-Agenten analysieren Märkte, bauen Portfolios und führen teils schon selbstständig Trades aus. Doch während Broker eine neue...

DWN
Politik
Politik Ex-Kanzlerin Merkel leuchtet: Porträt für Kanzlergalerie enthüllt
01.07.2026

Mehrere Monate stand Angela Merkel in einem Atelier in Berlin-Mitte immer wieder Modell für ihr offizielles „Staatsporträt“. Es sei...

DWN
Politik
Politik AfD-Parteitag in Erfurt: GdP warnt vor Mangel an Einsatzkräften
01.07.2026

In Erfurt hält die AfD am kommenden Wochenende ihren Bundesparteitag ab. Laut Kopelke geht die Polizei in Thüringen von bis zu 50.000...

DWN
Finanzen
Finanzen Bargeld-Comeback: Läden in Schweden müssen Bargeld annehmen
01.07.2026

Schweden ist Vorreiter in Sachen bargeldlose Gesellschaft. Fast alles läuft über Karte oder Handy. Doch jetzt sollen zumindest manche...

DWN
Politik
Politik Neue Regeln für „Demokratie leben!“: Prien bezieht Verfassungsschutz ein
01.07.2026

Die Familienministerin hat neue Vorgaben für die Förderung von Initiativen gegen Extremismus und für Vielfalt entworfen. Dieses Jahr...