Wirtschaft

Ciao Biene: Italien nimmt traurig Abschied von der multifunktionalen Ape

Käfer, Ente und jetzt also auch die Biene: Von Europas Straßen verschwindet ein weiterer Klassiker. Künftig wird nur noch in Indien produziert. Für Nostalgiker gibt es aber etwas Trost.
05.01.2025 13:02
Lesezeit: 3 min
Ciao Biene: Italien nimmt traurig Abschied von der multifunktionalen Ape
Abschied von einer Legende: Die Ape, Italiens ikonischer Dreiradtransporter, verabschiedet sich aus Europa – ein Stück Mobilitätsgeschichte, das Generationen prägte. (Foto: dpa) Foto: Dirk Godder

Sie lärmt. Sie knattert, sie ächzt, sie schneckelt vor sich hin. Anders gesagt: Sie kann eine ziemliche Nervensäge sein. Was jeder bezeugen kann, der im Urlaub auch nur ein einziges Mal versucht hat, auf einer der engen italienischen Straßen an ihr vorbeizukommen. Und doch ist der Herzschmerz groß, wenn es in diesen Tagen heißt, von der Ape Abschied zu nehmen, Italiens legendärem Kleintransporter auf drei Rädern.

Zum Jahresende läuft im toskanischen Stammwerk des Herstellers Piaggio nach mehr als einem Dreivierteljahrhundert das letzte Modell vom Band. Künftig wird nur noch in Indien produziert - und auch nur noch für Asien und Afrika, nicht mehr für Europa. So schließt sich ein weiteres Kapitel Autogeschichte. Nach dem VW-Käfer und der Ente von Citroën erwischt es nun die Ape (auf Deutsch: Biene).

Vespa auf drei Rädern mit Kabine und Ladefläche

Die Zeiten, in denen Autos wie Tiere heißen, sind bald wohl endgültig Vergangenheit. Wobei: Auto ist ein großes Wort. Eigentlich war die Ape nur die Weiterentwicklung der Vespa (Wespe), des italienischen Motorrollers. Die erste Ape lief 1948 vom Band - zwei Jahre nachdem die erste Vespa herausgekommen war. Entwickelt wurde beides von Firmengründer Enrico Piaggio und dem Ingenieur Corradino D'Ascanio.

Im Grunde war die Ape ein Roller auf drei Rädern mit Fahrerkabine und Ladefläche. Die Idee, ein richtiges Lenkrad einzubauen, gab man bald wieder auf. Es blieb beim Lenker mit zwei Griffen: einer links, einer rechts. Der Komfort war gleich null. Zwei Klappfenster, kein Radio, keine Heizung, ein Motor von anfangs nur 50 Kubik. Mehr als Tempo 40 war nicht drin.

Ideal für die Arbeit auf den Feldern

Dafür konnte sie mehr als 200 Kilogramm Lasten transportieren - ideal für die Arbeit auf den Feldern, zwischen den Olivenbäumen oder in den Weinbergen und auch, um die Ware dann auf den Markt zu bringen. Die Ape war billig, schlicht und kaum kaputtzukriegen. Mehr brauchte es in den Nachkriegsjahren nicht. Der Autohistoriker Giorgio Sarti sagt: „Auto und Lastwagen waren zu teuer, gerade für kleine Unternehmen. Die Ape war die perfekte Lösung.“

Sie blieb das über Jahrzehnte. Mancherorts gehörte die Blechkiste praktisch zum Haus. Sie wurde über Generationen hinweg vererbt. Selbst eine Familie ließ sich in der Ape unterbringen, wenn auch engstens zusammen. Die Kinder fanden dann auf der Ladefläche Platz. Inzwischen liegt der Mindestpreis aber bei mehr als 7.000 Euro.

Heute noch Modelle aus den 1960ern

Vor allem in Italiens Süden sieht man heute noch Modelle aus den 1960er und 1970er Jahren, die zuverlässig ihre Dienste tun. Mit einigermaßen handwerklichem Geschick lässt sich die Ape reparieren. Immer wieder gab es sie auch in Sonderausstattungen: Der deutsche Papst Benedikt XVI. (1927-2022) bekam einst ein Apamobil ganz in weiß.

Aus Großstädten wie Rom oder Mailand ist die Ape inzwischen weitgehend verschwunden - meist findet man sie dort nur noch in der Nachbarschaft von Märkten. Gern wird sie jetzt aber zur Werbung benutzt. Und dann gibt es die Liebhabermodelle: ganz alte, sorgfältigst gepflegt, oder aufgemotzte Versionen.

„Das Schlimme ist, dass ein Stück italienischer Geschichte stirbt“

Die Tuning-Szene im Heimatland der Ape ist groß: tiefer gelegt, umlackiert oder mit leistungsstarken Motoren. Oder als fahrbarer Elektrogrill, als Espressobar und sogar als Openair-Kino mit kleiner Leinwand. Der Südtiroler Sascha Müller hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Er sagt: „Das Schlimme ist, dass ein Stück italienischer Geschichte stirbt.“

Die Zeitung „La Repubblica“ urteilte, dass die Ape perfekt zum italienischen Nationalcharakter zwischen Individualismus und Familiensinn passe. „Man fühlt sich im Fahrerhäuschen allein wohl, mit Ware oder Handwerkszeug im Rücken. Aber man fährt darin auch zu zweit, enger aneinander und mit einem Hauch von Intimität. Oder, allen Vorschriften und Sicherheitserwägungen zum Trotz, zum Feiern mit Freunden.“

Made in India - statt in Italy

Künftig baut Piaggio sein Dreirad jedoch nur noch in Indien - weil die Umweltauflagen der EU zu streng sind und wahrscheinlich auch, weil der Markt in Europa inzwischen zu klein. Im bevölkerungsreichsten Land der Welt mit seinen mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern wird die Ape bereits als Elektro-Modell hergestellt und auch mit einem Antrieb aus Erdgas. Heute schon machen die Italo-Transporter den Tuk-Tuks Konkurrenz.

In Italien trösten sie sich einstweilen damit, dass noch einige Hundert Restposten made in Italy verkauft werden. Und mit dem Wissen um den legendärsten aller italienischen Kleinwagen, den Fiat 500. Der klassische „Cinquecento“ wird schon seit 1975 nicht mehr gebaut, aber manchmal sieht man ihn auch heute noch auf den Straßen. Auch härteren Gestalten treibt das ein Lächeln ins Gesicht.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Staatlichen Wohnungsbaugesellschaft soll kommen: Koalition stoppt Enteignungspläne bei Mietwohnungen
02.07.2026

Die Bundesregierung will den Wohnungsbau ankurbeln und zugleich private Eigentümer vor Verstaatlichung schützen. Statt großer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bauern in Sorge: Hitze und Kosten belasten Weizenernte
02.07.2026

Deutschlands Bauern blicken mit Sorge auf die laufende Ernte. Nach der extremen Hitze im Juni drohen vor allem beim Weizen Einbußen bei...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Niederlage vor EuGH: Google muss EU-Rekordstrafe zahlen
02.07.2026

Warum sind bestimmte Google-Apps auf Android-Handys Standard? Der Tech-Gigant muss eine milliardenschwere Wettbewerbsstrafe der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Neues Halbleiterwerk von Infineon in Dresden schafft 1.000 Jobs
02.07.2026

Fünf Milliarden Euro, 1.000 Jobs und Chips für die KI-Revolution: Das ist die neue Infineon-Fabrik. Von einem Meilenstein für ein...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Betriebsprüfung: Wie digitale Steuerprozesse Unternehmen schützen
02.07.2026

Die Prüfungsanordnung kommt meistens ohne Vorwarnung. Wer dann digitale Belege in E-Mail-Postfächern zusammensuchen und mündliche...

DWN
Politik
Politik Reformpläne vorgestellt: "Kein großer Wurf", sondern ein "mutloser Hopser"
02.07.2026

Mini-Maßnahmen werden als "Reformpaket" verkauft - zu Lasten nicht nur der Arbeitnehmer. Und was soll die Abschaffung der telefonischen...

DWN
Finanzen
Finanzen Krypto-Investor Roman German: Das Bitcoin-Muster deutet auf das Ende der Abwärtsphase hin
02.07.2026

Nach Einschätzung des Krypto-Investors Roman German folgt Bitcoin weiterhin dem alten Vierjahreszyklus. Sollte sich das Muster...

DWN
Politik
Politik NATO-Rüstungsproduktion: Warum Europas Milliarden keine Raketen stoppen
02.07.2026

Die NATO gibt immer mehr Geld für Verteidigung aus, doch Europas Rüstungsindustrie kommt kaum hinterher. Beim Gipfel in Ankara zeigt sich...