Wirtschaft

Fachkräftemangel in Deutschland: Babyboomer gehen in Rente - wie füllen wir die Lücke?

Die deutsche Wirtschaft hat viele hausgemachte Probleme, aber ein großes Problem kommt unausweichlich auch auf das Land zu - die geburtenstarken und gut ausgebildeten Jahrgänge der Babyboomer verlassen den Arbeitsmarkt und können nicht in ausreichendem Maße von den nachfolgenden Jahrgängen ersetzt werden. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt auf, dass das deutsche Produktionspotenzial nur durch gezielte Migration aufrechterhalten werden kann.
30.07.2025 08:00
Lesezeit: 3 min
Fachkräftemangel in Deutschland: Babyboomer gehen in Rente - wie füllen wir die Lücke?
Der Fachkräftemangel in Deutschland: Migration und Qualifizierung als Lösungen für die Wirtschaft. (Foto: iStock.com/AnnaStills) Foto: AnnaStills

Der demografische Wandel in Deutschland setzt dem Arbeitsmarkt schwer zu. Die geburtenstarken Babyboomer verabschieden sich in die Rente und hinterlassen eine riesige Fachkräftelücke, die durch die jüngeren Jahrgänge nicht geschlossen werden kann. Dies wird das Produktions- und Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft stark gefährden. Wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) herausgearbeitet hat, wird sich das Problem nur durch eine gezielte Migration lösen lassen.

Nach den Berechnungen in der Studie würde das aktuelle Wachstumspotenzial von derzeit mageren 0,1 bis 0,4 Prozent sehr rasch auf null sinken, wenn die fehlenden Fachkräfte nicht durch Migration ersetzt würden. Um mittelfristig wieder ein Wachstumspotenzial von durchschnittlich 1,1 Prozent zu erreichen, müsste demnach eine Zuwanderung von Arbeitskräften in Höhe von 1,5 Millionen realisiert werden bis 2029. Durch die demografische Alterung der deutschen Erwerbsbevölkerung verliert der Arbeitsmarkt netto in den Jahren zwischen 2025 und 2029 jährlich ca. 300.000 Arbeitskräfte.

Inländisches zusätzliches Arbeitskräftepotenzial ist begrenzt

Diese Lücke kann durch das inländische Potenzial an Arbeitskräftereserven nicht geschlossen werden. Hier gibt es nach der Studie nur zwei Möglichkeiten, Reserven zu mobilisieren. Zum einen können Frauen noch stärker am Erwerbsleben teilnehmen und zum anderen können auch Berufstätige am Ende ihres Berufslebens noch weiter beschäftigt werden. Zwar hat die Berufstätigkeit von Frauen in den letzten Jahren stetig zugenommen, aber die Beschäftigungsquote liegt immer noch deutlich unter der von Männern, ferner üben viele Frauen auch nur Teilzeitbeschäftigungen aus.

Die Politik kann hier durch gezielte Maßnahmen, wie beispielsweise die Ausweitung der Kinderbetreuungskapazitäten, die Reform des Ehegattensplittings und die Schaffung von zusätzlichen Arbeitsanreizen für ältere Beschäftigte eine Grundlage schaffen, die zusätzliche inländische Beschäftigungspotenziale aktiviert. Dennoch werden auch diese Kapazitäten die Fachkräftelücke nicht schließen können. Deshalb wird eine gezielte Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte notwendig sein, um zukünftige Wachstumspotenziale für die deutsche Wirtschaft zu sichern, so die Studie weiter.

Mehr Erwerbsmigration durch das Fachkräfteeinwanderungsgesetz

Die Zuwanderung spielt im deutschen Arbeitsmarkt schon seit einiger Zeit eine bedeutende Rolle. Schon seit Anfang 2023 wird die Zunahme der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten nur durch ausländische Arbeitskräfte realisiert.

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, zuletzt 2023 reformiert, erleichtert qualifizierten Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. Es wurden Gehaltsschwellen gesenkt und neue Zugangswege wie die Chancenkarte eingeführt. Zudem ermöglicht eine Anerkennungspartnerschaft den Aufenthalt zur Durchführung von Qualifizierungsmaßnahmen.

Immer noch hohe Hürden bei der Einwanderung

In Befragungen ausländischer Fachkräfte, die ein Interesse an einer Erwerbsmigration nach Deutschland zeigen, wird jedoch deutlich, dass immer noch viele Hürden bei der Aufnahme einer Beschäftigung in Deutschland zu bewältigen sind. Neben bürokratischen Komplikationen in Bezug auf eine Visaerteilung und die Anerkennung ausländischer Abschlüsse wird dabei auch eine fehlende Unterstützung bei der Arbeitsplatzsuche aus dem Ausland heraus genannt. Das Erlernen der deutschen Sprache ist ein weiterer Hinderungsgrund für ausländische Fachkräfte, eine Beschäftigung in Deutschland aufzunehmen. Aber auch aus Unternehmensbefragungen zeigen sich Probleme bei der Rekrutierung von ausländischen Arbeitskräften. Sowohl rechtliche als auch bürokratische Hürden und die schwierige Einschätzung ausländischer Berufsqualifikationen halten viele Unternehmen davon ab, aktiv Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben.

Ausländische Fachkräfte muss Deutschland auch halten können

Um den Arbeitskräftebedarf durch ausländische Arbeitnehmer mittelfristig zu sichern, bedarf es aber noch weiterer Maßnahmen, denn auch die in Deutschland bereits arbeitenden Erwerbsmigranten haben mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen, die in vielen Fällen dazu führen, dass sie das Land auch wieder verlassen. Aus Befragungen von Erwerbsmigranten in Deutschland geht hervor, dass 56 Prozent der befragten Personen mit Diskriminierung zu kämpfen haben - im Alltag und bei der Wohnungssuche. Zudem gäbe es zu wenig Unterstützung bei der Jobsuche für den Lebenspartner. Durchschnittlich 838.000 ausländische Arbeitskräfte aus der EU und dem Rest der Welt haben in den Jahren 2015 bis 2023 Deutschland jährlich auch wieder verlassen. Hier müssten auch gezielte Maßnahmen ergriffen werden, um die Arbeitskräfte im Land zu halten.

Geflüchtete müssen qualifiziert werden

Auch die in Deutschland lebenden Flüchtlinge stellen mittelfristig ein wichtiges Potenzial für den heimischen Arbeitsmarkt dar. Diese nehmen im Schnitt deutlich später als die Erwerbsmigranten eine Arbeit in Deutschland auf. Sie kämpfen mit vorübergehenden Beschäftigungsverboten und langwierigen Asylverfahren, die erst einmal ihren Aufenthaltsstatus klären müssen. Hier könnten verkürzte Asylverfahren helfen, die im Jahr 2024 durchschnittlich 8,7 Monate dauerten. Durch die fehlende Vorbereitung auf einen Aufenthalt in Deutschland sind bei dieser Bevölkerungsgruppe auch kaum Deutschkenntnisse vorhanden. Ein ausreichendes Angebot an Sprachkursen ist hier besonders wichtig, ebenso wie eine Weiterqualifizierung. Aktuell arbeiten Flüchtlinge überproportional häufig in sogenannten Helferberufen. Die Nachfrage nach solchen Arbeitskräften wird nach der aktuellen Qualifikations- und Berufsprojektion (QuBE-Projekt) aber in den kommenden Jahren deutlich zurückgehen. Hier gilt es, durch Aus- und Weiterbildungen Flüchtlinge für die kommende Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu qualifizieren.

Trotz der wirtschaftlich angespannten Lage in Deutschland bestehen bereits heute große Fachkräftelücken in der Pflege, Sozialpädagogik, Kinderbetreuung und in technischen Berufen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Zinsentscheid: Warum die Notenbank plötzlich umschwenken könnte
29.04.2026

Die EZB steht vor einer heiklen Leitzinsentscheidung, die die Märkte nervös macht. Eine Zinserhöhung im Juni gilt plötzlich als...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bitumenpreis in Europa steigt: Iran-Krieg verteuert Straßenbau
29.04.2026

Der Iran-Krieg treibt den Bitumenpreis nach oben und verschärft die Kostenlage in Europas Bauwirtschaft. Wie stark können steigende...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland verliert Zuversicht: AfD nutzt Stimmungskrise
29.04.2026

Deutschlands Wirtschaft verliert erneut an Zuversicht, während schwache Konjunkturdaten und der Aufstieg der AfD den Druck auf die...

DWN
Politik
Politik Einkommensteuerreform: Merz offen für höhere Reichensteuer
29.04.2026

Die Regierung hat sich eine größere Einkommensteuerreform vorgenommen. Nach mehreren anderen Unionspolitikern signalisiert nun auch der...

DWN
Politik
Politik Gesundheitsreform auf dem Weg: Das sind die wichtigsten Änderungen
29.04.2026

Die Bundesregierung hat die Gesundheitsreform auf den Weg gebracht. Der Gesetzesentwurf bringt für Versicherte zahlreiche Änderungen –...

DWN
Panorama
Panorama Sommerurlaub 2026: Studie erwartet Kerosinknappheit und steigende Ticketpreise
29.04.2026

Allianz Trade warnt vor teuren Tickets und Kerosinzuschlägen: Iran-Krieg lässt Sorge vor Kerosin-Engpass wachsen. Fluggesellschaften...

DWN
Politik
Politik Deutsche Geburtenrate: Zahlen fallen auf historischen Tiefstand
29.04.2026

So wenige Babys wie seit 1946 nicht mehr: Die Geburtenzahl in Deutschland sinkt 2025 laut neuen Daten auf ein historisches Tief....

DWN
Finanzen
Finanzen Brutto-Netto-Rechner 2026: So berechnet sich Ihr Nettogehalt wirklich
29.04.2026

Ein Brutto-Netto-Rechner liefert in Sekunden verständlich und strukturiert, wie sich Ihr Nettogehalt zusammensetzt, welche Abzüge 2026...