Unternehmen

Umfrage: Mittelstand bleibt Deutschland treu – doch wie lange noch?

Trotz hoher Kosten, Bürokratie und Infrastrukturproblemen bleibt der Mittelstand Deutschland treu. Doch wie lange noch? Eine Umfrage der DZ Bank zeigt, was die nächste Bundesregierung ändern muss, damit der Standort attraktiv bleibt.
16.02.2025 11:03
Lesezeit: 3 min

Der Mittelstand zeigt sich standhaft: Knapp 80 Prozent der Unternehmen können sich laut einer Sonderbefragung der DZ Bank unter mehr als 1.000 Geschäftsführenden und Entscheidenden nicht vorstellen, Deutschland als Standort aufzugeben. Doch die Zufriedenheit mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nimmt rapide ab. Die Umfrage zeigt: Immer mehr Unternehmen bewerten die hiesigen Standortbedingungen kritisch. So ziehen acht Prozent eine Verlagerung einzelner Standorte ins Ausland in Betracht. Fünf Prozent denken gar darüber nach, ihren Hauptsitz komplett ins Ausland zu verlegen.

„Noch ist der Standort Deutschland beim Mittelstand gesetzt, aber nicht bedingungslos“, sagt Stefan Beismann, Leiter des Firmenkundenzentralbereichs der DZ Bank. Die Unternehmen seien zwar stark mit ihrer Region verwurzelt, doch viele seien flexibel genug, sich stärker international auszurichten, falls sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtere. Doch angesichts steigender Kosten und wachsender Bürokratie mehren sich Zweifel, ob das langfristig tragfähig ist.

KMU-Frust wegen hoher Energiekosten und Infrastrukturproblemen

Daher wächst die Unzufriedenheit bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU): Laut der Umfrage bewerten 62 Prozent der Befragten den Standort Deutschland nur noch als „befriedigend“ oder schlechter. Besonders schlecht schneidet die Bahn-Infrastruktur (Note 4,4) sowie die Effizienz und Digitalisierung der Behörden (Note 4,5) ab.

Auch die Planungssicherheit für Investitionen wird mit 3,3 nur als mäßig eingestuft. „Die schleppende Digitalisierung in der Verwaltung ist ein gravierendes Problem“, betont Beismann. Langwierige Genehmigungsverfahren und bürokratische Hürden bremsen Investitionen aus und machen Deutschland für Unternehmen weniger attraktiv.

Besonders energieintensive Branchen prüfen Alternativen

Einzelne Branchen denken bereits um. Vor allem in der Chemieindustrie ziehen 22 Prozent der Unternehmen eine Verlagerung ins Ausland in Betracht. Auch im Agrarsektor zeigt sich eine steigende Bereitschaft, Teile des Geschäfts in wirtschaftlich vorteilhaftere Regionen zu verlagern – 18 Prozent der befragten Unternehmen erwägen diesen Schritt.

„Die hohen Energiekosten sind für viele Unternehmen ein wesentlicher Faktor, der ihre Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland einschränkt“, heißt es in der Studie. Mehr als 60 Prozent der Befragten stufen die Energiekosten als „existenzielle Belastung“ ein. Besonders betroffen sind große Unternehmen: Fast 30 Prozent der Mittelständler mit einem Jahresumsatz von mehr als 50 Millionen Euro sind offen für eine Expansion ins Ausland.

Was Unternehmen jetzt brauchen

Angesichts dieser Entwicklungen wird der Ruf nach Reformen immer lauter. So fordern mehr als drei Viertel der befragten Mittelständler einen entschlossenen Bürokratieabbau, die Digitalisierung der Verwaltung und eine Modernisierung der Infrastruktur. Besonders bei Genehmigungsverfahren ist der Frust groß – 68 Prozent der Befragten sehen dringenden Verbesserungsbedarf.

„Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Wenn wir ihn halten wollen, müssen wir die Standortbedingungen verbessern“, mahnt Beismann. Dabei stehen steuerliche Entlastungen ganz oben auf der Wunschliste. 55 Prozent der Unternehmen fordern eine Reform der Unternehmensbesteuerung, um Investitionen und Innovationen zu erleichtern.

Auch der Fachkräftemangel bleibt ein zentrales Problem. 47 Prozent der Firmen sehen in qualifizierter Zuwanderung und einer besseren Verzahnung von Wirtschaft und Bildungssystem essenzielle Faktoren für die Zukunft. „Es braucht ein wirtschaftsfreundlicheres Klima, das Unternehmen nicht mit unnötiger Bürokratie ausbremst, sondern Wachstum ermöglicht“, so Beismann.

Finanzielle Belastungen und steuerliche Hürden

Auch die Steuer- und Abgabenlast sorgt für Unmut. Fast 60 Prozent der Unternehmen sehen hierin eine ernste Belastung. Die Unternehmensbesteuerung müsse überarbeitet werden, um Investitionen und Innovationen zu erleichtern. Beismann: „Deutschland braucht ein Steuerkonzept, das den Mittelstand entlastet und Investitionen anregt.“

Eine Reform der Gewerbesteuer sowie gezielte Erleichterungen für KMU könnten helfen, die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Fast 40 Prozent der Befragten befürchten, dass steigende Steuerlasten die wirtschaftliche Dynamik weiter ausbremsen.

Politische Verantwortung und die Bundestagswahl 2025

Dass sich mit dem Thema Mittelstand vortrefflich Wahlkampf machen lässt, haben längst auch die Parteien erkannt. So sprach etwa CDU-Chef Merz Anfang Februar auf einer CDU-Wahlveranstaltung in St. Ingbert von einer notwendigen „wirtschaftsfreundlicheren Politik“ und stellte Steuererleichterungen sowie einen konsequenten Bürokratieabbau in Aussicht.

Bundeswirtschaftsminister Habeck (Grüne) setzte im Juni 2024 im TV-Duell mit Merz bei Maybrit Illner einen anderen Schwerpunkt. Für ihn sei es entscheidend, „massiv in die Infrastruktur zu investieren, damit Unternehmen auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben“.

Und Bundeskanzler Scholz (SPD) wiederum verwies Anfang Februar in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau auf die Bedeutung gezielter Förderprogramme für den Mittelstand.Klar ist: Die kommende Bundesregierung steht unter Zugzwang, denn die Umfrage der DZ Bank zeigt, dass viele Unternehmen nach der Bundestagswahl auf entschlossenes Handeln der Politik bauen. „Die nächste Regierung muss ein wirtschaftsfreundliches Klima schaffen, das es den Unternehmen ermöglicht, sich weiterzuentwickeln, anstatt durch Bürokratie ausgebremst zu werden“, so Beismann. „Ohne Anreize für Investitionen und Innovationen wird der Standort Deutschland weiter an Attraktivität verlieren.”

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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