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Neue Pandemie der Kurzsichtigen: Augenärzte sprechen von einer Pandemie der Myopie

Warum Augenoptik ein Handwerk mit großer Zukunft ist: Um 2050 wird Prognosen zufolge die halbe Menschheit kurzsichtig sein. Epidemiologen sprechen von einer weltweiten Myopiepandemie. Aktuelle Präventionsstudien zeigen, wie der Anstieg der Bildschirmzeit während der Corona-Ausgangssperren die Myopie-Epidemie ausgelöst hat. Eine gewollte Pandemie? Fazit: Weg vom Bildschirm!
11.04.2025 14:01
Lesezeit: 5 min
Neue Pandemie der Kurzsichtigen: Augenärzte sprechen von einer Pandemie der Myopie
Myopiepandemie: In einer Studie aus Hongkong zeigt sich ein Anstieg bei den 6-Jährigen von 13 Prozent, die kurzsichtig waren, auf 25 Prozent nach den Lockdown-Maßnahmen. (Foto: iStock.com/Deagreez) Foto: Deagreez

Die Evolution hält nicht Schritt mit dem Tempo, in dem sich die digitale Welt entwickelt, sagt Augenoptikerin und Buchautorin Kerstin Herter in einem Interview der Deutsche Handwerks Zeitung. Der Sehsinn ist durch die digitale Welt gestresst. Die Folge: Milliarden kurzsichtige Menschen. In Asien sind quasi 80 Prozent der Schulabgänger schon in der Kurzsichtigkeit, in Europa fast 50 Prozent in dieser Altersklasse. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass im Jahr 2050 etwa die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein wird. Für das Augenoptiker-Handwerk goldene Zeiten.

Pandemie der Kurzsichtigen: Myopie – Mehr als nur ein Refraktionsfehler

Kurzsichtigkeit kann bei starker Ausprägung schwere, bis zur Erblindung führende pathologische Veränderungen im Auge bewirken. Dabei wären Präventivmaßnahmen denkbar einfach und galten schon früheren Generationen als Musterbeispiel eines gesunden (Augen-)Lifestyles.

Darauf weist Ken Nischal, Professor für pädiatrische Augenheilkunde, Professor für pädiatrische Augenheilkunde am Childrens Hospital der University of Pittsburgh, seine jungen Patientinnen und Patienten und deren Eltern regelmäßig hin. Denn eigentlich, so Nischal, habe seine Mutter alle heutigen Erkenntnisse der Wissenschaft vorweggenommen, als sie ihn als Kind ermahnte: „Lies nicht zu viel oder deine Augen werden schlecht. Arbeite nicht bei schwachem Licht oder deine Augen werden schlecht. Spiel draußen und deine Augen werden gut.“

Wie viele der auf Kinder spezialisierten Augenärzte ist Nischal besorgt wegen der rapide ansteigenden Prävalenz Myopie. „In den letzten Jahren hat Kurzsichtigkeit weltweit immens zugenommen und steigt weiter an“, so Nischal und fragt sich: „Wie kann man als Arzt einem kurzsichtigen Kind am besten helfen?“

Ursache: Deletärer Fokus auf die Nähe

Augenärzte sprechen schon lange von einer Pandemie der Myopie. In Ostasien hat deren Ausbreitung unter jungen Menschen erschreckende Ausmaße angenommen. In Tokio erwiesen sich bei der Untersuchung an 2 Schulen 77 % aller Kinder zwischen 6 und 11 Jahren sowie 95 % der Teenager zwischen 12 und 14 Jahren als kurzsichtig; das Gleiche trifft auf 96,5 % der 19-jährigen jungen Männer in Seoul zu.

Die Ursachen sind vielfältig. Ganz ohne Zweifel spielt die Genetik eine Rolle: Kurzsichtige Eltern haben überdurchschnittlich häufig auch kurzsichtige Kinder. Doch Lebensgewohnheiten scheinen einen stärkeren Einfluss auszuüben, allen voran Naharbeit und geringe Exposition gegenüber Sonnenlicht.

Je mehr Kinder auf die Nähe fokussieren – bei Schulaufgaben, beim Lesen, am Smartphone, am Laptop – desto größer ist ein auf das Auge ausgeübter Wachstumsstimulus für die Länge. Und ein langes Auge (mehr als 26 Millimeter) ist in aller Regel ein kurzsichtiges Auge. Das Auge spürt einen Defokus und reagiert mit Wachstum, erklärt Professor Chris Hammond, Leiter der Sektion Ophthalmologie am King’s College London: „In der Natur ist Kurzsichtigkeit sehr selten. Es gibt praktisch kein Tier, an dem man die Problematik studieren könnte.“

Kleine Kinder, so der Ophthalmologe, sind normalerweise eher etwas weitsichtig. Als zuverlässigster Prediktor einer späteren Kurzsichtigkeit gilt eine Refraktion von weniger als +0,75 Dioptrien im Alter von 6 Jahren. Kinder, die vor dem 10. Lebensjahr kurzsichtig werden, steuern in aller Regel auf eine hohe Myopie zu.

Risikofaktoren: Bildung und wirtschaftlicher Aufschwung

Seit mehr als 200 Jahren ist Bildung ein Risikofaktor für Myopie. Der Anstieg der Kurzsichtigkeit in Asien begann in den 1970er-Jahren sicher nicht zufällig zeitgleich mit dem wirtschaftlichen Aufschwung von Singapur, Taiwan, China und Südkorea. Mit dem Boom nahm die Freizeitgestaltung von Kindern und Jugendlichen eine andere Form an: hoher Lern- und Leistungsdruck mit vielen Schulaufgaben sowie anderer Naharbeit und weniger Zeit, die mit Spielen unter freiem Himmel verbracht wird.

Für Europa gibt es nicht derart detaillierte epidemiologische Daten; hier geht man von einer Häufigkeit der Myopien von zwischen 40 % und 50 % bei jungen Erwachsenen aus. Aber hierzulande ist ebenfalls über das 20. Jahrhundert die Parallelität des Anstiegs der Kurzsichtigkeit und des Zugangs breiterer Schichten zu höheren Bildung – und der damit verbundenen Lesetätigkeit in Kindheit und Jugend – auffallend.

Myopiepandemie: Der Lockdown ging ins Auge

Die gegen die COVID-19-Pandemie getroffenen Maßnahmen waren im Hinblick auf das Myopierisiko alles andere als hilfreich. In einer großen Studie in Hongkong mit mehr als 20 000 Teilnehmern zeigte sich ein Anstieg bei den 6-Jährigen von 13 %, die kurzsichtig waren, auf 25 % nach den Lockdown-Maßnahmen, die noch mehr Heim- oder Naharbeit und noch weniger Exposition gegenüber Tageslicht als ohnehin bedeuteten. Der als Screen Use bezeichnete Gebrauch von elektronischen Geräten war in dieser Altersgruppe während des Lockdowns von durchschnittlich 2 Stunden am Tag auf fast 7 Stunden angestiegen.

Für den Smartphone-Gebrauch wurde ermittelt: je mehr Episoden mit mindestens 20 Minuten ununterbrochenen Fixierens auf den Screen, umso eher waren die Kinder myop. Bei wenig Outdoorzeit war dieser Effekt besonders ausgeprägt. Einen wichtigen Nebenbefund zum Thema Bildschirmzeit offenbart die Ireland Eye Study: Hier fand man bei Kindern nicht nur eine Assoziation dieser Form der Freizeitgestaltung mit Myopie, sondern auch mit Adipositas.

Kurzsichtigkeit wird längst nicht mehr „nur“ als ein Brechungsfehler des Auges angesehen, als ein optischer Lapsus, bei dem der Augapfel relativ zu lang ist und der Fokus des wahrgenommenen Bildes vor der Netzhaut liegt. Das allein, das unscharfe Sehen von weiter entfernten Objekten, wäre mit einer Brille oder mit Kontaktlinsen zu beheben. Heute indes gilt Kurzsichtigkeit als eine Krankheit: vor allem eine hohe Myopie – definiert als ≥ 6 Dioptrien – kann eine Reihe von Komplikationen nach sich ziehen, die das Sehvermögen gefährden.

Präventionsansatz: Erste Studie mit Atropin

Die meiste Aufmerksamkeit hat in der jüngeren Vergangenheit ein pharmakologischer Präventionsansatz generiert: die Applikation von Atropin-Augentropfen. Die hat gegenwärtig laut Professor Marcus Ang vom National Eye Centre in Singapur zur Verlangsamung der Myopieprogression die stärkste Evidenz. Für ihn sind effektive Maßnahmen zwingend geboten; er nennt den ostasiatischen Staat „das Epicenter der Pandemie“.

Ablation der Netzhaut bei Myopia magna: Kurzsichtige haben ein vielfach höheres Risiko einer Amotio retinae; hier ist die Netzhaut bis auf einen kleinen Rest in der rechten Bildhälfte und außerdem unten abgelöst. Foto: Universitätsaugenklinik Düsseldorf, Prof. Dr. med. R. Guthoff

Wie das pupillenerweiternde Mydriatikum Atropin die Myopieentwicklung abbremst, ist nicht genau verstanden. Nebenwirkungen sind hohe Lichtempfindlichkeit und verschwommenes Sehen auf kurze Distanzen, was bei Konzentrationen von 0,05 %–0,1 % deutlich wird. Daher hat sich die 0,01%ige Lösung des Wirkstoffs als am ehesten praktikabel herauskristallisiert.

In dieser Studie zeigte sich erneut der auch in asiatischen Studien beschriebene Negativ-Einfluss der Lockdown-Maßnahmen während der COVID-19-Pandemie, der jedwede Prophylaxe zur Eindämmung der Progression konterkarierte. Bei den besonders von diesen Einschränkungen betroffenen Kindern hob die verringerte Zeit unter freiem Himmel (outdoors) den sehr bescheidenen Effekt der Atropin-Tropfen vollständig auf.

Therapie all in one: Outdoor

Die einfachste und kostengünstigste Prävention besteht nach bisherigen Kenntnisstand darin, Kindern mehr Zeit zum Aufenthalt und zum Spielen unter freiem Himmel zu gewähren. Outdooraktivität ist protektiv – selbst bei Kindern, die viel lesen: Chinesischstämmige Kinder in Sydney (6–7 Jahre) verbrachten im Schnitt 13,7 Stunden täglich unter freiem Himmel; chinesischstämmige Kinder in Singapur nur 3,3 Stunden; andere Einflussfaktoren waren gleich, etwa der Anteil kurzsichtiger Eltern oder derjenige der auf Bildung beharrenden „Tiger Moms“. Den Unterschied machte allein die Zeit im Freien: Der Anteil der Kurzsichtigen lag im australischen Kollektiv bei 3,3 %, in Singapur bei knapp 30 %.

In China werden neue Schulgebäude inzwischen mit Glasdächern ausgestattet, um eine Sonnenlichtexposition zu gewährleisten; wo es praktikabel ist, gibt es auch schon Versuche mit Freiluftunterricht.

Fazit: Zwei Stunden outdoor pro Tag werden heute als Prophylaktikum empfohlen – was 6-jährige Kinder in Europa nach einer niederländischen Studie allenfalls im Frühling oder Winter schaffen. Ein Ratschlag von europäischen pädiatrischen Ophthalmologen für Eltern und Kinder lautet: nach jeweils 20 Minuten Naharbeit mindestens für 20 Sekunden in die Ferne blicken und mindestens 2 Stunden täglich unter freiem Himmel verbringen. Dies wird als „20–20–2-Regel“ propagiert – als ein milder und nebenwirkungsfreier Schritt gegen Myopi, empfiehlt Dr. med. Ronald D. Gerste, Historiker, Publizist und Augenarzt. Er lebt in der Nähe von Washington, D.C.

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Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

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