Wirtschaft

Insolvenzwelle trotz Krankenhausreform: Das Kliniksterben auf Ansage hat begonnen und hört nicht auf

Nicht nur die Wirtschaft stirbt, auch Deutschlands Krankenhäuser schreiben rote Zahlen. Die Gründe: Lauterbachs Krankenhausreform, chronische Unterfinanzierung, steigende Lohn- und Energiekosten sowie ein fehlender Inflationsausgleich. Ohne finanzielle Rettung stehen viele Versorgungsstandorte vor dem Aus. Firmen können abwandern, Kliniken sterben. Droht bald der Versorgungskollaps?
04.03.2025 13:03
Lesezeit: 4 min
Insolvenzwelle trotz Krankenhausreform: Das Kliniksterben auf Ansage hat begonnen und hört nicht auf
Kliniken in der Krise: Lauterbachs Krankenhausreform unter der Ampelkoalition sollte finanzielle Stabilität bringen, doch etliche Kliniken stehen deutschlandweit vor dem Aus. (Foto: dpa) Foto: Kay Nietfeld

Eine Krankenhausreform ist unvermeidlich: " In zehn Jahren spätestens gibt es ein paar Hundert Krankenhäuser weniger", so der immer noch amtierende Gesundheitsminister Karl Lauterbach über die Klinikreform. Details waren noch unklar, jetzt ist klar zahlreiche Kliniken schließen.

Pleitewelle: Deutschlandweites Kliniksterben

Zwischen 2020 und 2024 meldeten in Deutschland 88 Krankenhäuser und Kliniken Insolvenz an – ein dramatischer Anstieg im Vergleich zu früheren Jahren: 2024 waren es 23 Insolvenzen, 2023 sogar 34. 2018 und 2019 wurden jeweils nur 10 Insolvenzen registriert. 369 Standorte wurden geschlossen. „Dass Krankenhäuser pleitegehen, war früher nahezu ausgeschlossen. Doch in jüngster Zeit häufen sich die Insolvenzen. Dies zeigt die akute finanzielle Notlage des gesamten Sektors“, erklärt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung.

Die Zahlen der Deutschen Krankenhausgesellschaft sind noch alarmierender: 2024 waren bereits 80 Prozent der Kliniken defizitär und somit könnte bis zu 100 weiteren Kliniken die Insolvenz drohen. Bereits 2023 kündigte eine repräsentative Befragung des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) an, dass 78 Prozent der Krankenhäuser im Minus zu stehen. Aktuellere Zahlen sind noch nicht erfasst. Seitdem häufen sich die Meldungen, weitere Insolvenzanträge in ganz Deutschland. Die Krankenhausreform der Ampelkoalition soll finanzielle Stabilität bringen, doch viele Kliniken stehen deutschlandweit dennoch vor dem Aus.

Ende 2023 musste die Klinik in Neuendettelsau im Landkreis Ansbach schließen. Das Defizit von mehreren Millionen Euro war zu hoch geworden. 1854 von einem Pfarrer gegründet, wurde das Diakonissenhaus zu einem der größten Sozial- und Gesundheitsunternehmen Deutschlands, mit rund 10.000 Beschäftigten. Das Krankenhaus in Bayern ist nur eines von mehreren Beispielen für Kliniken in Deutschland, die rote Zahlen schreiben oder sogar schließen müssen. Auch in Sachsen kämpfen 57 von 76 Krankenhäusern mit massiven finanziellen Problemen. Die Muldentalkliniken haben bereits Insolvenz angemeldet.

Sachsen: Muldentalkliniken sollen verkauft werden

Der Landkreis Leipzig war vor anderthalb Jahren mit zehn Millionen Euro eingesprungen, um den Weiterbetrieb an den Standorten in Grimma und Wurzen zu sichern. Danach war ein Notverkauf beschlossen worden. Die Verhandlungen mit der Sana-Kliniken AG waren ins Stocken geraten. Als Streitpunkt gilt unter anderem ein geforderter Lohnverzicht.

„Das ist leider kein Einzelfall. Wir sehen, dass immer mehr Krankenhäuser in die roten Zahlen rutschen“, sagt Ronny Kupke (BSW), der Vorsitzende des Sozialausschusses im Landtag. Kupke spricht von einem dringenden Handlungsbedarf. Er kann sich vorstellen, dass für die Muldentalkliniken auch eine Landesbürgschaft geprüft wird. Darüber hinaus bestehe ein immenser Investitionsbedarf in den sächsischen Krankenhäusern, der auf Versäumnisse der vergangenen Jahre zurückzuführen sei, kritisiert der Gesundheitspolitiker: „Es geht hier um die medizinische Versorgung der Menschen.“

In Sachsen hatte 2022 bereits die Paracelsus-Klinik in Reichenbach (Vogtland) Insolvenz anmelden müssen. Aktuell läuft für das Erzgebirgsklinikum mit seinen Häusern in Annaberg-Buchholz, Stollberg, Zschopau und Olbernhau ein Insolvenzverfahren.

Sozialministerin will Investitionen zum Schwerpunkt machen

Die jüngsten Zahlen würden „die akute finanzielle Notlage des gesamten Sektors“ zeigen, erklärt der Leiter der Creditreform-Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch. Als Ursachen werden höhere Preise für Energie, Medikamente und Personal genannt. „Alle aktuell vorhandenen Standorte werden für die medizinische Versorgung gebraucht“, stellt Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) am Mittwoch klar. Der Freistaat verfüge bislang über eine gute Krankenhauslandschaft, „wenn auch sämtliche Strukturen auf lange Sicht nicht genauso bestehen bleiben können, wie sie jetzt sind“.

Auch Köpping verweist unter anderem auf gestiegene Energiepreise und die Inflation, die den Kliniken schwer zusetzen. „Deshalb brauchen wir die Unterstützung des Bundes. Das ist auch eine Aufgabe für die neue Regierung“, fordert die Sozialministerin. Im Freistaat setze sie sich dafür ein, „dass die Krankenhausinvestitionen ein Schwerpunkt im neuen Doppelhaushalt werden“.

Die sächsischen Kliniken beziffern den Investitionsstau in einem mittleren dreistelligen Millionenbereich. „Das Land muss endlich die Finanzierung verdoppeln, um so auch die langjährige Unterfinanzierung zu beenden“, sagt KGS-Geschäftsführer München. Für die Muldentalkliniken könne der geplante Trägerwechsel die Standorte sichern, meint er: „Notwendige Strukturveränderungen müssen aber vom Land mit finanziellen Mitteln begleitet werden.“

Lauterbach: „Wir werden alle Krankenhäuser retten, die wir benötigen.“

Die Krankenhausreform der Ampelkoalition soll finanzielle Stabilität bringen. Im April 2024 teilte der Gesundheitsminister dazu mit: „Ich möchte, dass die benötigten Krankenhäuser gerettet werde und dass wir gleichzeitig eine bessere Behandlungsqualität bei den großen, schweren Erkrankungen im Vergleich zum Status quo hinbekommen. Das ist für mich als Arzt eine Herzensangelegenheit.“

Organisationsaufbau, die Finanzierung und das Leistungsspektrum der Krankenhäuser in Deutschland sollen nach Lauterbachs Plänen grundlegend verändert werden, um eine bessere Versorgung der Bevölkerung zu erreichen. Dafür sollen vor allem die Fallpauschalen pro Patient abgesenkt werden – um stolze 40 Prozent. Lauterbach meint, das lindere den Druck, immer mehr Patienten behandeln zu müssen, nur um möglichst rentabel zu arbeiten. Die Einschnitte gefährden zwar das Gefüge der Kliniken bundesweit, das sei aber beabsichtigt. Große Häuser werden von Lauterbach favorisiert, die kleinen Kliniken sind aus seiner Sicht entbehrlich. Mit anderen Worten: Häuser, die medizinisch nicht erste Wahl sind, machen dicht oder Pleite.

Fazit: Das Kliniksterben in Deutschland ist ein ernstes Problem, das sowohl gesundheitspolitische als auch soziale Folgen hat. Durch Krankenhausstrukturbereinigungen werden immer mehr Kliniken geschlossen, fusioniert, verlagert oder privatisiert. Dies führt zu einer Verschlechterung der medizinischen Versorgung, einer Zunahme der regionalen Ungleichheit und einer Schwächung des öffentlichen Gesundheitswesens. Die Landesregierungen und der Bund haben es versäumt, rechtzeitig gegenzusteuern. Inzwischen geht das Krankenhaussterben weiter, wie eine eigene Homepage Kliniksterben schonungslos und chronologisch aufzeigt.

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Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

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