Panorama

Gesundheitsversorgung: Praxisnachfolge gesucht - Kapazitäten angespannt

Eine breite Versorgung in der Nähe ist für Millionen Menschen wichtig. Das Netz der niedergelassenen Medizinerinnen und Mediziner ist aber nicht überall gleich eng – und bald kommen Ruhestandswellen. Patientenschützer fordern gezieltere Praxis-Ansiedlungen.
28.03.2025 07:42
Lesezeit: 3 min

Die Zahl der Praxisärzte in Deutschland nimmt weiter zu – die Behandlungskapazitäten für die Patienten bleiben aber oft angespannt und regional unterschiedlich. Ende vergangenen Jahres waren 189.551 Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Kassenzulassung tätig. Das sind 2.110 mehr als Ende 2023.

Das „Praxenland“ steht unter Druck

Zugleich stieg jedoch der Anteil der Mediziner mit Teilzeitbeschäftigung von durchschnittlich 35,8 Prozent auf 37,9 Prozent. Das geht aus einer Auswertung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hervor, die der DPA vorliegt.

KBV-Chef Andreas Gassen sagte: „Noch ist Deutschland Praxenland.“ Doch klar sei auch: „Die Ressource Arztpraxis ist kein Selbstläufer, und die Ressource Arztzeit bleibt ein knappes Gut.“ Immer mehr junge Medizinerinnen und Mediziner entschieden sich für eine Anstellung statt einer eigenen Praxis oder für Arbeit in Teilzeit.

Das führt dazu, dass die Zahl der Ärzte stärker steigt als die tatsächliche Behandlungskapazität. Denn einen vollen Arztsitz zur Versorgung gesetzlich Versicherter können sich zum Beispiel auch zwei Ärztinnen teilen.

Ärztedichte nicht überall gleich hoch

Das Angebot unterscheidet sich weiterhin je nach Region. Bundesweit am dichtesten ist das Netz in Heidelberg mit 413,5 Ärzten und Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner, wie aus den Daten des Bundesarztregisters mit Stichtag 31. Dezember 2024 hervorgeht.

Am wenigsten niedergelassene Medizinerinnen und Mediziner in diesem Verhältnis gibt es mit 88,4 im Landkreis Coburg in Bayern. Auf Länderebene liegt Hamburg mit 310,3 an der Spitze, Schlusslicht ist Brandenburg mit 201,3 Ärzten und Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner.

Zur Gesundheitsversorgung in den Regionen tragen die Praxen der Kassenärzte aber nicht alleine bei. Hinzu kommen Krankenhäuser oder Physiotherapeuten, Logopäden und andere Heilberufler. Oft nutzen Patienten und Patientinnen aus ländlichen Gegenden Praxen in nahen Ballungsräumen. Und konkret kommt es auch darauf an, wie weit entfernt bestimmte Praxen liegen und wie gut die Anbindung mit Bussen und Bahnen dorthin ist.

Hausärzte stabilisiert – aber mehr Ältere

Bei Hausarztpraxen als wichtigen ersten Anlaufstellen hat sich die Entwicklung weiter etwas stabilisiert, wie aus den Daten hervorgeht. Schon Ende 2023 war erstmals seit längerem kein Rückgang mehr verzeichnet worden. Mit Stand Ende 2024 stieg die Zahl der Hausärztinnen und Hausärzte weiter um 308 auf 55.435 und die Zahl der vollen Hausarztsitze um 47 auf 51.437. Allerdings hatte es zehn Jahre zuvor noch 551 volle Hausarztsitze mehr gegeben.

Außerdem zeichnet sich schon seit längerem eine Ruhestandswelle ab, und das heißt vor allem in ländlichen Gebieten: Praxisnachfolge dringend gesucht. Der Altersschnitt bei Hausärzten liegt mit 55,1 Jahren etwas über dem aller Ärzte mit 54,5 Jahren.

Vor allem im Westen der Republik ist der Handlungsbedarf dringlicher: In Rheinland-Pfalz sind 21,3 Prozent der Hausärzte über 65 Jahre alt, in der Region Westfalen-Lippe 19,2 Prozent, im Saarland 18,8 Prozent – in Mecklenburg-Vorpommern dagegen 8,3 Prozent und in Sachsen 9,7 Prozent.

Ärztinnen holen auf

Frauen sind in den Praxen weiter auf dem Vormarsch. Psychotherapeutinnen und Ärztinnen kommen zusammengenommen auf 52,4 Prozent, nachdem sie 2022 erstmals die 50-Prozent-Marke überschritten hatten. Betrachtet man nur Ärztinnen, stieg ihr Anteil auf 46,7 Prozent.

Dabei gilt: je jünger, desto weiblicher. Bis zur Schwelle von 39 Jahren kommen Ärztinnen auf einen Anteil von 57,2 Prozent und zwischen 40 und 49 Jahren auf 55,6 Prozent. Bei den Über-65-Jährigen gibt es noch mehr als 70 Prozent männliche Ärzte.

Regional betrachtet ist der Anteil der Ärztinnen und Psychotherapeutinnen in den östlichen Bundesländern höher – sie sind dort überall in der Mehrheit. Am höchsten ist der Frauenanteil im Land Berlin mit 59,7 Prozent. Bundesweit in der Mehrzahl im Vergleich zu den männlichen Kollegen sind unter anderem Augenärztinnen (50,3 Prozent) und Hausärztinnen (50,5 Prozent).

Was bringt die neue Regierung?

Kassenärzte-Chef Gassen machte angesichts der Koalitionsverhandlungen von Union und SPD klar, dass es auf die Rahmenbedingungen ankommt, um das Netz zu erhalten. „Die nächste Bundesregierung wird sich daran messen lassen müssen, inwiefern sie die inhabergeführte Praxis wieder attraktiver macht.“ Ein Regieren an den Niedergelassenen vorbei, könne man sich nicht mehr leisten.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte neben einer großen Krankenhausreform auf den letzten Metern noch ein Gesetz ins Ziel gebracht, das Hausärzten finanzielle Anreize und Vereinfachungen bringt. Das soll den Beruf angesichts von 5.000 unbesetzten Hausarztsitzen attraktiver machen und dazu beitragen, dass Kassenpatienten einfacher an Termine kommen.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz erklärte, es mangele keinesfalls an ambulant arbeitenden Ärztinnen und Ärzten. „Was jedoch grundsätzlich fehlt, ist eine bedarfsgerechte Steuerung der medizinischen Niederlassungen“, sagte Vorstand Eugen Brysch. Darunter leide der ländliche Raum. Nötig sei auch, die „Rosinenpickerei“ in lukrativen, überversorgten Gebieten endlich zu beenden.

In den Koalitionsverhandlungen, bei denen Lauterbach dabei ist, stehen noch konkrete Klärungen an. Denn im schwarz-roten Sondierungspapier als Grundlage heißt es nur allgemein: „Die Gesundheitsversorgung muss für alle gesichert bleiben.“

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