Wirtschaft

Trumps Zölle haben sich trotz Rückzug versechsfacht: Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman warnt

Die vermeintliche Entspannung auf dem globalen Handelsparkett nach der Ankündigung von Donald Trump, seine Zollerhöhungen temporär auszusetzen, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als gefährliche Illusion. Während die Börsen weltweit euphorisch reagierten, zeigt eine detaillierte Analyse: Die durchschnittliche Zollbelastung auf US-Importe ist heute höher als zu jedem Zeitpunkt der letzten neun Jahrzehnte – trotz Trumps angeblichem Rückzug.
11.04.2025 12:38
Aktualisiert: 11.04.2025 14:08
Lesezeit: 2 min
Trumps Zölle haben sich trotz Rückzug versechsfacht: Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman warnt
Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman warnt: „Wir sind vom Feuer direkt in die Bratenpfanne gesprungen.“ (Foto: dpa) Foto: Pantelis Saitas

Trumps Zollpolitik: Rückzug in der Rhetorik, Eskalation in der Realität

Der renommierte Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman liefert auf der unabhängigen Plattform Bluesky eine erschreckende Berechnung: Der durchschnittliche US-Zollsatz liegt derzeit bei über 19 Prozent – und damit auf einem Niveau, das zuletzt während der Großen Depression unter dem berüchtigten Smoot-Hawley-Zollgesetz von 1930 erreicht wurde. Dieses Gesetz hatte damals eine globale Spirale aus Handelskrieg und Wirtschaftskollaps ausgelöst.

Ein Rückzug nur auf dem Papier

Die Zahlen entlarven Trumps jüngste Ankündigung als PR-Manöver. Zwar wurde ein allgemeiner Strafzoll von 50 Prozent für viele Länder vorübergehend auf 10 Prozent gesenkt, doch gleichzeitig wurden auf chinesische Importe Zölle von bis zu 125 Prozent eingeführt – mit der Möglichkeit einer weiteren Erhöhung auf 145 Prozent, wie das Weiße Haus in einer vagen Mitteilung suggerierte.

„Wer glaubt, dass die USA zu einem offenen Markt zurückgekehrt sind, irrt gewaltig“, schreibt Krugman. „Wir erleben derzeit nicht das Ende einer protektionistischen Welle, sondern ihren strukturellen Ausbau.“

Der wirtschaftliche Preis einer neuen Isolation

China machte im vergangenen Jahr rund 13 Prozent der US-Importe aus. Die drastische Zollbelastung auf chinesische Produkte hebt den gesamten Durchschnitt auf ein Niveau, das ökonomisch höchst gefährlich ist. Krugman rechnet unter Berücksichtigung von Preissteigerungen und rückläufigem Importvolumen mit einem effektiven Zollsatz von 19,2 Prozent – das Sechsfache des Niveaus vor Trumps Amtsantritt.

„Mit anderen Worten: Wir sind vom Feuer direkt in die Bratenpfanne gesprungen“, warnt Krugman. Denn selbst wenn die Märkte kurzzeitig aufatmen, sei der langfristige Schaden bereits angerichtet: „Die USA haben sich durch ihre eigene Politik wirtschaftlich isoliert – das wird sowohl geopolitisch als auch handelsstrategisch noch auf Jahrzehnte nachwirken.“

Ein Rückfall ins 20. Jahrhundert

Historisch betrachtet markiert die derzeitige Zollstruktur einen dramatischen Rückschritt. Nach jahrzehntelanger Handelsliberalisierung und globaler Integration, die mit der Gründung der WTO und zahlreichen Freihandelsabkommen vorangetrieben wurde, wirken die aktuellen US-Maßnahmen wie eine Rückkehr in eine wirtschaftsnationalistische Ära, die man in der westlichen Welt längst überwunden glaubte.

Europa im Dilemma

Für Europa bedeutet diese Entwicklung eine zusätzliche Herausforderung. Einerseits droht der europäische Exportsektor unter den protektionistischen Maßnahmen der USA zu leiden. Andererseits besteht die Gefahr, dass die EU durch eine zu weiche Haltung ihre eigenen strategischen Industrien aufs Spiel setzt. Eine Antwort aus Brüssel? Bisher Fehlanzeige.

Fazit: Der Preis des Populismus

Die Investoren jubeln, doch der strukturelle Schaden bleibt. Donald Trumps Zollpolitik – auch in ihrer vermeintlich abgeschwächten Form – hat die USA zu einem der am stärksten abgeschotteten Industrieländer der Welt gemacht. Die Folgen werden sich nicht nur in Handelsbilanzen zeigen, sondern auch in geopolitischen Machtverschiebungen. Was als Versuch begann, „Amerika wieder groß zu machen“, könnte am Ende eine Ära globaler Unsicherheit und ökonomischer Fragmentierung einläuten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Goldgedeckte Digitalwährungen als Brücke zwischen Sachwerten und Finanztechnologie

Steigende Inflation, geopolitische Unsicherheiten und die fortschreitende Digitalisierung verändern die Anforderungen an moderne Formen...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Recht auf Homeoffice? Warum Homeoffice kein Allheilmittel ist
21.06.2026

Politik und Experten fordern in Deutschland ein Recht auf Homeoffice, etwa um Beschäftigte wegen der gestiegenen Energiepreise zu...

DWN
Politik
Politik Die Hälfte der Gelder aus Brüssel geht auf dem Weg zum Landwirt verloren
21.06.2026

Der slowenische Agrarunternehmer Aleš Hvalc kritisiert Bürokratie, schwache Genossenschaften und eine Agrarpolitik, bei der zu wenig Geld...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnungsmarktkrise: Warum Deutschland falsch baut
21.06.2026

Eine neue Studie zeigt: In Städten sind Wohnungen knapp, doch gebaut wird oft auf dem Land – und meist zu groß. Wie sich das...

DWN
Technologie
Technologie Elon Musks KI zerstörte in einem Experiment die Welt innerhalb von vier Tagen
21.06.2026

Das Forschungslabor für künstliche Intelligenz Emergence AI führte ein 15-tägiges Experiment durch, bei dem gängige KI-Modelle eine...

DWN
Panorama
Panorama Last Minute buchen: Wo Urlauber jetzt noch sparen können
20.06.2026

Kurzentschlossene setzen auch in diesem Sommer auf Last-Minute-Angebote. Doch der Reisemarkt hat sich verändert: Nicht jede spontane...

DWN
Technologie
Technologie KI-Pionier Bengio: „Wir können die Vorteile nutzen, ohne die Katastrophe zu riskieren“
20.06.2026

Yoshua Bengio ist ein kanadischer Informatiker, der bekannt wurde durch seine Forschung zu künstlichen neuronalen Netzen und Deep...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiewende: Milliardenauftrag für Windstrom-Plattform geht nach Rostock
20.06.2026

Für die Anbindung von Windparks auf See an Stromleitungen an Land sind Konverter notwendig. Warum der Milliardenauftrag des Netzbetreibers...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Die 7 gefährlichsten Bürokratiefallen für Mittelständler: So hebeln Sie sie aus
20.06.2026

Immer neue Regeln, Formulare und Dokumentationspflichten treiben Mittelständler an ihre Grenzen – oft weit stärker als große Konzerne....