Unternehmensporträt

Kunstmarkt: Familienangelegenheiten im Auktionshaus Lempertz - und was Unternehmer davon lernen können

Lempertz in Köln ist das älteste Auktionshaus der Welt in Familienbesitz. Isabel Apiarius-Hanstein leitet es in sechster Generation. Erst auf Umwegen hat sie ins Familienunternehmen gefunden. Heute schwärmt sie vom Gefühl, bei einer Auktion am Pult zu stehen und den Hammer fallen zu lassen.
09.05.2025 16:45
Lesezeit: 4 min
Kunstmarkt: Familienangelegenheiten im Auktionshaus Lempertz - und was Unternehmer davon lernen können
Das Auktionshaus Lempertz ist das älteste Versteigerungsunternehmen der Welt in Familienbesitz (Foto: Kunsthaus Lempertz).

Wenn Isabel Apiarius-Hanstein an die Urlaube ihrer Kindheit zurückdenkt, dann fallen ihr unweigerlich die zahlreichen Besuche von Kirchen und Kathedralen ein, von Künstlern in ihren Ateliers und Kunden in ihren Häusern. „Egal wo wir waren, es gab für mich kein Entkommen. Kunst ist nun mal die Passion meiner Eltern“, erzählt Isabel Apiarius-Hanstein.

Viele Jahre später – auf eine Phase der Rebellion folgte eine Phase der Erkenntnis – ist Isabel Apiarius-Hanstein von der Leidenschaft für Kunst erfüllt wie ihre Eltern und Generationen davor. „Ich habe meinen Weg zur Kunst zurückgefunden“, sagt sie.

Gemeinsam mit ihrem Vater leitet Isabel Apiarius-Hanstein das älteste Versteigerungsunternehmen der Welt in Familienbesitz, das Kunsthaus Lempertz in Köln. Die Ursprünge reichen zurück bis ins Jahr 1798. Mit einem Umsatz von 57,08 Millionen Euro im vergangenen Jahr gehört das Auktionshaus mit Hauptsitz in Köln und Standorten in Berlin und Brüssel zu den erfolgreichsten in Deutschland. Hinzu kommen Ausstellungsräume in aller Welt, darunter in Paris, New York und Sao Paolo. „Auf dem deutschen Markt sind wir durch die Bandbreite unserer Abteilungen einzigartig“, erklärt Isabel Apiarius-Hanstein. Unter den Hammer kommen alte Kunst, ostasiatische, afrikanische und ozeanische Kunst, Kunstgewerbe, Schmuck und Uhren, genauso aber auch zeitgenössische Kunst und Fotografie. „Diese breite Aufstellung macht uns sehr krisensicher“, so Isabel Apiarius-Hanstein.

Der Anteil von Videokunst und KI- sowie NFT-Kunst bei Lempertz ist verhältnismäßig gering. Als Pilotprojekt hat Lempertz vor zwei Jahren eine NFT-Auktion durchgeführt: „Die deutschen Sammler sind bei NFT noch zögerlich.“

„Zu sehen, wer gegen wen bietet, die Kontrahenten hochzusteigern – das macht Spaß!“

Den höchsten Umsatz in der Firmengeschichte machte Lempertz im ersten Jahr der Corona-Pandemie mit einem Zuwachs von 30 Prozent. „Das war die typische Flucht in Sachwerte“, erklärt Isabel Apiarius-Hanstein. Die Kunden hatten Zeit, die hochwertig gestalteten Kataloge zu sichten. Im Gegensatz zu Häusern wie Christie’s und Sotheby’s legt Lempertz noch Wert darauf, Kataloge nicht nur digital, sondern außerdem in gedruckter Form anzubieten. Auch für die Versteigerung selbst bietet Lempertz mehrere Optionen: Registrierte Kunden können online, telefonisch, schriftlich oder im Saal Gebote abgeben. Zum Service des Auktionshauses gehört ebenso die Bezahlung in Kryptowährungen.

Das Auktionieren ist für Isabel Apirarius-Hanstein der Höhepunkt ihrer beruflichen Tätigkeit: „Die Auktion vom Pult aus selbst zu steuern, zu sehen, wer gegen wen bietet, die Kontrahenten hochzusteigern und im richtigen Moment zuschlagen – das macht mir sehr viel Spaß!“

Den richtigen Schätzpreis zu finden ist eine der Königsdisziplinen des Metiers. Sie erfordert eine Mischung aus Expertise und möglichst exakter Einschätzung der zu erwartenden Nachfrage. „Die Nachfrage definiert den Preis“, erklärt Isabel Apiarius-Hanstein. Dabei unterscheidet sich der Sekundärmarkt der Auktionshäuser bisweilen deutlich von dem des Primärmarktes, den Galerien. Die Unternehmerin nennt ein Beispiel: „Das Werk eines zeitgenössischen Künstlers kann in der Galerie um einiges teurer sein als auf dem Sekundärmarkt. Der Käufer geht zur Auktion, wo ein Werk des Künstlers unter dem Preis der Galerie liegt. Bieten dann aber viele Interessenten auf das Werk, ist irgendwann derselbe Preis wie in der Galerie erreicht – manchmal sogar noch darüber.

Der väterliche Rat für jede Lebenssituation

Im Auktionshaus Lempertz sind sowohl Prof. Henrik Rolf Hanstein als auch seine Tochter geschäftsführende Gesellschafter. „Jede Entscheidung trifft die Familie“, sagt Isabel Apiarius-Hanstein. Ein reger Meinungsaustausch zwischen Vater und Tochter führe meist zum besten Ergebnis für den Kunden: „Wir kommen aus unterschiedlichen Generationen, haben unterschiedliche Geschlechter und decken so ein umfassendes Spektrum ab.“ Dank seines Vorsprungs an Wissen und Erfahrung vertraut die Tochter auf den Rat ihres Vaters: „Er ist meine Enzyklopädie. Und wenn es mal hektisch wird, sagt mein Vater: ,Mach dich nicht verrückt.’“ Dieser Rat helfe ihr in vielen Situationen: „Er vermittelt mir damit ein Gefühl der Ruhe.“

Erst auf Umwegen ist Isabel Apiarius ins Familienunternehmen gekommen: „Nach dem Abitur hatte ich eine ,rebellische Phase’. Ich entschied mich für ein Architektur-Studium, weil ich nicht wie Generationen vor mir in der Familie Kunsthistorikerin werden wollte“, sagt sie. Während des Studiums absolvierte sie Praktika und stellte fest, dass der Beruf des Architekten nichts für sie ist. Zeitgleich besuchte Isabel Apiarius-Hanstein Kurse am Kunstgeschichtlichen Institut: „Ich merkte, wie viel ich bereits wusste, wie viele Künstler ich durch meine Eltern kannte!“ Heute sagt sie, dass sie das Auktionshaus leitet, weil sie es will und nicht, weil es von ihr erwartet wurde.

Die größte Herausforderung: Die Mehrwertsteuersätze innerhalb der EU

Die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten sowie eine abgekühlte Konjunktur haben die Einnahmen aus Auktionen im vergangenen Jahr einbrechen lassen. Während Auktionshäuser teilweise ein Drittel ihres Umsatzes eingebüßt haben, waren es bei Lempertz weniger als zehn Prozent. „Wir sind zum Glück ein kerngesundes Unternehmen und können das verkraften“, sagt Isabel Apiarius-Hanstein.Mehr noch als die Diskussion um US-Zölle – derzeit ist die Ein- und Ausfuhr der meisten Kunstwerke zollfrei – trieben Isabel Apiarius-Hanstein bislang die unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze auf Kunst innerhalb Europas um. In Deutschland galt lange ein Steuersatz von 19 Prozent. Frankreich ist mit nur 5,5 Prozent Mehrwertsteuer zum Spitzenreiter des europäischen Kunstmarktes seit dem Brexit avanciert. Zu Jahresbeginn trat eine EU-Richtlinie in Kraft, die eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Kunst ermöglicht. Deutschland hat infolgedessen den Mehrwertsteuersatz auf sieben Prozent gesenkt. Isabel Apiarius-Hanstein ist erleichtert: „Endlich können wir wieder in einem guten Wettbewerb zu den großen Kunst-Nationen stehen.“

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Cristina Prinz

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Cristina Prinz ist freiberufliche Journalistin und Geschäftsführerin einer Agentur für Corporate Publishing. Sie schreibt Unternehmerportraits für die DWN. 

 

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