Politik

Kanzlerwahl: Merz im zweiten Wahlgang mit Hilfe von Grünen und Linken zum Bundeskanzler gewählt

Das gab es noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik: CDU-Chef Merz hat im ersten Wahlgang bei der Kanzlerwahl keine Mehrheit erreicht. Erst im zweiten Wahlgang wurde Friedrich Merz der zehnte deutsche und bereits "angeschlagene" Bundeskanzler - mit drei verweigerten Stimmen seiner Koalition aber mit Hilfe der Grünen und Linken.
06.05.2025 18:44
Lesezeit: 3 min
Kanzlerwahl: Merz im zweiten Wahlgang mit Hilfe von Grünen und Linken zum Bundeskanzler gewählt
Friedrich Merz verpasste im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl im Bundestag die absolute Mehrheit. Der zweite Wahlgang kürte ihn zum neuen Bundeskanzler - mit Hilfe von Grünen und Linken. (Foto: dpa). Foto: Kay Nietfeld

Friedrich Merz ist der neue Bundeskanzler - mit Hilfe von Grünen und Linken

Der heutige zweite Wahlgang wäre eigentlich per Satzung nicht möglich gewesen. Doch eine Sonderklausel sieht vor, dass ein zweiter Wahlgang am gleichen Tag stattfinden kann, wenn eine Mehrheit von zwei Drittel der Stimmen dies befürwortet. Dies war möglich, weil Friedrich Merz und die Union sich an die Linken gewandt haben und diese zugestimmt haben.

Holpriger Amtsantritt für Bundeskanzler Merz

Ein schwerer Einstieg, der nur knapp gutging: Zehn Wochen nach der vorgezogenen Bundestagswahl übernimmt Friedrich Merz als Bundeskanzler das Amt. Der CDU-Vorsitzende folgt auf Olaf Scholz von der SPD, dessen Ampel-Regierung mit Grünen und FDP vor sechs Monaten zerbrach. Selten zuvor war ein Start ins Kanzleramt so instabil wie bei Merz: Erst im zweiten Durchgang wurde er zum Bundeskanzler gewählt. Beim ersten Versuch scheiterte er im Bundestag, es fehlten sechs Stimmen zur Mehrheit. Mindestens 18 Abgeordnete aus Union und SPD verweigerten Merz ihre Zustimmung mit "Ja".

Erleichterung überwog die Freude beim 69-Jährigen, als Bundestagspräsidentin Julia Klöckner das Ergebnis der zähen zweiten Wahl verkündete. Diesmal gewann Merz mit einem knappen Vorsprung von neun Stimmen – obwohl auch jetzt nicht alle 328 Stimmen von Union und SPD für ihn abgegeben wurden. Trotz des Erfolgs bleibt für Merz ein bitterer Nachgeschmack, wenn er an diesen Tag zurückblickt – an jenen, der eigentlich der Höhepunkt seiner Laufbahn sein sollte. Der Verlauf des Tages wirft einen dunklen Schatten auf den Start der Kanzlerschaft.

Startet Merz angeschlagen ins Kanzleramt?

Die Anforderungen an die neue Regierung sind hoch – im Inland ebenso wie international. Die deutsche Bevölkerung setzt auf wirtschaftliche Erholung. Dafür muss rasch ein neuer Haushalt beschlossen werden. Doch Merz beginnt seine Amtszeit angeschlagen. Wird künftig bei jeder Entscheidung die Mehrheit unsicher sein? Nein – Sachentscheidungen werden im Bundestag offen abgestimmt, etwa per Handzeichen oder namentlich. Heimliche Abweichler wie bei der Kanzlerwahl wird es so nicht mehr geben. Wer mit Bundeskanzler Merz oder der Koalition ein Problem hat, muss dies öffentlich machen.

Auch im Ausland wird man den verpatzten Start von Merz wahrnehmen – ihn aber wohl bald abhaken. Europas Partner hoffen darauf, dass Deutschland als führende Wirtschaftskraft wieder voll handlungsfähig wird. Gerade angesichts des US-Kurswechsels unter Trump, der Bedrohung durch Russland und der wachsenden Konkurrenz aus China.

Zweite Chancen kennt Merz gut

Niederlagen gehören zur Karriere von Merz: Nach dem Aufstieg von Angela Merkel zog er sich einst enttäuscht zurück, da er unter ihr keine Zukunft sah. Sein späteres Comeback an die CDU-Spitze gelang ihm erst im dritten Anlauf. Zwei innerparteiliche Wahlen verlor er – doch er blieb hartnäckig. Nun hat er es doch noch ins Kanzleramt geschafft.

Union und SPD haben ambitionierte Pläne und wollen rasch durchstarten. Noch am Abend will Olaf Scholz die Amtsgeschäfte an Merz übergeben. In einigen Ministerien ist das ebenfalls für heute Abend vorgesehen, in anderen für morgen früh. Die erste Kabinettssitzung ist für den späten Abend angesetzt. Erste Maßnahme: die im Koalitionsvertrag vereinbarte Abschaffung diverser Beauftragtenstellen – als Symbol gegen übermäßige Bürokratie.

Strafe oder Misstrauen aus der eigenen Fraktion?

Doch es bleibt die Frage im Raum: Weshalb missglückte der Start so gründlich? Vor der Sitzung rechneten Union und SPD mit geschlossener Unterstützung für Merz. Die SPD bestritt umgehend jede Schuld am Ausgang. "Auf uns ist Verlass", sagte Vizekanzler in spe Lars Klingbeil laut Fraktionskreisen. Die Wahl war jedoch geheim – überprüfbar ist das Abstimmungsverhalten im Bundestag nicht.

CSU-Vorsitzender Markus Söder appellierte an die Abgeordneten: Jetzt sei nicht der Zeitpunkt für persönliche Rechenspiele oder Denkzettel. Es gehe bei der Wahl nicht nur um Merz, sondern um Stabilität und eine funktionierende Regierung.

Wie belastbar ist das Vertrauen in Merz?

Aber auch innerhalb der Union sorgte Merz für Unmut – vor allem, als er kurz nach der Bundestagswahl eine Lockerung der Schuldenbremse für das Verteidigungsbudget ins Gespräch brachte. Dabei hatte seine Partei im Wahlkampf den Eindruck vermittelt, diese strikt einhalten zu wollen.

Seitdem ist die Zustimmung zu Merz in Umfragen rückläufig. Viele Wähler fühlen sich hintergangen, auch intern gab es Kritik. Der neue Bundeskanzler Merz gab offen zu: "Ich weiß, dass ich jetzt einen sehr hohen Kredit in Anspruch genommen habe, auch was meine persönliche Glaubwürdigkeit betrifft." Diesen Kredit muss Merz nun im Kanzleramt einlösen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie kann man ganz einfach Etiketten erstellen?

Brady Workstation bietet praktische Etikettengestaltung (Drucken über Desktop - Laptop) für verschiedenste professionelle Anwendungen....

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Schmerzhafte Neubewertung im Softwaresektor und am Kryptomarkt vor dem Hintergrund der Wall-Street-Rekorde
09.02.2026

Die wichtigsten Indizes der Wall Street beendeten den Handelstag am Montag im Plus und hielten den Dow Jones Industrial Average stabil...

DWN
Politik
Politik EU-Emissionshandel ETS: Brüssel lockert Regeln für die Industrie
09.02.2026

Die Europäische Kommission bereitet Anpassungen am EU-Emissionshandel ETS vor. Nach Informationen des Handelsblatts sollen kostenlose...

DWN
Finanzen
Finanzen Novo Nordisk-Aktie steigt nach FDA-Ansage gegen Nachahmer
09.02.2026

Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat ein entschlossenes Vorgehen gegen die massenhafte Produktion illegaler Nachahmungen von Medikamenten...

DWN
Politik
Politik BSW klagt in Karlsruhe: Antrag auf Neuauszählung der Bundestagswahl
09.02.2026

Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) sucht die Entscheidung in Karlsruhe. Wie die Partei ankündigte, wird sie am 18. Februar Beschwerde...

DWN
Politik
Politik Russlands Krieg gegen Europa beginnt in Litauen: Eine Simulation mit alarmierendem Ergebnis
09.02.2026

Ein militärisches Planspiel simuliert einen russischen Angriff auf Europa über Litauen. Das Ergebnis ist ernüchternd. Ohne entschlossene...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wirtschaftsfaktor Natur: Warum Unternehmen laut Bericht ohne Artenschutz scheitern
09.02.2026

Laut einem neuen IPBES-Bericht aus Manchester ist das Artensterben eine der größten Gefahren für die Wirtschaftswelt. Die Botschaft ist...

DWN
Politik
Politik EU-Ultimatum für Meta: Zwangsmaßnahmen wegen WhatsApp-KI drohen
09.02.2026

Die Europäische Kommission verschärft den Ton gegenüber Meta: Dem US-Tech-Riesen drohen empfindliche Zwangsmaßnahmen, da die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Expo 2035 in Berlin-Brandenburg: Ost-Wirtschaft fordert Weltausstellung
09.02.2026

Die ostdeutsche Wirtschaft macht mobil: 15 Industrie- und Handelskammern fordern die Ausrichtung der Expo 2035 in der Hauptstadtregion. Ein...