Wirtschaft

Ohne VW, BMW & Mercedes-Benz: Das neue Playbook für Automotive-Investments

Trumps Zölle, Chinas Plattformstrategie und strukturelle Schwächen bei Software und Skalierung zwingen deutsche OEMs zum Umdenken. Für Anleger gilt: Wer 2025 noch auf die alten Namen setzt, verpasst den Wandel. Was jetzt zählt, sind Themen-ETFs, Technologietitel und ein klarer Blick auf neue Wertschöpfungsketten.
12.06.2025 12:45
Aktualisiert: 12.06.2025 13:09
Lesezeit: 4 min

Am 14. Mai 2025 : Ab Juni werden Fahrzeuge aus der EU mit einem Strafzoll von 25 Prozent belegt. Für die deutschen Hersteller ist das eine Hiobsbotschaft. Laut dem Verband der Automobilindustrie (VDA) exportierten deutsche Hersteller im Jahr 2024 rund 1,3 Millionen Fahrzeuge in die Vereinigten Staaten, das entspricht knapp 25 Prozent aller deutschen Fahrzeugexporte weltweit.

Die Reaktion folgte prompt: “Wir produzieren für den US-Markt vor”, versuchte ein BMW-Sprecher gegenüber der Deutschen Welle (DW) zu beruhigen. Doch was kurzfristig hilft, verschärft mittelfristig das Problem. Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, rechnet gegenüber der DW schon bald mit spürbaren Auswirkungen: „Am Ende werden die Preise erhöht werden müssen”, prognostiziert Bratzel, “grundsätzlich wird die Nachfrage in den USA sinken und in der Folge Umsatz und Gewinn.”

Droht Bosch, ZF & Conti jetzt der US-Kollaps?

Doch auch hiesige Zulieferer werden im Kielwasser der US-Autozölle unter Druck geraten. Der VDA rechnet schon jetzt mit Verzögerungen bei der Lokalisierung von Lieferketten und einem spürbaren Investitionsrückgang in Nordamerika. Für hiesige Branchengrößen, deren Geschäft stark auf US-Experten basiert, wie etwa Bosch, ZF Friedrichshafen oder Continental, könnten die kommenden Wochen und Monate deshalb zur strategischen Nagelprobe werden.

So erwirtschaftete Bosch im Jahr 2024 rund 17 Prozent seines Gesamtumsatzes von 91,6 Milliarden Euro in Nordamerika. Bei ZF Friedrichshafen waren es rund 9,7 Milliarden Euro, fast ein Viertel des Gesamtumsatzes von 43,8 Milliarden Euro. Beide Konzerne betreiben eigene Werke in den USA, sind jedoch nach wie vor stark in transatlantische Lieferketten eingebunden, wie die folgenden Zahlen zeigen.

Stärkste deutsche Autozulieferer im US-Geschäft 2024 (in % vom Gesamtumsatz)

  • Bosch: 16 Mrd. Euro Umsatz in Nordamerika (17 %)

  • ZF Friedrichshafen: 8,8 Mrd. Euro (22 %)

  • Continental: 7,4 Mrd. Euro (geschätzt 20 %)

  • Schaeffler: 2,3 Mrd. Euro (rund 17 %)

  • Mahle: 1,9 Mrd. Euro (geschätzt 25 %)

Quelle: Unternehmensangaben, Bosch-Presse, ZF-Report 2024, eigene Recherche

Vom DAX entkoppelt: Automotive ist kein Indexspiel mehr

Lange galt für Anleger hierzulande: Wer den DAX kauft, investiert automatisch in die vermeintlich unendliche Erfolgsgeschichte deutsche Autobauer. Diese Zeiten sind vorbei. 2025 macht der Anteil von Autoaktien im DAX weniger als 6 Prozent aus. Mercedes-Benz bringt noch rund 2,6 Prozent Indexgewicht auf die Waage, BMW und VW jeweils 1,3 Prozent. Der Sektor hat an Marktkapitalisierung verloren und damit an Marktmacht.

Zugleich trübt sich die Bewertungslage ein: Zwar notieren viele Hersteller auf dem Papier günstig, das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von Volkswagen liegt unter 5. Doch die Investitionsrisiken sind hoch, etwa in Wolfsburg, wo VW-Chef Blume zunehmend unter Druck gerät. „Die Angst vor mehrjährigen Marktanteilsverlusten verhindert höhere Bewertungen der Aktien deutscher Autobauer“, warnte Kronenberger kürzlich im manager magazin.

Hinzu kommen strukturelle Bewertungsrisiken: Investitionen in Doppelinfrastrukturen wie Verbrenner- und Elektro-Antriebe, hohe Personalkosten flankiert von sinkenden Skaleneffekten bei Verbrennerplattformen drücken auf die operative Marge. Für passive Anleger bedeutet das: Wer einfach auf Indizes setzt, setzt auf einen Querschnitt mit zu wenig Zukunftsorientierung.

Während Konkurrenten aus China wie BYD oder Geely von Anfang an auf elektrische Architekturen setzen konnten, tragen deutsche OEMs eine doppelte Last aus hohen Legacy-Kosten und einem zähen Plattformumbau. Gleichzeitig verschärfen subventionierte Kampfpreise aus China den Druck.

Zwar gibt es punktuelleFortschritte, etwa BMWs Neue Klasse. Doch auch die jüngsten Software-Allianzen mit Bosch, Qualcomm oder Mobileye verlaufen schleppender als erhofft. Die Risiken überwiegen derzeit noch das Ertragspotenzial.

Diese ETFs greifen den Wandel auf

Anleger, die dennoch am Thema Automotive partizipieren wollen, müssen umdenken. Statt pauschal auf OEMs zu setzen, lohnt sich der Blick auf spezialisierte Themen-ETFs.

Xtrackers Future Mobility UCITS ETF

Der Xtrackers Future Mobility ETF (ISIN: IE00BGV5VR99) fokussiert auf Unternehmen, die entlang der Mobilitätswende wirtschaften, darunter Elektroantriebe, Infrastruktur, Plattformtechnologie und Softwarelösungen.

  • TER: 0,35 %

  • Fondsvolumen: 131 Millionen Euro
  • Holdings: Tesla, Hitachi, Meta, Alphabet, Aptiv
  • Deutschland-Anteil: 11 %
  • 5-Jahres-Performance: +76 %

Der ETF investiert entlang der automobilen Wertschöpfungskette, von Antriebsinnovationen bis zu Infrastruktur und Datenverarbeitung. Auch Player wie Nvidia, Infineon oder CATL zählen zum Portfolio.

iShares Electric Vehicles and Driving Technology ETF

Ein weiterer Fonds ist der iShares Electric Vehicles and Driving Technology ETF (ISIN: IE00BGL86Z12). Er bildet ein breites Spektrum an Unternehmen ab, die entlang der elektrifizierten und digitalen Antriebstechnologie aktiv sind.

  • TER: 0,40 %
  • Fondsvolumen: rund 520 Millionen Euro
  • Fokus auf Batterietechnologie, Halbleiter und Elektronik
  • Top-Holdings: Qualcomm, Samsung SDI, Infineon

Beide ETFs bieten eine breite Diversifikation und greifen Entwicklungen auf, die klassische Hersteller oft nur langsam adaptieren können. Ihr Vorteil liegt in der globalen Ausrichtung – Asien, USA und Europa sind gleichermaßen vertreten – sowie im Zugang zu Zulieferern, Softwarehäusern und Plattformbetreibern.

Alternative Produkte: Software, Zulieferer, Plattformpartner

Neben ETFs können Aneger auch über ausgewählte Einzeltitel eine Lücke schließen. Dazu zählen beispielsweise Technologielieferanten, die den Wandel der Industrie vorantreiben, jedoch nicht direkt vom Absatzrisiko hiesiger Autohersteller abhängen:

  • NXP Semiconductors (ISIN: NL0009538784): Steuerungssysteme für autonomes Fahren
  • Cadence Design Systems (ISIN: US1273871087): Software für Chipentwicklung
  • ServiceNow (ISIN: US81762P1021): Datenplattform für Automotive-Prozesse
  • Infineon (ISIN: DE0006231004): Halbleiter mit Schwerpunkt E-Mobilität
  • Aptiv (ISIN: JE00BTDN8H13): Software-Architekturen für vernetzte Fahrzeuge

Wer breiter streuen will, findet im AXA Framlington Robotech (ISIN: LU1529780063) oder dem Pictet SmartCity (ISIN: LU0503631714) Themenfonds, die Mobilität im urbanen Kontext abbilden, jenseits klassischer Fahrzeughersteller.

Für Anleger ist die Zukunft der Mobilität selektiv

Die deutsche Automobilbranche befindet sich inmitten eines strukturellen Umbruchs, ausgelöst durch technologische Disruption, geopolitische Risiken und wachsenden Kostendruck. Während sich traditionelle Hersteller schwer tun, neue Wertschöpfungslogiken zu etablieren, gehen neue Akteure wie spezialisierte Zulieferer, Softwareunternehmen und Infrastrukturentwickler in Führung.

Die Zeiten, in denen DAX-Gewichte wie Volkswagen, BMW oder Mercedes-Benz für eine breite Mobilitätsallokation standen, sind vorbei. Der Blick von Anlegern auf den Automobilsektor muss sich daher differenzieren: Wer heute in Mobilität investieren will, muss verstehen, wo derzeit (und künftig) neue Dynamiken entstehen, sei es bei Halbleitern, Plattformlogik oder integrierter Infrastruktur.

Selektives Investieren wird daher zum Must-have im playbook für Automotive Investments. Themenfonds, Autotech-ETFs und gezielt ausgewählte Einzelwerte bieten dafür einen möglichen Zugang zu einem Sektor, der sich gerade neu erfindet.

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