US-Konzern setzt auf Europa statt Heimatmarkt
Die US-amerikanische Firma Circ, spezialisiert auf das Recycling von Textilfasern, errichtet ihre erste industrielle Großanlage nicht in den Vereinigten Staaten, sondern im französischen Saint-Avold – nahe der deutschen Grenze. Der Grund: die rückläufige Förderung grüner Technologien durch die Regierung von Donald Trump.
Die Anlage soll die weltweit erste ihrer Art sein, die im industriellen Maßstab Mischtextilien aus Baumwolle und Polyester trennt, ohne einen der beiden Stoffe zu zerstören. Möglich macht das eine spezielle hydrothermale Technologie, mit der Polyester aufgespalten und Baumwolle gleichzeitig erhalten bleibt. Beide Materialien können in der Folge erneut verwendet werden.
Halbe Milliarde für Recycling – mit europäischer Unterstützung
Die Investitionssumme beläuft sich auf rund 504 Millionen US-Dollar (ca. 430 Millionen Euro). Der Baubeginn ist für 2026 angesetzt, der Produktionsstart soll 2028 erfolgen. Dann sollen jährlich bis zu 70.000 Tonnen Material verarbeitet und etwa 200 neue Arbeitsplätze geschaffen werden.
Finanziert wird das Projekt durch Eigen- und Fremdkapital sowie durch Zuschüsse und staatliche Garantien, darunter auch Förderinstrumente der französischen Regierung im Rahmen strategischer Industrieprojekte.
Die Anlage soll ein zentrales Element des EU-Plans zur Entwicklung einer zirkulären Wirtschaft sein – einer der Grundpfeiler auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2050.
Inditex und Patagonia setzen bereits auf Circ-Recycling
Die von Circ entwickelte Technologie ist längst nicht nur ein Laborprojekt: Die Einzelhandelsriesen Inditex (u.a. Zara) und Patagonia sind bereits Anteilseigner und setzen recycelte Materialien der Firma in ihren Lieferketten ein. Hintergrund ist der zunehmende regulatorische Druck und das wachsende Bedürfnis, Nachhaltigkeitsziele glaubwürdig umzusetzen.
Die Modeindustrie ist laut den Vereinten Nationen für rund zehn Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich – mehr als Luftfahrt und Schifffahrt zusammen. Zudem zählt sie zu den größten Verbrauchern von Wasser und Rohstoffen.
Trump-Politik sorgt für Investitionsverlagerung
Laut Verso Zinios, einer litauischen Zeitung, erklärt Circ-Betriebsleiter Conor Hartman die Entscheidung für Europa mit der Unklarheit über die künftige US-Klimapolitik unter Trump und der großen Nachfrage nach umweltfreundlichen Technologien in der EU.
Insbesondere Trumps Rücknahme von Förderprogrammen im Bereich sauberer Energie sowie seine Nähe zur fossilen Industrie treiben cleantech-orientierte Firmen aus dem Land. Die Folge: wachsendes Interesse an alternativen Standorten – vor allem in Europa.
Gleichzeitig bleibt der politische Kurs in den USA widersprüchlich. Auf Ebene der Bundesstaaten werden vielerorts weiterhin Programme zur Förderung erneuerbarer Energien und Elektromobilität verfolgt.
Bedeutung für Deutschland
Die Wahl des Standorts in Saint-Avold, nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, ist auch für Deutschland von strategischer Bedeutung. Zum einen eröffnen sich Kooperationschancen für deutsche Maschinenbauer und Recyclingfirmen, die ihre Technologien einbringen könnten. Zum anderen rückt das Thema textile Kreislaufwirtschaft verstärkt in das Blickfeld deutscher Industriepolitik.
Nicht zuletzt wächst der Druck auf die Bundesregierung, ähnlich attraktive Rahmenbedingungen für Zukunftstechnologien zu schaffen – jenseits klassischer Subventionen. Die Nähe der Anlage zur saarländischen Industrieregion bietet auch deutschen Arbeitskräften und Zulieferern Chancen.
Fazit: Europa punktet – aber wie lange noch?
Donald Trumps Klimapolitik treibt selbst innovative US-Unternehmen in europäische Gefilde. Europa profitiert kurzfristig – durch Investitionen, Arbeitsplätze und Know-how. Doch dieser Vorsprung ist nicht garantiert. Wenn Europa seine Bürokratien nicht abbaut und regulatorische Prozesse beschleunigt, könnte sich der Trend wieder umkehren. Für Deutschland heißt das: Rahmenbedingungen aktiv gestalten, statt auf externe Impulse zu warten.