Politik

Zinswende mit Risiko – Steuert Lagarde Europa in die Deflation?

Christine Lagarde will am Donnerstag erneut die Zinsen senken – trotz globaler Unsicherheiten, Handelskonflikten und überraschend stabilem Wachstum im Euroraum. Kritiker warnen: Mit dieser Politik riskiert die EZB eine gefährliche Deflationsspirale und untergräbt langfristig die wirtschaftliche Resilienz Europas. Steuert Frankfurt im Blindflug?
04.06.2025 16:01
Aktualisiert: 04.06.2025 16:02
Lesezeit: 3 min

Die achte Zinssenkung in Folge steht bevor

Am 5. Juni richtet sich der Blick erneut nach Frankfurt: Nach der Juni-Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) wird Präsidentin Christine Lagarde auf der Pressekonferenz die geldpolitischen Beschlüsse erläutern. Die Erwartungen sind klar – und dennoch ist vieles ungewiss. Das berichtet das Nachrichtenportal Finance.si.

Nahezu einhellig rechnen Ökonomen mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik: Um 0,25 Prozentpunkte soll der Leitzins gesenkt werden, womit der maßgebliche Einlagesatz der EZB von derzeit 2,25 auf 2,00 Prozent sinken würde. Es wäre die achte Zinssenkung im laufenden Lockerungszyklus – insgesamt würde der Zinssatz damit um zwei volle Prozentpunkte reduziert.

Die Märkte haben diese Erwartung bereits eingepreist. Analysten verweisen darauf, dass Investoren ihre Positionen entsprechend angepasst haben – markante Kursreaktionen bleiben daher in der Regel aus.

Inflationssorgen als zentrales Argument

Hintergrund der geldpolitischen Lockerung ist vor allem die Sorge vor einer zu niedrigen Inflation. Die EZB verfolgt nur ein Mandat: Preisstabilität im Euroraum zu sichern – definiert als eine Inflationsrate von mittelfristig rund zwei Prozent.

Doch die aktuellen Daten sprechen eine andere Sprache: Im Mai sank die Gesamtinflation laut erster Eurostat-Schätzung auf 1,9 Prozent – nach 2,2 Prozent im April. Auch die Kerninflation (ohne Energie und Nahrungsmittel) ging zurück, von 2,7 auf 2,3 Prozent.

Zwar orientiert sich die EZB nicht an monatlichen Schwankungen, sondern am mittelfristigen Trend – doch die Zahlen wecken Erinnerungen an vergangene Deflationsphasen: 2009 und 2015 musste die EZB gegen eine gefährlich niedrige Inflation ankämpfen. Damals senkte Mario Draghi die Einlagezinsen erstmals in den negativen Bereich – mit weitreichenden Folgen für Sparer, Investoren und Finanzmärkte.

Die Gefahr: deflationäre Spirale

Deflation ist kein harmloses Phänomen. Sie signalisiert oft strukturelle Probleme in der Wirtschaft: Sinkende Preise führen zu schrumpfenden Unternehmensgewinnen, geringeren Investitionen, Lohnzurückhaltung – ein Teufelskreis aus schwacher Nachfrage und wirtschaftlicher Stagnation.

Die aktuellen Inflationsrückgänge werden von Ökonomen unter anderem auf die Aufwertung des Euro sowie auf fallende Energiepreise zurückgeführt. Beides steht im Kontext wachsender geopolitischer Spannungen und einer US-Zollpolitik, die zunehmend protektionistische Züge annimmt.

Stichwort Vorsicht: EZB könnte auch abwarten

Doch nicht alle plädieren für eine sofortige Zinssenkung. Die wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum zeigt sich zuletzt robuster als erwartet. Während das US-BIP im ersten Quartal auf Jahresbasis um 0,2 Prozent schrumpfte, wuchs das BIP im Euroraum um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal und um 0,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Der österreichische Notenbankchef Robert Holzmann – sonst als geldpolitischer Falke bekannt – rief dazu auf, mit weiteren Zinsschritten bis mindestens September zu warten. Die Unsicherheit rund um die US-Außenhandelspolitik sei derzeit zu groß.

Was kommt nach dem Juni? Märkte rechnen mit weiterer Lockerung

Obwohl eine Zinssenkung im Juni als nahezu sicher gilt, sind die weiteren Schritte der EZB weniger klar. Ökonomen gehen aktuell davon aus, dass bis Ende des Jahres eine weitere Senkung um 0,25 Prozentpunkte erfolgen könnte. Damit würde der Einlagesatz der EZB bei 1,75 Prozent liegen – 2,25 Punkte tiefer als zu Beginn der geldpolitischen Lockerung.

Frische EZB-Prognosen: Senkung wahrscheinlich

Am Donnerstag werden außerdem die aktualisierten Konjunkturprognosen der EZB veröffentlicht. Analysten erwarten eine leichte Senkung der bisherigen Schätzungen für Inflation und Wirtschaftswachstum.

Im März hatte die EZB für 2024 noch eine Inflation von 2,3 Prozent prognostiziert – nach 2,1 Prozent im Dezember. Für 2025 wurde ein BIP-Wachstum von 0,9 Prozent erwartet, zuvor lag die Schätzung bei 1,1 Prozent.

Das neue Szenario könnte durch schwächere Energiekosten, die Stärke des Euro und potenzielle Umleitungen globaler Lieferketten infolge von Trumps Handelskrieg mit China geprägt sein. Gleichzeitig dürften staatliche Konjunkturmaßnahmen – etwa der deutsche 500-Milliarden-Investitionsfonds oder Kaufanreize für E-Autos – stabilisierend wirken.

Lagarde im Fokus – auch abseits der Geldpolitik

Neben der Zinsfrage dürfte Lagarde auf der Pressekonferenz auch zu ihrer persönlichen Zukunft befragt werden. Medienberichten zufolge – u.a. in der Financial Times und bei Politico – steht sie als mögliche Nachfolgerin von Klaus Schwab an der Spitze des Weltwirtschaftsforums (WEF) im Gespräch. Schwab musste nach Vorwürfen über finanzielle Unregelmäßigkeiten und mutmaßliches Fehlverhalten seinen Posten räumen.

Ob Lagarde ihren bis 2027 laufenden EZB-Vertrag voll erfüllen wird oder womöglich nach Davos wechselt – auch das könnte am Donnerstag in Frankfurt zur Sprache kommen. Die Richtung ist offen – nicht nur bei den Zinsen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft "Haben Bedenken gehört": China reagiert auf Kritik am Handel
06.03.2026

Chinas Rekord-Handelsüberschuss sorgte weltweit für Unmut. Auch deutsche Firmen beklagen Auswirkungen davon auf ihr Geschäft. Peking...

DWN
Finanzen
Finanzen Europol: Netzwerk für Geldwäsche zerschlagen
06.03.2026

Zwei Handys werden in einer schwedischen Kleinstadt beschlagnahmt. Und dann machen lokale Ermittler eine Entdeckung. Mit globalen Folgen.

DWN
Politik
Politik Altersarmut ist weiblich: Warum Frauen besonders betroffen ist
06.03.2026

Wenn es um die Rente geht, sieht es bei vielen Frauen mau aus und viele befürchten im Alter finanzielle Einschränkungen. Ganze zwei...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Insolvenzen auf Rekordhoch: So viele Handwerkspleiten wie seit 2014 nicht mehr
06.03.2026

Im Handwerk gab es 2025 so viele Insolvenzen wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Energie, Material, Löhne: Hohe Kosten und...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnung einrichten mit KI: Digitale Helfer im Praxistest – so gelingt die Wohnungsplanung
06.03.2026

Künstliche Intelligenz hält Einzug in deutsche Wohnzimmer: Sie plant Grundrisse, testet Farben und arrangiert Möbel per Klick. Was als...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Spritpreis-Frust: Tankstellenpächter wehren sich gegen Kunden-Wut
06.03.2026

Steigende Preise an den Zapfsäulen sorgen für schlechte Stimmung an Deutschlands Tankstellen. Doch während Autofahrer tief in die Tasche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Boomenden Nachfrage nach Waffen: Rüstungszulieferer Vincorion strebt an die Börse
06.03.2026

Die Waffenschmiede Rheinmetall ist längst an der Börse, die Sensorenfirma Hensoldt und der Getriebefabrikant Renk sind es auch....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Betriebsratswahl 2026: Millionen Beschäftigte wählen – Gewerkschaften unter Druck
06.03.2026

Der Wahlkampf um neue Betriebsräte läuft auf Hochtouren: Sie gehören zu den größten Abstimmungen in Deutschland. Doch was können die...