Politik

Von der Leyens Deal mit der Rechten: Was das für den Green Deal heißt

Die Green Claims-Richtlinie sollte Greenwashing in Europa beenden. Doch Ursula von der Leyen lässt das Projekt fallen – auf Druck von Rechten und Wirtschaftslobby.
26.06.2025 18:02
Aktualisiert: 27.06.2025 06:02
Lesezeit: 2 min

Die rechte Mehrheit im EU-Parlament wächst

Im Europäischen Parlament gibt es inzwischen zwei Mehrheiten: eine traditionelle und eine rechte bis extrem rechte. Letztere konnte gerade einige wichtige Erfolge verbuchen.

In der Europäischen Union und im EU-Parlament haben sich kürzlich zwei entscheidende Dinge ereignet. Erstens wird es eine parlamentarische Arbeitsgruppe geben, die die europäische Finanzierung von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) untersucht. Zweitens hat die Europäische Kommission unter Ursula von der Leyen angekündigt, eines ihrer zentralen grünen Projekte aufzugeben – die sogenannte Green Claims-Richtlinie. Ein herber Rückschlag für den EU Green Deal. Der sogenannte „sanitäre Schutzkorridor“ im Europäischen Parlament – das ungeschriebene Gesetz, dass Mitte-Rechts-Parteien keine Kooperationen mit der extremen Rechten eingehen – existiert faktisch nicht mehr. Die größte Mitte-Rechts-Fraktion, die Europäische Volkspartei (EVP), zu der auch Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gehört, kooperiert je nach Interessenlage mal mit der extremen Rechten, mal mit den Sozialdemokraten (S&D).

Europa ist bei den letzten Wahlen im Sommer deutlich nach rechts gerückt. Als das klassische Bündnis aus EVP, Sozialdemokraten und der liberalen Renew-Fraktion gebildet wurde – das von der Leyen stark unterstützte –, beruhigte sich das linke politische Lager damit, dass der Rechtsruck weniger gravierend sei als befürchtet. Die Realität zeigt das Gegenteil. Dafür sorgen nicht nur die zunehmenden rechtsgerichteten Positionen der EVP. Auch die äußeren Umstände treiben diese Entwicklung: Dringender gefragt sind derzeit Panzer statt Dekarbonisierung, Waffen statt Subventionen für Arbeitslose. Diese Lage spielt von der Leyens pragmatischem Führungsstil in die Karten: „Wir tun, was nötig ist – mit wem auch immer nötig.“

Rechte Erfolge, Blockaden und das Ende der Green Claims-Richtlinie

Schon heute gibt es eine stabile rechte bis extrem rechte Mehrheit in zentralen Fragen. Das zeigte sich unter anderem beim Aus für die Green Claims-Richtlinie, mit der irreführende Umweltaussagen von Unternehmen eingedämmt werden sollten. Die Richtlinie war ein Kernstück des EU Green Deal und sollte sicherstellen, dass Verbraucher erkennen können, welche Produkte tatsächlich umweltfreundlich sind. Doch die Wirtschaftslobby, unterstützt von EVP und den rechten Parteien, argumentiert, dass neue Prüfpflichten und Auflagen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen belasten würden. Unter dem Vorwand der „Bürokratievereinfachung“ wird die Richtlinie nun auf Eis gelegt. Auch wenn der Kommissionssprecher offiziell beteuert, dass der Kampf gegen Greenwashing weitergeführt werde, jubeln Rechte und Ultrarechte über diesen Rückschlag für den EU Green Deal.

Gleichzeitig formiert sich die Rechte in weiteren Bereichen:

  • Waldschutz: Die Umsetzung der Richtlinie gegen Abholzung wurde verschoben – ein Erfolg für Rechte, Wirtschaftslobby und Teile der Liberalen.
  • Flüchtlingspolitik: Die EVP unterstützte Forderungen der extremen Rechten nach Grenzzäunen – auch wenn diese letztlich scheiterten.
  • Patentrecht und KI-Haftung: Die Überarbeitung zentraler Gesetze, etwa zu Standardpatenten oder zur zivilrechtlichen Haftung von KI-Unternehmen, wird gestrichen – auf Druck der Rechten.

Deutschland, der EU Green Deal und politische Grenzspiele

Für Deutschland ist diese Entwicklung hochbrisant. Gerade deutsche Unternehmen stehen unter dem Druck wachsender Klima- und Nachhaltigkeitsvorgaben aus Brüssel – etwa durch den EU Green Deal. Gleichzeitig warnen Wirtschaftsverbände vor steigenden Kosten durch Regulierungen wie die Green Claims-Richtlinie.

Der vorläufige Stopp dieser Richtlinie kommt daher für viele Firmen gelegen – aber die politische Lage bleibt fragil. Während die Kommission offiziell am EU Green Deal festhält, zeigen die Deals von Ursula von der Leyen mit der extremen Rechten, wie wackelig der grüne Kurs geworden ist. Wer glaubt, der EU Green Deal sei sicher, irrt. Rechte und wirtschaftsnahe Interessen nutzen geschickt die Gunst der Stunde, um Teile der grünen Transformation zu entschärfen – auch auf Kosten von Transparenz und Verbraucherschutz.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Rekordschlussstände für S&P 500 und Nasdaq, während der Waffenstillstand hält
05.05.2026

Erfahren Sie, welche Faktoren die Märkte aktuell antreiben und warum die Anleger trotz globaler Spannungen optimistisch bleiben.

DWN
Politik
Politik Misstrauensvotum in Rumänien: Prowestliche Regierung stürzt
05.05.2026

Rumäniens Regierung ist nach einem überraschenden Bündnis aus Rechtsextremen und Sozialdemokraten gestürzt. Hinter dem Misstrauensvotum...

DWN
Politik
Politik Trump erhöht Druck auf Grönland: US-Experte warnt vor Folgen für Europa
05.05.2026

Trump verschiebt die geopolitischen Machtlinien der USA und verbindet den Zugriff auf Grönland mit Energiefragen und Zugeständnissen an...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Teilkrankschreibung gegen hohe Fehlzeiten: Ist die Regelung sinnvoll?
05.05.2026

Krank, aber nicht ganz arbeitsunfähig – das soll künftig möglich sein: Im Zuge der neuen Gesundheitsreform hat die Bundesregierung die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Stromnetz im Kostencheck: Welche Technologien langfristig überzeugen
05.05.2026

Europas Stromversorgung steht vor einer neuen Kostenlogik, in der erneuerbare Energien, Speichertechnologien und verlässliche Grundlast...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie steigt trotz schwachem Quartal
05.05.2026

Die Zahlen fallen schwächer aus als erwartet, doch die Aktie reagiert überraschend robust. Statt Abverkauf setzt Rheinmetall auf eine...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unicredit greift Commerzbank an: Übernahme rückt näher
05.05.2026

Unicredit macht Ernst und treibt die Übernahme der Commerzbank mit Tempo voran. Doch Widerstand aus Berlin und Frankfurt könnte den Deal...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Biontech-Aktie: 1.860 Stellen in Gefahr
05.05.2026

Biontech zieht die Notbremse und fährt Kapazitäten drastisch herunter. Der Sparkurs trifft Standorte weltweit – und bringt Tausende...