Finanzen

Unser neues Magazin ist da: Kapital und Kontrolle – wem gehört Deutschland?

Deutschland ist reich – doch nicht alle profitieren. Kapital, Einfluss und Eigentum konzentrieren sich zunehmend. Wer bestimmt wirklich über unsere Wirtschaft, unsere Zukunft, unser Leben? Und was bedeutet das für den sozialen Zusammenhalt – in einem Land, das aktuell in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt?
19.07.2025 11:00
Aktualisiert: 01.01.2030 11:20
Lesezeit: 4 min
Unser neues Magazin ist da: Kapital und Kontrolle – wem gehört Deutschland?
Wer besitzt Deutschland? Das August-Magazin beleuchtet, wie Kapitalverteilung, Eigentum und Macht das Fundament der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft verändern. (Illustration: ChatGPT)

Wem gehört die Zukunft dieses Landes?

Wenn wir durch Deutschland gehen – durch seine Städte, seine Einkaufsstraßen, seine Büroviertel –, dann begegnet uns überall Kapital. In Form von Immobilien und Unternehmensbeteiligungen, von Konsumtempeln, Maschinenparks und Geldhäusern. Kapital, das sich oft leise, fast unsichtbar verteilt hat, aber dennoch mit gewaltiger Kraft wirkt. Es bestimmt, wer gestalten kann. Wer entscheiden darf. Wer besitzt – und wer nicht.

Kapital ist Macht. Und Macht braucht Kontrolle. Deshalb stellen wir in der Juli-Ausgabe unseres Magazins die fundamentale Frage: Wem gehört Deutschland? Und noch zugespitzter: Wer kontrolliert dieses Land wirklich – ökonomisch, politisch, kulturell?

Der stille Wandel

Viele Jahre lang lebten wir in der Annahme, Deutschland sei ein Land der Leistungsträger, der Tüchtigen, der sozialen Mobilität. Doch unter der Oberfläche dieses Narrativs hat sich etwas verschoben. Kapital hat sich konzentriert. Einfluss hat sich verfestigt. Und mit jeder Generation, die ihr Vermögen nicht mehr erarbeitet, sondern erbt, verliert der Leistungsgedanke weiter an Boden. Das ist kein moralisches Urteil – es ist eine Beobachtung. Eine stille, aber weitreichende Veränderung in der Ordnung unseres Landes.

Ein Land, in dem immer größere Vermögen durch Herkunft statt durch eigenes Schaffen weitergegeben werden, wird zu einem Land mit abnehmender Chancengleichheit. Die soziale Marktwirtschaft, einst ein Versprechen auf Aufstieg durch Einsatz, wird brüchig – und mit ihr das Vertrauen in ihre Gerechtigkeit.

Zwischen Besitz und Ohnmacht

Das Spannungsverhältnis zwischen Kapital und Demokratie wird spürbarer. Immer mehr Menschen empfinden, dass politische Prozesse sie nicht mehr erreichen, dass ihre Stimme nicht mehr zählt. Gleichzeitig sehen sie, wie Kapitalströme um die Welt kreisen, wie Großinvestoren aus dem Ausland über Unternehmen entscheiden, wie Infrastruktur verkauft, Einfluss gekauft und Eigentum konzentriert wird. Dieses Gefühl der Ohnmacht ist gefährlich. Es führt zu Rückzug, zu Misstrauen, zu innerer Abkehr von einer Ordnung, die weiterhin Sicherheit verspricht.

Wer besitzt, hat Einfluss. Wer nichts besitzt, hat kaum Mittel zur Mitgestaltung. Das ist keine neue Erkenntnis, aber sie hat heute eine neue Dimension. Denn Kapital ist nicht mehr nur inländisch verankert, es ist global vernetzt. Deutsche Leitunternehmen gehören nicht mehr dem Land, dessen Namen sie tragen. Immobilienpreise werden von anonymen Fonds mitbestimmt, nicht mehr vom Einkommen der Nachbarschaft. Und politische Maßnahmen laufen oft der Entwicklung hinterher, statt sie zu gestalten.

Das Erbe der Boomjahre – und seine Schatten

Deutschland ist reich, aber dieser Reichtum ist ungleich verteilt. Die Generation der Babyboomer steht an der Spitze einer Entwicklung, die aus jahrzehntelangem Wachstum, stabilen Erwerbsbiografien und klugen Investitionsfenstern ein enormes Vermögen geschaffen hat. Doch was wird daraus? Wird dieser Reichtum als Impuls für die nächste Generation genutzt oder als Bollwerk gegen Veränderung? Ein gewaltiger Vermögenstransfer steht bevor. Milliarden werden vererbt, verschenkt, überführt in neue Hände – meist in vertraute, familiäre Strukturen. Das ist legitim. Aber es wirft Fragen auf: Welche Verantwortung haben Erben? Welche Erwartungen darf die Gesellschaft stellen? Und wie verhindern wir, dass die Dynamik des Besitzes zur Erstarrung der Gesellschaft führt?

Eines der auffälligsten Merkmale des deutschen Kapitalmodells ist sein historisch gewachsenes Misstrauen gegenüber Eigentum – insbesondere in Form von Aktien oder unternehmerischer Beteiligung. Deutschland spart, aber es investiert nicht. Es besitzt, aber es verwaltet nicht. Und so kommt es, dass unser Land zwar reich ist, aber mit angezogener Handbremse. Statt unternehmerisch zu denken, dominiert die Vorsicht. Statt Eigentum als Teilhabe zu begreifen, dominiert die Distanz. Die Folge: Der DAX wächst, aber die Deutschen profitieren kaum. Unternehmen blühen auf, doch die Dividenden fließen ins Ausland. Deutschland wird von internationalen Investoren entdeckt, doch bleibt selbst Zuschauer seiner wirtschaftlichen Erzählung.

Kapitalflüsse als geopolitisches Werkzeug

Kapital kennt keine Nationalfarben – aber es kennt strategische Interessen. Die großen Investoren aus China, den Golfstaaten oder den USA verfolgen nicht nur Renditeziele, sondern oft auch politische Agenden. Wer in Infrastruktur investiert, wer sich an Schlüsselindustrien beteiligt, wer Technologiepartner wird, gestaltet mit – ob offen oder im Hintergrund. Deutschland hat diese Realität lange verdrängt. Heute wird sie sichtbar. Unsere politische Ordnung steht damit vor einem Dilemma: Sie muss Offenheit und Wettbewerbsfähigkeit mit Souveränität und Schutz kritischer Infrastruktur in Einklang bringen. Eine schwierige Gratwanderung – zumal die gesetzlichen Instrumente oft zu spät greifen oder gar nicht vorhanden sind. Doch wer naiv bleibt, verliert am Ende nicht nur Eigentum – sondern Gestaltungsspielraum.

Trotz aller Herausforderungen zeigt sich auch: Deutschland steht an einem Wendepunkt – und dieser bietet Chancen. Die junge Generation hat die Möglichkeit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen: eine andere Spar- und Investitionskultur zu entwickeln, Vermögen nicht nur zu bewahren, sondern zu nutzen – für Innovation, Teilhabe und nachhaltigen Fortschritt. Es braucht Mut zur Aktie, Mut zum Eigentum, Mut zur Gestaltung.

Doch dieser Mut braucht auch politische Rahmenbedingungen, die Fairness ermöglichen. Eine Debatte über gerechte Erbschaftsmodelle, über neue Formen der Vermögensbildung und über eine echte Beteiligungskultur ist überfällig. Eigentum darf nicht nur ein Ergebnis von Herkunft sein – es muss wieder Ziel und Möglichkeit sein für alle, die etwas aufbauen wollen.

Wem gehört Deutschland? Eine offene Frage

Dieses Magazin will nicht mit dem Finger zeigen. Es will öffnen – für einen ehrlichen Blick auf Eigentum, Macht und Verantwortung. Für ein Land, das sich selbst zutraut, Antworten auf die großen Fragen zu finden: Wie organisieren wir Eigentum in einer globalen Wirtschaft? Wie sichern wir Kontrolle in einer Zeit grenzenloser Kapitalströme? Und wie schaffen wir eine Ordnung, in der Leistung weiterhin zählt?

Ihr Markus Gentner

DWN-Chefredakteur

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Während der Markt panikartig verkauft, setzt das "kluge Geld" fieberhaft Bitcoin-Druckmaschinen ein?

Der Markt hat kürzlich eine scharfe Korrektur durchlaufen, wobei sich Panik wie eine Seuche ausbreitete, als Verkäufer ihre...

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

avtor1
Markus Gentner

Markus Gentner ist seit 1. Januar 2024 Chefredakteur bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Zuvor war er zwölf Jahre lang für Deutschlands größtes Börsenportal finanzen.net tätig, unter anderem als Redaktionsleiter des Ratgeber-Bereichs sowie als Online-Redakteur in der News-Redaktion. Er arbeitete außerdem für das Deutsche Anlegerfernsehen (DAF), für die Tageszeitung Rheinpfalz und für die Burda-Tochter Stegenwaller, bei der er auch volontierte. Markus Gentner ist studierter Journalist und besitzt einen Master-Abschluss in Germanistik.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stromausfall oder Blackout: Deutsche Firmen sind schlecht auf einen Ernstfall vorbereitet
11.02.2026

Trotz einer verschärften Sicherheitslage ist die deutsche Wirtschaft nur unzureichend gegen hybride Bedrohungen wie Cyberangriffe oder...

DWN
Politik
Politik Europas Verhandlungskurs auf dem Prüfstand: Russlands Finanzlage im Ukrainekrieg unter Druck
11.02.2026

Russlands wirtschaftliche Grenzen im Ukrainekrieg treten immer deutlicher hervor, während Europa über Gespräche mit dem Kreml nachdenkt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiepreise unter Druck: KI-Rechenzentren treiben US-Strompreise in die Höhe
11.02.2026

Der Ausbau von KI-Rechenzentren treibt den Stromverbrauch in den USA nach oben und erhöht regional die Strompreise. Wie stark verändert...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Wirtschaft: Krisen kosten Deutschland fast 1.000 Milliarden Euro
11.02.2026

Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Zoll-Streit: Seit 2020 reiht sich eine Krise an die andere. Das kommt die deutsche Wirtschaft teuer zu...

DWN
Panorama
Panorama Allensbach-Studie: Weniger Rückhalt der Deutschen für Energiewende
11.02.2026

Fossile Energieträger wie Kohle und Gas sollen in Deutschland schrittweise durch erneuerbare Energien ersetzt werden - für mehr...

DWN
Politik
Politik Neuwahlen Ukraine: Selenskyj könnte Präsidentenwahl für 15. Mai ansetzen
11.02.2026

Die USA wollen ein schnelles Ende des Ukraine-Kriegs: Einem Bericht der Financial Times zufolge könnte Präsident Selenskyj die Flucht...

DWN
Politik
Politik Epstein Files: Von Adel bis Politik - das „Wer ist wer“ der Epstein-Akten
11.02.2026

Royals, Regierungsmitglieder und Diplomaten: Das Netzwerk des US-Multimillionärs und Sexualstraftäters Jeffrey Epstein umspannte die Welt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Polizeieinsatz in Grünheide: Tesla gegen IG Metall
11.02.2026

Wenige Wochen vor der Betriebsratswahl kommt es im Werk von US-Elektroautobauer Tesla in Grünheide zu einem Eklat. Damit spitzt sich der...