Politik

Arbeitslosenzahlen höher als erfasst: Wie die Bundesagentur für Arbeit trickst

Die Bundesagentur für Arbeit führt Buch über die Arbeitslosenzahlen in Deutschland. Doch nicht jeder, der keinen Job hat, wird dort als arbeitslos aufgeführt. Warum viele Arbeitslose nicht in der Statistik auftauchen.
28.08.2025 15:21
Lesezeit: 2 min

Arbeitslosenzahlen höher als erfasst: Wie viele Menschen aus der Statistik fallen

Die offiziellen Zahlen zu Arbeitslosen in Deutschland zeichnen ein verzerrtes Bild. Viele Arbeitslose tauchen nicht in der Statistik auf. Die Bundesagentur für Arbeit erfasst zwar umfangreiche Daten, doch ein großer Teil der Erwerbslosen gilt offiziell nicht als arbeitslos. Damit liegt die wahre Zahl der Arbeitslosen deutlich höher, als es die veröffentlichte Quote vermuten lässt.

Unterschied zwischen offizieller Definition und Alltagsverständnis

Für die meisten bedeutet „arbeitslos“, keinen Job zu haben und keiner Ausbildung nachzugehen. Nach dem Sozialgesetzbuch III zählt jedoch nur, wer vier Bedingungen erfüllt: aktuell ohne Beschäftigung, auf der Suche nach einer sozialversicherungspflichtigen Stelle, für die Vermittlung verfügbar und bei der Agentur für Arbeit als arbeitslos gemeldet. Außerdem darf keine Teilnahme an einer Maßnahme der aktiven Arbeitsmarktpolitik vorliegen, wie etwa einem Bewerbungstraining.

Brisant bleibt zudem: Wer älter als 58 Jahre ist, Bürgergeld bezieht und seit zwölf Monaten kein Jobangebot erhielt, fällt aus der Statistik – sofern dieser Zustand vor 2022 bestand. Trotz Abschaffung der Regelung kamen Betroffene nicht zurück in die offizielle Erfassung der Arbeitslosen.

Wer ohne Job bleibt, aber nicht als Arbeitslose gezählt wird

Im März 2025 meldete die Bundesagentur knapp drei Millionen registrierte Arbeitslose. Hinzu kommen Menschen in Qualifizierungsmaßnahmen oder mit längerer Krankheit, die als „unterbeschäftigt“ gelten. In dieser Gruppe finden sich etwa 731.000 Personen, die nicht als arbeitslos geführt werden, wie die NOZ zuerst berichtete.

Zudem beziehen mehr als 408.000 Bürgergeldempfänger keine Erwerbsarbeit, da sie durch Kindererziehung, Pflege oder Haushalt gebunden sind. Für die Behörde gilt eine Erwerbstätigkeit in solchen Fällen als unzumutbar. Über 60.000 weitere Menschen fallen unter die Sonderregelung für über 58-Jährige.

Die wahre Größenordnung der Erwerbslosigkeit

Addiert man alle Gruppen, ergibt sich ein klares Bild: Rund 1,204 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter haben keinen Job, zählen aber nicht als Arbeitslose. Zusammen mit den offiziell registrierten Arbeitslosen ergibt das knapp 4,2 Millionen Erwerbslose. Das entspricht einer Quote von 9,1 Prozent – rund 30 Prozent höher als die offizielle Quote von 6,4 Prozent.

Ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit betont: „Die Arbeitslosen bilden ganz gut die Zahl derjenigen ab, die morgen eine Arbeit aufnehmen könnten.“ Arbeitgeber mit offenen Stellen sehen diese Zahl oft als relevanter an, obwohl viele Menschen so aus der Statistik fallen.

Unterschiedliche Messmethoden verschleiern das Bild

Die Definition bestimmt die Quote entscheidend. Die International Labor Organisation (ILO) setzt die Grenze für Beschäftigung schon bei einer Stunde pro Woche. Daher liegen die von Eurostat und dem Statistischen Bundesamt berechneten ILO-Arbeitslosenquoten bei nur 3,6 Prozent.

Solche Differenzen zeigen, dass die offizielle Arbeitslosenstatistik nur einen Teil der Realität abbildet. Wer ein vollständiges Bild vom Arbeitsmarkt erhalten möchte, muss hinter die veröffentlichten Zahlen blicken.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Unternehmen
Unternehmen Rechtliche Stolperfallen bei Unternehmensgründung und Vertragsgestaltung - Was Entscheidungsträger wissen sollten

Die Gründung eines Unternehmens ist ein entscheidender Schritt für Unternehmerinnen und Unternehmer - eine Phase, die sowohl Chancen als...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik USA wollen sich für Jahre Zugriff auf Venezuelas Öl sichern
08.01.2026

Präsident Trump meldet Ansprüche auf die gewaltigen Bodenschätze an. Doch die Regierung in Caracas will sich nicht unter Druck setzen...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie hebt ab: Was hinter dem Aufwärtstrend des DAX-Werts steckt und welche Rolle Venezuela spielt
08.01.2026

Die Rheinmetall-Aktie ist am Donnerstag kräftig nach oben geklettert. Der DAX-Wert setzt damit seine Aufwärtsrally seit Beginn des neuen...

DWN
Finanzen
Finanzen Amazon-Aktie: Warum Anleger zwischen Chance und Risiko abwägen
08.01.2026

Amazon prägt den globalen Technologiemarkt, bleibt an der Börse zuletzt jedoch hinter anderen Konzernen zurück. Handelt es sich dabei um...

DWN
Technologie
Technologie Lego Smart-Brick: Technologischer Meilenstein verändert den Spielwarenmarkt
08.01.2026

Lego befindet sich in einer Phase außergewöhnlicher Marktdynamik und strategischer Neuorientierung. Reicht technologische Innovation aus,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Erholt sich die deutsche Industrie?
08.01.2026

Die deutschen Industrieunternehmen überraschen im November mit einem kräftigen Auftragsschub. Besonders Metallerzeugnisse und der...

DWN
Finanzen
Finanzen Zalando-Aktie: Logistikzentrum Erfurt schließt, 2.700 Jobs betroffen
08.01.2026

Der Berliner Modekonzern Zalando zieht die Reißleine und schließt sein Logistikzentrum in Erfurt. 2.700 Beschäftigte verlieren ihren...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Abfindung verhandeln: Wie Sie das Optimale aus Ihrem Jobverlust herausholen
08.01.2026

Die deutsche Wirtschaft streicht Stellen. Um Jobs abzubauen, bieten Unternehmen Mitarbeitern oft hohe Abfindungen an, um die...

DWN
Politik
Politik Venezuelas Ölreserven: Warum Trumps Zugriff die Weltordnung erschüttern könnte
08.01.2026

Donald Trump beansprucht Venezuelas Ölreserven und erhebt damit einen Machtanspruch, der weit über Lateinamerika hinausreicht. Hinter der...