Politik

Finanzkrise im Gesundheitswesen: Klinik-Chef will Leistungen für Rentner kürzen

Das deutsche Gesundheitssystem steht vorm finanziellen Kollaps: Milliardendefizite erfordern Einsparungen. Dabei denken Politik, Kassen und Kliniken in erster Linie an weniger Leistungen für betagte Beitragszahler, wie Rentner und Senioren. Warum werden nicht die Leistungen für Nichtzahler gekürzt?
23.09.2025 11:00
Lesezeit: 4 min

Die Bundesregierung hat ein Milliarden-Problem. Deutschland muss sparen. Besonders im Fokus dabei aktuell: Die explodieren Gesundheitskosten. Jetzt sorgt ein Klinikchef mit einem brisanten Vorschlag für Aufsehen: Er will die Leistungen für Rentner und Senioren kürzen.

Klinikchef für Leistungskürzungen für über 80-Jährige

Der Chef der Klinikgruppe Sana sagte nun im Podcast „Table.Today“: „Müssen wir in jeder Lebensphase, ich rede von 80 aufwärts, die vollumfängliche Medizin zukommen lassen wie Implantate, Hüfte, künstlicher Knieersatz?“ In den meisten anderen Ländern der Welt würden medizinische Leistungen für Senioren und Rentner ab einem bestimmten Alter nur bei Eigenbeteiligung angeboten, so der Sana-Vorstandsvorsitzende Thomas Lemke weiter.

Lemke ist sich dabei selbst bewusst, dass sein Vorschlag für Personen in der Rente ethisch-moralisch hoch fragwürdig ist und eine breite Diskussion in der deutschen Gesellschaft erfordere. Er meint aber: „Wir werden da ranmüssen“.

Der Sana-Chef stellte allerdings klar, dass damit nicht die klassische Standardversorgung oder auch Notfall-Versorgung gemeint sei. Zudem sprach er sich in dem Podcast für Anreize statt Sanktionen aus. Aktuell erfolgt der Vorstoß vor dem Hintergrund steigender Beiträge der Krankenkassen.

Künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft?

Der Vorstoß erinnert auch an den früheren Vorsitzenden der Jungen Union, Philipp Mißfelder. Der mittlerweile verstorbene Mißfelder hatte im Jahr 2003 Empörung mit der Frage ausgelöst, ob 85-Jährige noch auf Kosten der Solidargemeinschaft künstliche Hüftgelenke bekommen sollten.

Die SPD warnt hingegen noch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) vor Leistungskürzungen in der gesetzlichen Krankenversicherung. „Frau Warken ist gefordert, nicht den vermeintlich einfachen Weg über Leistungskürzungen und Privatisierungen zu gehen“, sagte die SPD-Fraktionsvize, Dagmar Schmidt, der „SZ“. „Es geht stattdessen darum, echte Strukturreformen voranzutreiben, die eine bessere Versorgung der Patientinnen und Patienten zum Ziel haben und die vorhandenen Ressourcen im System besser nutzen.“

Im Moment allerdings kämpft die Bundesregierung parallel mit einer milliardenschweren Klage der gesetzlichen Krankenkassen, weil der Bund nicht genug für die Versorgung von Bürgergeldempfängern zahlt. Es bleibt abzuwarten, ob die SPD bei ihrem Kurs gegen Leistungskürzungen bleibt.

Versorgung von Bürgergeldempfängern: Kassen verklagen Bund auf zehn Milliarden Euro

Die gesetzlichen Krankenkassen kämpfen mit einem Milliardendefizit – und das auch, weil nach ihrer Einschätzung der Bund nicht genug für die Versorgung von Bürgergeldempfängern zahlt. Die Kassen haben wegen der Unterfinanzierung den Bund aktuell auf zehn Milliarden Euro verklagt.

Der GKV-Spitzenverband der Kassen argumentiert, sie blieben fast ganz auf den Kosten für die Versorgung von Bürgergeldempfängerinnen und Bürgergeldempfängern sitzen. Denn für deren gesundheitliche Versorgung erstatte der Bund den Kassen nicht die vollen Kosten. Die Differenz müssten dann die 75 Millionen gesetzlich Versicherten und ihre Arbeitgeber über ihre Beiträge ausgleichen.

Der GKV-Spitzenverband weist als Vertreter der gesetzlichen Kassen seit mehr als 15 Jahren auf diese finanzielle Schieflage hin. Dennoch finde sich auch im aktuellen schwarz-roten Koalitionsvertrag nichts zu dem Thema.

Krankenkassenbeiträge: Versicherten drohen weitere Anstiege

Ohne Ausgleich drohen für alle Versicherten Beitragserhöhungen auf Rekordniveau: Die Beiträge könnten eine Höhe erreichen, die das Wirtschaftswachstum dämpfen könnte, warnte der Bundesrechnungshof in einem Schreiben an den Haushaltsausschuss des Bundestags. Bis zum Jahr 2029 könnte der Zusatzbeitrag deshalb auf 4,05 Prozent steigen. Die Forderung: kurzfristige Einsparungen sind erforderlich. Auch unabhängig von Maßnahmen der Bundesregierung haben Beitragszahlende jetzt die Möglichkeit, ihre Krankenkassenkosten zu dämpfen.

Lemke schlug außerdem ein Bonus-Modell vor, um die Zahl von Arztbesuchen in Deutschland zu verringern. So könnten Versicherte etwa 100 bis 200 Euro pro Jahr erstattet bekommen, wenn sie nur zwei Mal oder weniger zum Arzt gehen, regte der Chef des Klinikkonzerns vor.

Zudem wetterte Lemke gegen die „maximale Kontrollwut“ in Sachen Bürokratie im Gesundheitswesen. Hier bedürfe es einem radikalen Abbau.

Krankenkassen in finanzieller Schieflage – Milliardenlücke wird größer

Ein wesentlicher Kostentreiber im deutschen Gesundheitswesen ist der demografische Wandel: Die alternde Gesellschaft führt zu einer steigenden Zahl älterer Patientinnen und Patienten, die intensivere und langfristigere Behandlungen benötigen, während gleichzeitig die Zahl der Beitragszahler sinkt. Hinzu kommt der medizinisch-technische Fortschritt – neue Diagnoseverfahren, spezialisierte Therapien und innovative Medikamente verbessern zwar die Behandlungschancen, treiben jedoch die Ausgaben deutlich in die Höhe. Auch die wachsende Bürokratie in Kliniken und Praxen verursacht zusätzliche Verwaltungskosten und bindet Ressourcen, die nicht unmittelbar der Patientenversorgung zugutekommen, das zeigt der aktuelle Bericht des Bundesrechnungshofs zur Finanzlage der GKV.

Die Finanzlage der gesetzlichen Krankenkassen bessert sich seit Monaten nicht. Die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben der Kassen wächst laut dem Bundesrechnungshof derzeit jährlich um sechs bis acht Milliarden Euro. Der Bund schiebe notwendige Schritte jedoch „auf die lange Bank“, kritisierten die Rechnungsprüfer. „Die Rücklagen der Krankenkassen sind aufgezehrt und sichern keine ausreichende Beitragsstabilität.“ Über den Bericht der Behörde hatte zunächst das Nachrichtenmagazin „Politico“ berichtet.

Die Folge: Seit Jahresbeginn haben zahlreiche Kassen ihre Beiträge angepasst. Im Juli 2025 und August 2025 legten einige Anbieter nochmal nach und erhöhten ihre Zusatzbeiträge erneut. Bei den teuersten Krankenkassen überschreitet der Beitragssatz sogar die 18 Prozent, bei der Knappschaft Krankenkasse ist der Beitragssatz mit 19 Prozent (Stand August 2025) am teuersten.

Fazit: Pauschale Altersgrenzen für medizinische Leistungen?

Die langfristige Beitragsleistung muss stärker berücksichtigt werden: Ältere Bürger haben ein Leben lang in die Solidargemeinschaft eingezahlt und verdienen auch im Alter eine würdige Behandlung. Menschen, die wenig oder gar nichts eingezahlt haben (zum Beispiel Einwanderer oder von der Beitragszahlung Befreite), werden gegenüber den älteren Beitragszahler bevorzugt.

Das Gesundheitssystem braucht dringend Reformen – etwa Entbürokratisierung, effizientere Strukturen und den Abbau von Verschwendung. Aber pauschale Altersgrenzen sind der falsche Weg. Medizinische Entscheidungen müssen sich an Nutzen, Lebensqualität und Patientenwillen orientieren – nicht am Geburtsdatum. Wer hier Grenzen zieht, gefährdet den Kern der solidarischen Versicherung und gefährdet die Gerechtigkeit in einer Solidargemeinschaft.

Über die Klinikgruppe Sana:

Die Klinikengruppe Sana ist ein großer bundesweiter Gesundheitsdienstleister, der Akut-, Fach- und Rehabilitationskliniken, Medizinische Versorgungszentren (MVZ) und Sanitätshäuser betreibt. Das 1976 gegründete Unternehmen versorgt nach eigenen Angaben jährlich vier Millionen Patientinnen und Patienten. Die Leistungen werden bundesweit in 46 Krankenhäusern, 57 MVZ-Gesellschaften und knapp 550 Arztsitzen sowie 60 Sanitätshäusern und Präventionspraxen erbracht.

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Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

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