Politik

Nach Charlie Kirks Tod: Greift Vance nach Trump-Nachfolge im republikanischen Lager?

Nach dem Mord an Charlie Kirk steht Vizepräsident J.D. Vance plötzlich im Rampenlicht der Trump-Nachfolge. Mit harter Rhetorik und dem Schulterschluss mit Kirks Bewegung will er das republikanische Erbe sichern – und könnte die USA noch stärker polarisieren. Was bedeutet das für die Zukunft Amerikas und für Deutschland?
27.09.2025 11:00
Lesezeit: 3 min
Nach Charlie Kirks Tod: Greift Vance nach Trump-Nachfolge im republikanischen Lager?
Vizepräsident J.D. Vance auf der Bühne beim Gedenkgottesdienst von Charlie Kirk im State Farm Stadium, Glendale, Arizona. (Foto: dpa) Foto: Stephanie Scarbrough

Vance positioniert sich für die Trump-Nachfolge

Zwei markante Folgen stechen in den Nachwirkungen der gewaltigen politisch-religiösen Gedenkfeier am Sonntag für Charlie Kirk hervor, den 31-jährigen republikanischen Aktivisten.

Zum einen nutzte Vizepräsident J.D. Vance die Gelegenheit, seine Position als republikanischer Präsidentschaftskandidat zu stärken, wenn die Wahl 2028 ansteht. Zum anderen geht es um die Zwischenwahlen zum Kongress im kommenden Jahr. Diese fallen für die Partei des amtierenden Präsidenten fast immer negativ aus, sodass die letzten beiden Jahre einer Amtszeit oft zu einem lähmenden Stillstand zwischen Präsident und Kongress werden. Nach dem Mord an Charlie Kirk könnte 2026 jedoch die Ausnahme sein, die die Regel bestätigt.

Doch blicken wir zunächst auf die Präsidentschaftswahl in drei Jahren: Es ist offensichtlich – sofern Präsident Trump nicht versuchen wird, die Verfassung zu umgehen –, dass die Republikaner eine neue Galionsfigur brauchen. Der Vizepräsident ist der natürliche Erbe, und J.D. Vance ist mit vorläufigem Erfolg dabei, sich in Stellung zu bringen. Eine Umfrage des Emerson College Polling aus dem Juni dieses Jahres zeigt, dass er die Unterstützung von 46 Prozent der Republikaner erhält. Weit dahinter folgen Außenminister Marco Rubio mit 12 Prozent und Floridas Gouverneur Ron DeSantis mit 9 Prozent.

Mit seiner Rolle als Co-Moderator in The Charlie Kirk Show, die den ermordeten Gastgeber ehrte, machte Vance seine Strategie klar, das Kandidatenfeld seiner Partei zu dominieren. Es wirkt wie eine Mischung aus Trumps erfolgreicher Nutzung sozialer Medien ohne kritische Fragen und dem Versuch, Turning Point USA – die Bewegung, die Charlie Kirk selbst gegründet hatte und die Millionen junger Amerikaner politisch und religiös mobilisierte – vollständig zu übernehmen.

Aggressive Rhetorik und Machtstrategie

In Europa konzentriert man sich zwar auf Präsident Trump und dessen politisch-ökonomische Folgen für die Welt, doch auch die jüngsten Aussagen von Vizepräsident J.D. Vance sind aufsehenerregend.

Nach zwei jüngsten tödlichen US-Angriffen auf angeblich mit Drogen aus Venezuela beladene Schnellboote schrieb Vance auf X: „Kartellmitglieder zu töten, die unsere Mitbürger vergiften, ist die höchste und beste Nutzung unseres Militärs.“ Ein Nutzer wies darauf hin, dass es sich um ein Kriegsverbrechen handle, andere Staatsbürger ohne rechtliches Verfahren zu töten. Vances Antwort fiel knapp und hart aus: „Es ist mir egal, wie du es nennst.“

Für Beobachter in den USA ist dies nicht nur ein weiteres Beispiel für die Missachtung des Völkerrechts durch die Trump-Regierung, sondern auch ein Signal, dass J.D. Vance seine politische Zukunft auf eine Kombination aus der Reichweite erfolgreicher Podcaster und realer Macht aufbaut.

Charlie Sykes, politischer Kommentator und Autor, warnte gegenüber The Guardian: „Die Grenze zwischen Menschen, die Einfluss als Podcaster wollen, und realer politischer Macht verschwimmt. Offenbar hat J.D. Vance entschieden, dass sein Weg zur Macht darin besteht, Charlie Kirks Schuhe zu füllen und seine Rhetorik zu übernehmen.“ Sykes fragt sich daher, ob Vance der Erbe von Donald Trump oder von Charlie Kirk sein wird. Ein Mix aus beiden Strategien scheint derzeit der erfolgversprechendste Weg.

Zwischenwahlen und die Rolle der Trump-Nachfolge

Bemerkenswert war, dass J.D. Vance im Air Force Two saß, als Kirks Sarg von Ohio nach Arizona geflogen wurde – und dass seine Frau Usha Vance Hand in Hand mit der Witwe Erika Kirk aus dem Flugzeug stieg.

Die zentrale Rolle des Vizepräsidenten führt direkt zur Frage der republikanischen Kontrolle über beide Kammern des Kongresses bei den Wahlen im nächsten Jahr. Ausgangslage: denkbar schlecht. In 20 der letzten 22 Zwischenwahlen verlor die Präsidentenpartei. Ausnahmen waren 2002 nach den Terroranschlägen vom 11. September und 1998, als die Republikaner erfolglos versuchten, Präsident Bill Clinton in einem Amtsenthebungsverfahren zu stürzen.

Zudem steht Präsident Trump in den Umfragen schwach da. Besonders die wirtschaftliche Lage sorgt für Unmut. Laut einer Erhebung von YouGov/Economist liegt seine Zustimmung bei nur 39 Prozent, während 57 Prozent unzufrieden sind. In der Wirtschaftspolitik lehnen sogar 57 Prozent seine Arbeit ab, nur 35 Prozent sind zufrieden.

Doch die Republikaner könnten im Schatten von Kirks Tod neuen Auftrieb erhalten. Wenn die tausenden Anfragen zur Gründung neuer Ableger von Turning Point USA mehr sind als spontane Reaktionen auf das Attentat und die Zeremonie in Arizona, könnte dies die Dynamik der Zwischenwahlen verändern. Erika Kirk betonte nach dem Mord an ihrem Mann: „Wir sahen keine Gewalt, wir sahen keine Revolution. Stattdessen sahen wir das, wofür mein Mann immer gebetet hatte – dass wir zum Leben zurückkehren.“

Hält diese Stimmung an, könnte sie viele junge republikanische Wähler mobilisieren. Die Breite der Unterstützung überrascht selbst politische Beobachter. Gelingt es der Partei, dieses Momentum zu nutzen, stärkt es die Republikaner in der Zeit nach Trump.

Trump schwächelt: Vance formt die Republikaner neu

Für Deutschland und Europa bedeutet die Trump-Nachfolge-Debatte eine erhebliche Unsicherheit. Sollte J.D. Vance tatsächlich in die Fußstapfen von Charlie Kirk und Donald Trump treten, droht eine noch kompromisslosere Rhetorik gegenüber internationalen Partnern – auch gegenüber der EU und Deutschland. Dies könnte sich auf Handelsabkommen, NATO-Verpflichtungen und die geopolitische Stabilität Europas auswirken. Eine Radikalisierung der Republikaner würde Deutschland zwingen, seine außen- und sicherheitspolitische Eigenständigkeit deutlich auszubauen.

Die Ermordung von Charlie Kirk hat nicht nur religiös-politische Symbolkraft, sondern auch die Machtspiele innerhalb der Republikaner beschleunigt. J.D. Vance baut sich als designierter Erbe der Trump-Nachfolge auf – mit einer Mischung aus aggressiver Rhetorik, Podcaster-Reichweite und institutioneller Macht. Ob dies die Republikaner stärkt oder spaltet, wird die kommenden Jahre entscheiden – für die USA und für Europa gleichermaßen.

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