Politik

Jens Stoltenberg: Die EU kann die NATO nicht ersetzen

Die EU redet viel über Verteidigung – doch ohne NATO bleibt Europa wehrlos. Ex-NATO-Chef Jens Stoltenberg warnt: 80 Prozent der militärischen Last tragen Nicht-EU-Staaten. Währenddessen fordert Polens Finanzminister eine gemeinsame Verschuldung für Rüstungsausgaben – und stößt die EU damit an ihre Grenzen.
05.10.2025 08:42
Lesezeit: 2 min

Stoltenberg: Ohne die USA ist Europas Sicherheit Illusion

Die NATO-Staaten haben ihre Verteidigungsausgaben um 400 Mrd. US-Dollar erhöht, doch weiterhin stammen 80 Prozent der finanziellen Mittel von Ländern außerhalb der EU – betont der ehemalige NATO-Chef. Ihm sekundiert Andrzej Domański, Finanz- und Wirtschaftsminister, der eine europäische Kofinanzierung anregt.

Europa sei nicht nur die Union, unterstrich Jens Stoltenberg, Finanzminister Norwegens und ehemaliger NATO-Generalsekretär, beim diesjährigen Warsaw Security Forum (WSF). Die Kollegen von „Puls Biznesu“ sind Medienpartner der Veranstaltung. „In der EU leben 450 Mio. Menschen, in den europäischen NATO-Staaten 600 Mio. Schauen wir auf die Karte. Die Türkei ist entscheidend im Kampf gegen ISIS und für die Verteidigung der Südflanke. Norwegen und Island sind vielleicht nicht sehr groß, aber extrem wichtig für die transatlantische Bindung. Die EU ist wichtig, aber die NATO ist der Rahmen zum Schutz Europas“, erklärte der Ex-Generalsekretär. Er fügte hinzu, dass 80 Prozent der NATO-Verteidigungsausgaben von Bündnisstaaten außerhalb der EU kommen, etwa den USA, Großbritannien oder Kanada. In der vergangenen Dekade steigerten die Mitgliedsstaaten ihre Militärausgaben um 400 Mrd. US-Dollar. Am meisten investieren die USA – 845 Mrd. US-Dollar gegenüber 559 Mrd. US-Dollar aus Europa und Kanada, wie NATO-Daten zeigen. Norwegen selbst gehört zu den fünf Ländern, die proportional am meisten in die Verteidigung investieren – genau 3,35 Prozent des BIP. Ende Juni kündigte die Regierung an, die Quote auf 5 Prozent des BIP zu erhöhen (die NATO-Vorgabe liegt bei 2 Prozent).

Stärke in der Gemeinschaft

Bei den Militärausgaben bleibt Polen führend unter den europäischen Staaten und ist neben Litauen das einzige Land, das über 4 Prozent des BIP auf Verteidigung verwendet. Im kommenden Jahr sollen die Ausgaben ein Rekordniveau von 200 Mrd. Złoty erreichen, das entspricht 4,8 Prozent des BIP – trotz angespannter Haushaltslage. Zur Erinnerung: Rüstungsausgaben unterliegen der sogenannten Ausnahmeklausel. Sie erlaubt es Mitgliedsstaaten, vorübergehend von den Haushaltsregeln abzuweichen, um wegen des Kriegs in der Ukraine mehr für Verteidigung auszugeben. „Wir schätzen die Ausnahmeklausel. Am Ende ist Schuldenaufnahme Schuldenaufnahme – wir verstehen, dass sie ihre Grenzen hat. Wichtiger ist, wie wir das Geld ausgeben, nicht wie viel. Für mich ist entscheidend, es so einzusetzen, dass es die polnische und die europäische Wirtschaft stärkt“, sagte Andrzej Domański, Finanz- und Wirtschaftsminister.

Er betonte, dass die EU-Länder gemeinsame Finanzierungsmodelle für Verteidigungsausgaben erwägen sollten.„Unsere Pflicht ist, für eine gemeinsame Verschuldung zu argumentieren. Sicherheit ist ein gemeinsames Gut, deshalb brauchen wir gemeinsame Lösungen. Ein Beispiel ist SAFE, also das Unterstützungsinstrument für die Entwicklung der europäischen Rüstungsindustrie. Es ist ein sehr gutes Instrument, zumal Polen sein größter Profiteur ist. Eine zweite wichtige Finanzierungsquelle ist der Staat selbst, deshalb fordern wir die Länder zu höheren Verteidigungsausgaben auf“, erklärte Domański.

Das SAFE-Programm ist eine Initiative der EU, die Europa angesichts der wachsenden militärischen Stärke Russlands aufrüsten soll. Es handelt sich um ein System von Vorzugskrediten, das während der polnischen EU-Ratspräsidentschaft eingeführt wurde. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums soll Polen größter Nutznießer des Fonds werden – mit 43,7 Mrd. Euro. Insgesamt stehen für 19 Mitgliedstaaten 150 Mrd. Euro zur Verfügung. Die Mittel sollen die Schlüsselkapazitäten der polnischen Armee stärken, darunter Luft- und Raketenabwehr, Artilleriesysteme sowie den Kauf von Munition, Drohnen und Anti-Drohnen-Systemen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa unter Zugzwang: Was im globalen KI-Wettlauf auf dem Spiel steht
06.05.2026

Europas Rückstand im KI-Wettlauf wird für Wirtschaft und Politik zunehmend zu einem strategischen Risiko. Kann der Kontinent seine...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Rekordschlussstände für S&P 500 und Nasdaq, während der Waffenstillstand hält
05.05.2026

Erfahren Sie, welche Faktoren die Märkte aktuell antreiben und warum die Anleger trotz globaler Spannungen optimistisch bleiben.

DWN
Politik
Politik Misstrauensvotum in Rumänien: Prowestliche Regierung stürzt
05.05.2026

Rumäniens Regierung ist nach einem überraschenden Bündnis aus Rechtsextremen und Sozialdemokraten gestürzt. Hinter dem Misstrauensvotum...

DWN
Politik
Politik Trump erhöht Druck auf Grönland: US-Experte warnt vor Folgen für Europa
05.05.2026

Trump verschiebt die geopolitischen Machtlinien der USA und verbindet den Zugriff auf Grönland mit Energiefragen und Zugeständnissen an...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Teilkrankschreibung gegen hohe Fehlzeiten: Ist die Regelung sinnvoll?
05.05.2026

Krank, aber nicht ganz arbeitsunfähig – das soll künftig möglich sein: Im Zuge der neuen Gesundheitsreform hat die Bundesregierung die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Stromnetz im Kostencheck: Welche Technologien langfristig überzeugen
05.05.2026

Europas Stromversorgung steht vor einer neuen Kostenlogik, in der erneuerbare Energien, Speichertechnologien und verlässliche Grundlast...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie steigt trotz schwachem Quartal
05.05.2026

Die Zahlen fallen schwächer aus als erwartet, doch die Aktie reagiert überraschend robust. Statt Abverkauf setzt Rheinmetall auf eine...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unicredit greift Commerzbank an: Übernahme rückt näher
05.05.2026

Unicredit macht Ernst und treibt die Übernahme der Commerzbank mit Tempo voran. Doch Widerstand aus Berlin und Frankfurt könnte den Deal...